Fast zehn Jahre hat Luka Lenzin in einer Hamburger Drogenberatungsstelle gearbeitet. Sein Comic „Nadel und Folie“ zeigt nicht nur im unaufgeregten Duktus den dortigen Alltag, sondern ist auch eine Kulturgeschichte des Drogenkonsums und eine Kritik an der aktuellen Drogenpolitik.
„Ich muss die gesammelten Splitter mit meiner Sprache zusammenführen, um die Stimme dieser Menschen zu erheben“, erklärt der Protagonist im Prolog zu Luka Lenzins autobiografischer Graphic Novel „Nadel und Folie“. Sprachlose sind die Drogenkonsument*innen Hamburgs, die den Alltag des Protagonisten bestimmen: „Eine gemeinsame Wirklichkeit bringt sie als Klientel zur Beratungsstelle: die Stoffe.“ Diese Wirklichkeit hat Luka Lenzin in der fast zehnjährigen Arbeit in einer Hamburger Drogenberatungsstelle kennengelernt und gibt sie nun ungeschönt an die Leser*innen weiter, denen diese Welt unbekannt ist: „Dir erzähle ich sie, denn ich bin hier und du bist dort draußen.“
Der Alltag in der Drogenberatung wird in seiner Drastik, aber auch seinen absurden Situationen gezeigt, und beschreibt eine Normalität im Umgang, die mit den regelmäßigen Polizeieisätzen gegengeschnitten wird, die eskalieren, was vorher unter Kontrolle war. Die Welt der Drogen steht im Mittelpunkt von „Nadel und Folie“, doch das Buch ist mehr als lediglich ein Einblick in eine für viele unbekannte Welt, es ist gleichzeitig eine Kulturgeschichte des Drogenkonsums, eine Kritik an der aktuellen Drogenpolitik sowie ein Plädoyer für das emanzipatorische Potential des Rauschs: „Das passt doch zu deiner Idee, dass die beste Form von Kritik das Fantasieren von Lebenswelten sei, die so unwiderstehlich sind, dass die Leute sagen, da möchte ich hin und nie wieder zurück“, heißt es einmal in einem Gespräch. Unvoreingenommen lässt sich Lenzin auf die Biografien ein, die er kennenlernt, und in denen Drogen eine zentrale Rolle spielen. Und diese Unvoreingenommenheit wird auch von den Leser*innen eingefordert, in Diskussionen zwischen den Mitarbeiter*innen der Beratungsstelle werden etwa Möglichkeiten der Legalisierung diskutiert: „Wie wär’s denn mit Zulassungsverfahren: Drogenherstellende legen ein Nutzen-Risiko-Verhältnis dar, wie Pharmahersteller eben auch.“ Eindeutige Antworten werden nicht formuliert, aber es wird deutlich, dass die aktuelle Drogenpolitik in Deutschland an der Realität, wie Luka und seine Kolleg*innen sie Tag für Tag erleben, vollständig vorbeigeht.
Die als Tiere gezeichneten Figuren, oftmals skizzenhaft aufs Papier geworfen, unterlaufen auf den ersten Blick die Zuordnung — oder Zuschreibung — als Mitarbeiter*in oder Konsument*in, und unterlaufen so auch einen eventuellen voyeuristischen Blick. Dieser andere Blick auf Geschichte und Gegenwart des gesellschaftlichen wie auch individuellen Umgangs mit Drogen wirkt lange nach.
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #149
Luka Lenzin: Nadel und Folie • Reprodukt, Berlin 2022 • 168 Seiten • Klappenbroschur • 24 Euro
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

