Schädellehre – „Der Totenkopf aus Schweden“

Philosophiegeschichte mit viel Humor: In ihrem neuen Comic „Der Totenkopf aus Schweden“ setzt Comiczeichnerin Daria Schmitt den noch lebenden Schädel von René Descartes mit den in der Pariser Galerie für Paläontologie ausgestellten Wirbeltier-Exponaten an einen runden Tisch und lässt sie über den Unsinn seiner Tiermaschinen-Theorie streiten.

Im jahr 1937 erwacht der Schädel des Philosophen René Descartes in der Pariser Galerie für Paläontologie zum Leben. So genau weiß er nicht mehr, wer er ist, seine vage Vermutung: Er muss zu Lebzeiten wohl wichtige Überlegungen zu dem Menschen angestellt haben und sucht nun den Beleg für seine Thesen. Vehement fordern die Tierskelette, allen voran ein gewaltiger Blauwal, seine Geschichte, die der Schädel auspackt, soweit er sie eben noch zusammenbekommt. 1650 starb der ruhelose Geist in Schweden, wurde 16 Jahre später exhumiert und als Reliquie über verschlungene Wege heim nach Frankreich gebracht. Dort inszeniert man ein zweites Begräbnis und feiert Descartes als Begründer einer neuen Philosophie, die radikal das Primat der Vernunft und des Menschen postuliert, der in Descartes zufolge das einzige Wesen sei, das mit Geist und Seele ausgestattet ist – „Cogito ergo sum“, ich denke, also bin ich, diese bekannte Zeile aus „Abhandlung über die Methode“ von 1637 avanciert zu seiner Kernaussage und einer Basis der modernen Philosophie.

Tiere hingegen waren für Descartes reine Maschinen ohne jede Ratio und Empfindung, eine irrige Annahme, die ihm die Skelette im Museum gehörig um die Ohren hauen und ihm vorwerfen, für ihr Leid verantwortlich zu sein. Zu Zeiten der Französischen Revolution lässt Alexandre Lenoir die Überreste von Descartes erneut wegschaffen; man bettet ihn mehrfach um, bis es 1819 zum vierten Begräbnis kommt. Als der Paläontologe George Cuvier in den Besitz des Schädels kommt, feiert er diesen als veritable Sensation, aber sein Zeitgenosse Jean-Baptiste Delambre zweifelt an der Echtheit der Reliquie. Cuvier holt zum Gegenschlag aus und versucht anhand von Vergleichen mit Descartes-Portraits von Franz Hals und Sébastien Bourdon das Gegenteil zu beweisen. Zwischen diesen Schilderungen breitet dann auch der Wal seine eigene Geschichte aus, um Descartes‘ Thesen zu Tieren zu widerlegen.

Fantasie- und gehaltvoller kann man eine Biografie wohl kaum gestalten. Daria Schmitt (die sich mit „Das Traumbestiarium des Mr. Providence“ schon H. P. Lovecraft annäherte) entfaltet in „Der Totenkopf aus Schweden“ auf sehr originelle Art die Lebensgeschichte von René Descartes, oft bezeichnet als Schlüsselautor des neuzeitlichen Rationalismus, der die moderne Philosophie begründete, auch wenn sein extrem anthropozentrisches, ansonsten mechanistisches Weltbild aus heutiger Sicht etwas übers Ziel hinausschoss.

Daria Schmitt arbeitet mit Fakten: Tatsache ist, dass der Totenschädel beim Transport von Schweden nach Frankreich abhandenkam und nach vielen Wirrungen im Musée de l’Homme in Paris landete, reichlich verziert mit Gravuren seiner Vorbesitzer (die hier salopp als „Graffiti“ bezeichnet werden). Die Rivalität des Paläontologen Cuvier mit dem Mathematiker Delambe ist ebenso verbürgt, und das gilt sogar für den Wal, mit dem sich Descartes Wortgefechte liefert: 1827 strandete im belgischen Ostende ein von Cuvier so klassifizierter Blauwal, der von einem gewissen Kessel gekauft und als Touristenattraktion vermarktet wurde (beispielsweise führte man eine ganze Woche lang im Skelett des Wals ein Festbankett durch). Der Bericht des Wals über die Wanderschaft seiner Knochen eröffnet dabei eine erstaunliche Parallele zu Descartes‘ Schicksal als Reliquie, bietet aber auch den Kontrapunkt zu seiner These der „Tiermaschine“: „Lies Darwin!“, fordern die Tiere ihn auf.

Dieses Panorama entfaltet Schmitt in teils realistischen, teils traumhaften Szenen, etwa vom durch das verschneite Schweden irrenden Descartes oder des Wals, der in Fleisch und Blut mit seinem knöchernen Gast die Weltmeere durchschwebt. Gestalterisch wechselt dabei eine monochrome Stimmung ab mit atmosphärischer Farbgebung, wobei auch eine Prise Humor nicht fehlt: Die Schweden behalten den Zeigefinger von Descartes, da er damit ja seine großen Werke geschrieben habe. Beim Splitter Verlag erscheint der Band mit einem ausführlichen Anhang mit Essays zu Descartes und den hier auftretenden Figuren. Etwas für den Geist, fürwahr – aber es gilt ja: Wir denken, also sind wir.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Daria Schmitt: Der Totenkopf aus Schweden • Aus dem Französischen von Harald Sachse • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • Hardcover • 120 Seiten • 25,00 Euro

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.