Hermann Huppen (1938–2026)

Der Pionier des frankobelgischen Realismus ist gestorben.

Hermann Huppen, 1938 in Belgien geboren, gehörte zu den bedeutendsten und mindestens eine Dekade lang auch zu den einflussreichsten europäischen Comiczeichnern des vergangenen Jahrhunderts. 1966 war der wichtigste Wendepunkt in seiner jungen Karriere, als ihn der Comic-Autor und frischgebackene Chefredakteur Greg ins “Tintin”-Magazin holte. Zusammen kreierten sie den Abenteuerhelden “Andy Morgan”, 1969 folgte die gemeinsame knallharte Western-Serie “Comanche”, der No-Nonsene-Antipode zu Jean Girauds immer etwas zu geschwätzigen “Blueberry”, in dem Hermann den Zerfall des Western-Mythos, der im Film bereits im vollen Gange war, mit dem souveränen Erzählhandwerk der alten Schule versöhnte.

Ende der 1970er ging Hermann dazu über, seine neuen Serien selbst zu schreiben und steigerte seinen Veröffentlichungsrhythmus auf zwei Alben im Jahr – ein herausragendes Pensum, das er über Jahrzehnte beibehalten sollte. Seine mit über 40 Bänden umfangreichste Serie “Jeremiah”, ein SF-Western in den postatomaren USA, ist überdies ein heute kaum noch vorstellbares Kuriosum, denn sie begann 1978 (noch unter dem Titel “David Walker”) als Eigenproduktion des deutschen “Zack”-Magazins, wo man sich steigende Auflagen davon versprach, den französischen und belgischen Lizenzpartnern mit besseren Konditionen die Künstler abspenstig zu machen, um sie direkt für sich arbeiten zu lassen. Und besonders Hermann zählte – dank “Andy Morgan”, “Comanche” und “Jugurtha”, die alle in “Zack” erschienen – zu den beliebtesten Zeichnern der Leserschaft. Der Versuch währte nur zwei Jahre, aber das waren die Anfänge von Hermanns Mammutserie, deren französische Übersetzung ebenfalls 1978 in “Métal Hurlant” erschien. Ein weiterer Meilenstein war die 1984 debütierende, 14-bändige Ritter-Serie “Die Türme von Bois-Maury”, in der Hermann ein pechschwarzes Bild des Mittelalters zeichnet und all die Verklärungstendenzen der damals angesagten Historiencomics auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Über 120 Alben umfasst Hermanns Ouevre, und bis zum Schluss hat er Comics gezeichnet, zuletzt meist mit seinem Sohn Yves als Szenaristen – erst kürzlich wurde die Veröffentlichung ihres gemeinsamen Thrillers “Cartagena” für den kommenden Monat angekündigt. Wie sein Verlag Le Lombard mitteilte, ist Hermann nun mit 87 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Splitter-Verleger Horst Gotta, der für die aufwendige Restaurierung der deutschsprachigen “Comanche”-Neuausgabe verantwortlich zeichnete, verabschiedet sich:

“Hermann Huppen ist gestorben. Trotz des Wissens um sein Alter und seine Krankheit hat er bis zum Ende nur das getan, was ihn und uns glücklich machte: Geschichten erzählt in Form von Kästchen mit Bildern voller Figuren und Blasen voller Text rundherum. So einfach, aber doch so besonders. Er war darin ein Meister. Seine Freunde im nahen Umfeld nannten ihn ‚den Maestro‘, denn er beherrschte den Pinsel, die Feder, den Rapidographen und den Bleistift wie kaum ein anderer. Er schuf lebendige Welten – fast lebendiger als das Leben selbst. Er schuf Filme, Filme auf Papier. Perspektiven, Körper, Charaktere mit Ausdruck, lebendige Natur und Dramaturgie aus Licht und Schatten sowieso! All das beherrschte er. Seine Welt wurde so zu unserer. Wir konnten uns in ihr verlieren, aber auch wiederfinden. Ich selbst hätte ohne ihn ein verdammt schlechteres Leben geführt… Danke, Hermann, dein Leben hat meines geformt wie nichts anderes.”

Abb. oben: Romain Renards Hermann-Hommage in „Wiedersehen mit Comanche“ (Splitter Verlag)