Psychedelische Komplikationen – „Die hermetische Garage: Jäger und Gejagter“

„Die hermetische Garage“: Posthum erscheint ein Band der Kultserie des französischen Comiczeichners Moebius alias Jean Giraud. In „Jäger und Gejagter“ kämpft die Hauptfigur unter falscher Identität gegen ihr eigenes Ich.

Der seltsame Major Grubert ist die zentrale Figur im Erzählkosmos des französischen Comiczeichners Moebius. Um seine unglaubliche Geschichte zu erfahren, muss man dem mysteriösen Bogenschützen in dem Album „Die hermetische Garage“ zuhören. „Im Grunde ist nur eins sicher“, mutmaßt der Schütze über die Herkunft des Majors. „Er ist 1958 nach Jesus in West-Alemannia geboren. Seine Mutter war Schwedin, sein Vater Alemanne.“ Dieser Familienhintergrund erkläre auch den an eine preußische Pickelhaube erinnernden Tropenhelm des seltsamen Majors. „Während des Vietnam-Kriegs wurde er als vermisst gemeldet, streifte dann zufällig den kleinen Zeitspringerzirkel in Angkor und tauchte merkwürdigerweise in unserem 19. Jahrhundert wieder auf.“ Irgendwann habe Grubert die mythische Arche unserer Vorfahren entdeckt und sei bald darauf dem Geheimnis der Unsterblichkeit auf die Spur gekommen.

Science-Fiction, Abenteuer, Forschungs- und Zeitreisen, religiöse Mythen – in diesem kurzen Monolog aus dem erstmals 1979 erschienenen Comicalbum stecken bereits die wichtigsten Motive und Themen der Kultserie des 1938 nahe Paris als Jean Giraud zur Welt gekommen Zeichners. Nun ist mit „Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter“ posthum ein weiterer Band mit Abenteuern von Major Grubert erschienen, den Moebius noch vor seinem Tod 2012 abschließen konnte. Der Major macht Urlaub irgendwo in der von ihm erschaffenen Dimension der „hermetischen Garage“ und langweilt sich in seiner Unsterblichkeit: „Je unsterblicher ich bin, desto komplizierter wird alles (…) und je komplizierter es wird, desto mehr bringt es mich um! Der Großmeister hatte mich gewarnt: Junge, gib auf die Zeit Acht, denn Langeweile ist ein schlechter Ratgeber!“ In einer Kneipe wird er Zeuge eines Mordkomplotts gegen ihn, doch es gelingt ihm, unter falscher Identität, als Drager Majax, selbst zum Jäger zu werden und den Auftrag zu bekommen, Major Grubert auszuschalten. Danach wird es, wie bei Moebius nicht anders zu erwarten, wild und wirr. Traumsequenzen führen den Major in die Wüste, wo sich sexuell aufgeladene Begegnungen mit seinen Gegenspielerinnen ergeben. Düstere Todesmotive ziehen sich durch die letzte Arbeit des Zeichners.

Moebius selbst sprach einmal von seinen Science-Fiction-Comics als offenem Werk und „expandierenden Universen“, die sich immer wieder in neue Richtungen öffnen können. Ohne Lektüre der Serie ist es daher kaum möglich, die Anspielungen und Selbstzitate in „Jäger und Gejagter“ zu verstehen und der mäandernden Erzählung zu folgen. So wie Major Grubert durch die Welten und Zeiten wandern kann, sind auch die Comics von Moebius von Sprüngen, Brüchen und Abzweigungen geprägt. In dieses „expandierende Universum“ voller Brüche sind immer wieder Teile seiner Biographie eingeflochten.

Bevor Giraud unter dem Künstlernamen Moebius bekannt wurde, hatte er die Westernserie „Leutnant Blueberry“ gezeichnet, die er zusammen mit dem Texter Jean-Michel Charlier ab 1963 entwickelte und die bis in die Neunziger erschien. Die Serie gehört zu den erfolgreichsten frankobelgischen Abenteuercomics. Die Popularität gründet vor allem darin, dass Charlier und Giraud, der die Serie unter dem Kürzel Gir gezeichnet hat, die klassische Erzählstruktur von Abenteuercomics wesentlich weiterentwickeln konnten. Zum Beispiel nutzte Giraud ungewöhnliche Panel-Formate und Perspektiven. Auch führten er und Charlier Charaktere in die Abenteuerwelt ein, die vielschichtiger waren, als man dies von anderen Erzeugnissen des Genres gewohnt war.

