Comiczeichner-Star Lorenzo Mattotti ist ein Innovateur des Mediums und heute zu Gast bei den Hamburger Graphic Novel Tagen.
Das helle Azurblau des Hintergrunds bringt das Goldgelb der Kleidung der Figur im Vordergrund erst so richtig zum Leuchten: ein Sonnenuntergang in der Toskana. Dabei zeigt die Szene einen Hafen – den in Hamburg vielleicht? Dort nämlich hing das Bild 1993 in der Speicherstadt, neben weiteren von Lorenzo Mattotti. Die Ausstellung trug den Titel „Alleinsein“ und präsentierte neben Comic-Auszügen auch Illustrationen, die Mattotti zu diesem Thema für die Süddeutsche Zeitung angefertigt hatte. Komplementäre Farb-Dramen ziehen sich durch die damals ausgestellten Werke, immer wieder erzeugt das Blau, manchmal auch Türkis, einen Kontrast zu den Gelb-Orange-Brauntönen, dazu kommt eine starke Hell-Dunkel-Dramatik.
Vor 17 Jahren wurde Lorenzo Mattotti einmal gefragt, wie er zu seiner typischen Farbwelt gekommen sei. „Ich glaube, das alles kommt von meiner Liebe zum Licht“, sagte Mattotti damals, „und meiner Verehrung für die italienischen Maler.“ Der selbst in Brescia in der Lombardei geborene Künstler hat seine Heimat vor etwa 20 Jahren verlassen, er lebt heute in Paris. Inzwischen hat er viele Techniken und Stile praktiziert, sich mit zahlreichen Themen befasst. Doch er scheint weiterhin aus den Eindrücken seiner Kindheit und Jugend zu schöpfen.
Das Besondere an der Ausstellung 1993 war, dass sie Teil des Hamburger Spektakels „Am Anfang war der Strich“ war, einer großangelegten Comic-Schau, die den damaligen state of the art abzubilden versuchte. Die Werke wurden dem Comic zugeordnet – dabei enthielten sie fast keines der traditionellen Elemente eines klassischen Comics mehr. Es gab kaum Sprechblasen, keinerlei Onomatopoesie („Bumm!“, „Zack!“, „Peng!“), keine Bewegung signalisierenden Speedlines, noch nicht einmal deutliche Konturen. Aber die da zu sehenden Arbeiten erzählten Geschichten mittels sequentiell angeordneter Felder auf Panels – zu Malerei gewordene Comics. Mattotti gehörte damals zur Avantgarde des Mediums, was sein zuerst 1985 und 1991 dann auch in Deutschland erschienener Band „Feuer“ auch dem erweiterten Kreis von Grafik-Nerds klargemacht haben muss. Damals war er Ende 20, hatte gerade Architektur studiert.
Heute hat sich allgemein der Begriff „Graphic Novel“ durchgesetzt für das, was Mattotti macht. Der ist inzwischen 71 Jahre alt, mit Preisen überhäuft, vielfach und weltweit ausgestellt worden und hat sein Können in Gebieten wie Mode-Illustration, Bühnenbild, Plakatkunst oder Kinderbuch gezeigt. Mattotti ist bekannt für seine Virtuosität mit analogen Techniken, arbeitet mit Pastellfarben und Kreiden, zeigt die Pracht, die in Buntstiften steckt, und versteht sich auf fließende bewegte Linien, auch in Schwarz auf Weiß. Er versteht es, aus einem Felsen oder einem Baum ein Spektakel zu machen allein durch Linienführung und Farbdramaturgie. Seine Figuren stilisiert er in dem Maße, dass sie sich einem formalen Rhythmus anpassen zu scheinen. Das Ergebnis ist fast immer hoch ästhetisch und verheißt dabei Tiefe.
Mattottis Themen sind Menschen im Kontext ihrer Umgebung, aber auch ihr Inneres, Bewegung, Einsamkeit. Er sagte einmal, dass er selbst in der Fremde wenig sozial agiere, sondern allein beobachte, wie sich die Menschen in der Umgebung bewegen würden. Er setzt sie in Beziehung zu dem, was sie umgibt: Architektur, Landschaft, Räume.
2021 brachte er seinen ersten Animationsfilm heraus, „Königreich der Bären“ (auf DVD erhältlich bei Weltkino, Leipzig.) 2023/24 verantwortete er Teile des Bühnenbildes sowie die Plakate zu einer Produktion von Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ an der Oper von Dijons. Und wer durfte wohl das Plakat gestalten, als Italien 2024 Gastland der Frankfurter Buchmesse war? Bei allem Experiment ist bei Mattotti immer etwas Einzigartiges zu erkennen, seit den 1980er-Jahren. „Unverwechselbarer Stil“ ist denn auch der Abend überschrieben, bei dem er nun im Rahmen der Hamburger Graphic Novel Tage auf seinen Berliner Zeichnerkollegen Mawil trifft.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 04.03.2025 in der taz.
Imke Staats hat in Hamburg Kommunikationsdesign studiert, ist freie Illustratorin und Autorin (u. a. Missy, taz, Folker), Schnellzeichnerin, Konzertzeichnerin und seit 2012 Kursleiterin für Zeichen-/Comic- und andere Kreativkurse in Schulen (Dauerbrenner Comic und Zeichnen), Lehrbeauftragte an Schulen.
Abb. oben aus Lorenzo Mattotis Animationsfilm „Königreich der Bären“ (© Weltkino Filmverleih)
