Ed Brubalers und Sean Phillips‘ Neo-Noir-Serie „Criminal“ wartet mit vielen Qualitäten auf. Hoffnung ist den Storys gänzlich fremd. Nun ist der dritte Band der Deluxe Edition erschienen.
„Es gab ein Meisterwerk, aber das haben nur eine Handvoll Leute je zu Gesicht bekommen.“ Die Reihe „Criminal“ von Ed Brubaker und Sean Phillips ist damit nicht gemeint. Sie läuft zwar unter „Meisterwerk“, aber hat erfreulich viele Leser gefunden, mehrfach Auszeichnungen erhalten und viel Lob bekommen. Im Jahr 2025 hat Christian Endres vom Tagesspiegel sie etwa als „eine der besten Krimi- und Comicserien“ bezeichnet. Das Zitat am Anfang stammt aus dem neuesten, dritten Sammelband „Criminal – Deluxe Edition Band III“. Er erfüllt alle Criminal-Erwartungen: Die Reihe enthält keine klassischen Krimistorys. Niemand zeigt darin ernsthaft Interesse, irgendwelche Verbrechen aufzuklären – es sei denn vielleicht, um eigenen Profit daraus zu schlagen. Hier werden Verbrechen einfach begangen, mehr oder minder zwangsläufig. In den packend inszenierten Kurzgeschichten herrschen Niedertracht, Verrat und Lust am Leiden anderer. Anstand und Moral treten höchstens als Komparsen auf.
Das Eingangszitat aus der Geschichte „Böses Wochenende“ stammt von dem gescheiterten Comiczeichner Jacob. Einst war er hoffnungsvoller Assistent des Großmeisters Hal Crane, einem „der talentiertesten Künstler, die man je gesehen hat“. Allerdings hat Crane alle Arbeiten seines Assistenten damals übel niedergemacht. Jacobs Träume verpufften. Desillusioniert hat er das Zeichnen aufgesteckt und führt nun ein Leben in Frustration. Tagesjobs halten ihn über Wasser. Da fordert Crane ausgerechnet Jacob als Fahrer und Aufpasser für ein Comicfest an. Ein Wunder, denn der Altmeister hasst solche Events und gilt als „streitsüchtig, paranoid und verbittert“. Sprich: ziemlich unausstehlich.

Klar fragt sich Jacob, warum Crane überhaupt kommt und dann auch noch ihn als Begleiter haben will? Gibt es eine offene Rechnung zwischen ihnen? Will Crane nachtreten, ihn wieder erniedrigen? Trotz aller Vorbehalte nimmt Jacob den Job an. Wie erwartet, pöbelt sich Crane schlecht gelaunt durch die Story, fängt sich Ohrfeigen ein und teilt Watschen aus. Außerdem signiert er gefälschte Animationsfolien, um mit Betrug noch ein bisschen mehr Kasse zu machen. Doch Jacob lässt er in Ruhe. Wie dessen Zitat oben schon andeutet, dreht sich die Story letztlich um einen Comic, ein unveröffentlichtes Meisterwerk. Um Hintergehen und Hintergangenwerden. Um Rache. Um ein mysteriöses, tödliches Unglück, einen angeblichen Autounfall, bei dem Crane mit im Fahrzeug saß, jedoch nur sein Lehrmeister Archie Lewis starb. Damit sei genug verraten zum Ausgang von „Böses Wochenende“, dem tröstlichsten im ganzen Sammelband. Das Gute siegt darin nie, aber immerhin triumphiert das Böse dieses Mal nicht!
In einer anderen Geschichte kommen sich Junkies in der Entzugsklinik einander näher. Zarte Gefühle in „Criminal“? Wissende ahnen, wenn es nett wird in Brubakers Geschichten, drohen sie umso bitterer zu enden. Er spielt geschickt mit Finten: ein bisschen Streicheln vor dem Tritt in die Magengrube. Den größten Teil des dritten Bandes machen Geschichten aus, die um Teeg Lawless kreisen. Bei der Figur wären Streichelfinten vergebene Liebesmüh. Wer frühere „Criminal“ Storys kennt, kennt Teeg und weiß, dass der sich selbst als „Arsch“ treffend charakterisiert. „Das Töten ging Teeg schon immer leicht von der Hand“, beschreibt Brubaker das auffälligste Talent des Widerlings ohne sympathischen Zug. Sein Sohn ist sicher die traurigste Kreatur in „Criminal“.
Erneut badet Brubaker seine Leserschaft also in einen tief dunklen Ozean aus seelischem und körperlichem Schmerz. Etwas ansatzweise Versöhnliches täte zwischendurch manchmal gut. Keine Spur davon. Brubaker legt seine inneren Dämonen nicht an die Kette. Er wandelt sie um in Geschichten, die er brillant und geradezu rabiat unmittelbar erzählt. Seine Plots treffen so hart wie Teegs Fäuste. Sean Phillips bildet wohl das perfekte Pendant, quasi die grafische Entsprechung: Er zeichnet so ungekünstelt und unsentimental, wie Brubaker erzählt. Immer geradeaus, dorthin, wo es schmerzt. Das ist äußerst stimmig und stark, spannend und bestürzend. Der Comic „Criminal“ ist farbig, Brubakers Welt aber grau. Die Hoffnung ist hier längst gestorben.
Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Criminal“.
Ed Brubaker (Szenarist), Sean Phillips (Zeichner): Ciminal – Deluxe Edition Band III • Aus dem Englischen von Resel Rebiersch • Schreiber & Leser, Hamburg 2026 • 396 Seiten • Softcover • 49,80 Euro
Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.

