Erneut bereist Comiczeichner Emmanuel Lepage die entlegenen Kerguelen-Inseln im Indischen Ozean und dokumentiert in atemberaubenden Aquarellzeichnungen die Aufgaben der dort arbeitenden Forscherteams.
Bereits 2010 machte sich der Comicautor Emmanuel Lepage auf eine ungewöhnliche Reise, die nur wenigen vergönnt ist: Er besuchte die französischen Süd- und Antarktisgebiete – einsame, nur von Wissenschaftler:innen bewohnte Inseln im Indischen Ozean, weit weg von jeglicher Zivilisation und damit irgendwie am Ende der Welt. In „Reise zum Kerguelen-Archipel“ (2012 bei Splitter erschienen) hielt er den Trip fest. Sein nun erschienener Comic „Mit dem Wind tanzen“ ist eine quasi Fortsetzung. Denn 2022 bricht Lepage erneut auf und reist wieder mit dem Versorgungsschiff Marion Dufresne von La Réunion in Richtung der sub-antarktischen Gebiete. Diesmal mit dem Hauptziel Kerguelen. Dort wird er einen Monat verbringen, die Inselbesatzung bei ihren Forschungsaufgaben begleiten und dabei viel zeichnen.
Diesmal sind einige Vorzeichen anders. Lepage wird nicht von seinem Bruder François begleitet, der die erste Reise fotografisch festhielt. Dafür von einem Regisseur und einem Kameramann, die gemeinsam mit Lepage eine Dokumentation für den deutsch-französischen Kulturkanal ARTE drehen wollen. Und er ist längst kein Unbekannter mehr. Selbst der Kapitän der Marion Dufresne hat ein Exemplar von „Reise zum Kerguelen-Archipel“ dabei und bittet ihn um eine dédicace. Schon auf der Fahrt zu den Crozet Inseln, dem ersten kurzen Halt, lernt Lepage seine neuen „Kolleg:innen“ kennen, die Teile der Besatzung auf den Kerguelen ablösen werden. Und er erfährt nicht nur deren Forschungsgebiete und -aufträge, sondern auch ihre unterschiedlichen Beweggründe für die Entscheidung, bis zu einem Jahr als freiwillige Einsiedler in einer kleinen Gemeinschaft und in einem rauen Klima zu leben.

Auch wenn er diesmal einen ganzen Monat vor Ort ist, kann Lepage dennoch nur kurze Einblicke in die vielfältigen Arbeiten und Aufgaben der Wissenschaftler:innen zeigen, wodurch der Band voller kleiner Episoden steckt. Beispiele: Mit Hilfe von Elektronik Pinguine zählen (auf dem Archipel lebt die weltweit größte Kolonie von Königspinguinen), Fake-Eier in Nester legen, die die Herzfrequenz des brütenden Vogels messen, Tieren, darunter Seelöwen, Sender verpassen. Auch die Schattenseiten dieser scheinbar unberührten Natur lernt er kennen: Katzen und Rentiere, einst von Walfängern eingeschleppt, sind Gefahren für die endemische Flora und Fauna und werden deshalb von professionellen Jägern geschossen. Worüber man nicht gerne spricht, weil auch in der fernen Heimat in Frankreich das Thema schon kritisch behandelt wurde. Oder die ständigen Finanzierungsprobleme der Forschungen.
Einen großen Platz in dem Buch nimmt das Zwischenmenschliche ein, wie auch die persönlichen Empfindungen Lepages (und die des Kameramanns Alexis, hier wechselt sogar für einen Moment die Ich-Perspektive). Wie lebt eine geschlossene Gemeinschaft in völliger Abgeschiedenheit – auf der relativ geräumigen Station Port-aux-Français oder in den einzelnen, auf dem Archipel verstreuten engen und spartanisch eingerichteten Hütten (auch immer wieder mit Bezug auf das Tanzen im Titel)? Warum arbeiten hier mehr Männer als Frauen, wie gestaltet sich das Zusammenleben (Lepage trifft auch auf die ehemalige deutsche Profifußballerin Lea Hippauf, die über Seeelefanten forscht)? Lepage ist tief berührt von der Ruhe, der wilden Natur mit ständigen Wetterumschwüngen und von dem Zusammenhalt, bei dem schnell Freundschaften entstehen.

Zu guter Letzt die Zeichnungen: Selbst wenn die Thematik ggf. auf wenig Interesse stoßen sollte, die Zeichnungen machen alles wett und lohnen schon allein den Kauf. Denn einmal mehr liefert Lepage in seinem beeindruckenden, atmosphärisch einfühlsamen Aquarell-Stil zuerst wunderbare Breitwand-Ansichten der Marion Dufresne in der Weite des Ozeans und dann vor den gewaltigen Bergen der Kerguelen, dann nicht minder beeindruckend die endlosen, kargen und zerklüfteten Landschaften der Inselgruppe, bei denen Tiere im Vordergrund und Menschen im Hintergrund agieren. Und wie Lepage immer wieder das Meer, die Wellen und die Gischt einfängt, ist eine Klasse für sich. Schon die erste Seite – das Bild des eintauchenden Pinguins – verheißt eine optische Opulenz, die den Bildern der TV-Doku weit überlegen ist.
Die ARTE-Dokumentation „Die Kerguelen – Archipel am Ende der Welt“, die naturgemäß viel weniger ins Detail geht wie das Buch, ist zurzeit leider nicht in der Mediathek verfügbar (immerhin gibt es dort einen Drei-Minuten-Trailer zum Buch). Auf einer bekannten Video-Plattform wird sie aber von Dritten angeboten und kann dort gestreamt werden. Somit ist es möglich, Lepage beim Zeichnen über die Schulter zu schauen, wobei man schnell feststellen wird, wie akkurat er bei seinen Zeichnungen gearbeitet hat. Weitere lesens- und sehenswerte Reiseberichte von Lepage sind „Weiß wie der Mond“ (über eine Reise in die Antarktis) und „Ein Frühling in Tschernobyl“. Und wer Meer satt sehen will, dem sei „Ar-Men“, über einen legendären Leuchtturm weit draußen im Atlantik vor der Bretagne, empfohlen.
Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de
Emmanuel Lepage: Mit dem Wind tanzen • Aus dem Französischen von Tanja Krämling • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 224 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro
Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.