Schon vor diesem Erfolg als klassischer Comiczeichner hatte Giraud regelmäßig Arbeiten unter dem Namen Moebius veröffentlicht, aber erst ab den frühen Siebzigern schuf er unter diesem Pseudonym auch ein ästhetisches Konzept, das sich bewusst vom Stil und Inhalt der Westernreihe abgrenzte: In den Abenteuergeschichten von Major Grubert gibt es keine realistischen Lebenswelten mehr, sondern Zeitreisen, Weltraum, Drogentrips auf fremden Planeten und Sex mit Außerirdischen. Damit stand Moebius ganz im Einklang mit dem rebellischen, psychedelischen Zeitgeist der Comicszene, den Underground-Zeichner wie Robert Crumb oder Gilbert Shelton prägten. Sie brachen Tabus und nahmen Sex, Drogen und Gewalt in ihre Comics auf. In diese Jahre fällt auch ein erstes Zusammentreffen mit dem chilenischen Regisseur Alejandro Jodorowsky, der die Vorliebe des Franzosen für Drogen und Science-Fiction teilte. Zusammen verwirklichten sie einige Comicprojekte, am bekanntesten ist die Reihe „Der Incal“. Moebius trennte schon bald nicht mehr zwischen Fiktion und Realität. Er wurde Anhänger einer Ufosekte, die daran glaubte, dass Außerirdische auserwählte Menschen mit ins All nehmen und so vor der drohenden Vernichtung bewahren würden.

Auch zeichnerisch lagen Welten zwischen „Blueberry“ und „Major Grubert“. Bei ersterer Reihe hatte Moebius vor allem mit dem Pinsel gearbeitet, realistische Zeichnungen und flächige Hintergründe dominierten; das Grubert-Universum hingegen war von klaren, mit der Feder gezeichneten Linien geprägt, von Reduzierung und auch Improvisation. Giraud war zudem deutlich von musikalischen Prinzipien beeinflusst.

Seinen Namen hat der Zeichner dem Möbiusband des Leipziger Mathematikers August Ferdinand Möbius entlehnt, jener unendlichen Schleife ohne Außen- und Innenseite. „Ich bin ihm gegenüber zu einer Entschuldigung verpflichtet, denn in den Lexika habe ich ihm seinen Platz weggenommen“, hat Moebius einmal über den Wissenschaftler gesagt. Diese Schleife wurde dabei zu einer Metapher für seine Existenz als Zeichner recht unterschiedlicher, endlos ineinander übergehender Comicwelten, von denen mal die eine, mal die andere mehr im Vordergrund stand.

Moebius’ Western-Welt und seine Science-Fiction-Welt sind durch gemeinsame Motive verbunden, wie etwa die Wüste als Sehnsuchtsort. Als 17jähriger hatte er für einige Monate mit seiner Mutter in Mexiko gelebt, wo er durch den Türrahmen einer Gaststätte ein Erweckungserlebnis hatte: „Durch diesen leuchtenden offenen Rahmen im Halbschatten sah ich die Wüste sich erstrecken, bis an den Horizont. Ein absolutes Bild. Dort habe ich mein Bündnis mit dem Western geschlossen, mit der unendlichen Wüste und ihrem Zauber. Diese unerhörte Sensation, diesen Blitz, habe ich immer in meine Comics zu übertragen versucht.“

Auch in „Jäger und Gejagter“ findet sich eine Wüste, in die Grubert in einem verschachtelten Traum gerät: „Bei allen Mandriurken, da bin ich doch wirklich in einer unbekannten Wüste gestrandet … vor einem seltsamen monolithischen Gebilde. Was bedeutet das?“ Was das alles genau bedeutet, spielt gar keine große Rolle, wichtiger ist der Impuls, der den Protagonisten antreibt: sich zu befreien aus der Enge der „hermetischen Garage“, um stattdessen auf die „Erde in all ihrer Wildheit“ zurückzukehren. Diesen Impuls der Befreiung von Zwängen, seien es gesellschaftliche oder körperliche, von der Enge von Zeit und Raum, um zu einem freien Bewusstsein zu gelangen, teilen Moebius’ Protagonisten mit ihrem Schöpfer: „Mir gefällt es, beim Erzählen auf der Klaviatur meiner Persönlichkeit zu spielen, Effekte wie nebenbei zu erzielen und den Leser zu fesseln, aber mit leisen, subtilen Mitteln.“

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter“.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Jungle World 16/2026

Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter • Aus dem Französischen von Lilian Pithan • Avant-Verlag, Berlin 2026 • 64 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter. Aus dem Französischen von Lilian Pithan. Avant-Verlag, Berlin 2026, 64 Seiten, 30 Euro
Die übrigen Werke von Moebius erscheinen in der »Collection Moebius« im Splitter-Verlag, Bielefeld.