ZUCKERSCHÄDEL – Mit Charles Burns im Herz der Finsternis

Teenage Angst. Weird Horror. Suburban Paranoia. Sex & Tod. Wahn & Wirklichkeit. Dies sind die Dreh- und Angelpunkte im Comic-Werk von Charles Burns. Verwandte Geister sind William Burroughs, David Lynch, David Cronenberg und seit Neuestem auch Hergé.

Das Werk von Burns ist klein, hermetisch, einzigartig. Es begann in den 1980ern auf den Seiten der legendären RAW-Anthologiereihe von Art Spiegelman, setzte sich über verstreute Kurzgeschichten fort, die hier und dort erschienen, bevor er zwischen 1995 und 2005 die Graphic Novel „Black Hole“ in Angriff nahm, ein Monument der grafischen Literatur, das locker auf einer Stufe steht mit „From Hell“ (von Alan Moore und Eddie Campbell) und „Jimmy Corrigan“ (von Chris Ware).

2010 begann er mit „X“ eine Trilogie. Es folgte „Die Kolonie“ (2012) und nun der abschließende Band „Zuckerschädel“. Es ist seine bisher komplexeste Arbeit, ein enorm verschränktes, fragmentiertes Werk, in dem alles da ist, was man von Burns kennt. Es ist die Geschichte von Doug, der ein Trauma mit sich herumschleppt. Wir sehen ihn mit verschiedenen Freundinnen, seinem todkranken Vater, Freunden und Bekannten, auf Partys, bei Konzerten. Und wir lernen ihn langsam kennen, seine massiven Ängste, seine Psychosen, wir werden Teil seiner geistigen Welt. Und erst auf den letzten Seiten des dritten Bandes wird gänzlich klar, was im Mittelpunkt des Traumas steht.

Aber es wäre falsch, alles auf diese „Pointe“ zu reduzieren (die so überraschend auch gar nicht ist). Denn Burns will offensichtlich mehr. Tatsächlich geht es in dieser Trilogie eher um einen Bewusstseinszustand, um Erinnerung, um die Verarbeitung von Erfahrungen. Und das funktioniert eben nicht linear, sondern in mitunter erratischen Sprüngen.

Und daher springen wir in der Zeit hin und her, wir sehen ihn als Schüler, als jungen Mann und als Erwachsenen, und mehr als einmal betreten wir auch eine Traumwelt, die deutliche Parallelen zum „realen“ Leben von Doug ausweist, eine Traumwelt voller Ungeheuer, in der Doug einem Tim-Klon ähnelt. Struppi ist nicht dabei, dafür aber eine schwarze Katze. Nichts davon ist willkürlich. Stück für Stück fügt sich das Puzzle zu einem schlüssigen Bild zusammen, und wenn nicht beim ersten Lesen, dann beim zweiten oder dritten. Und es lohnt sich, die Trilogie öfters zur Hand zu nehmen und Schicht für Schicht zu entschlüssen.

Denn am Ende sind die drei Bände ein beeindruckendes Meisterwerk. Vielleicht nicht so verstörend wie „Black Hole“, aber unglaublich souverän und abgehangen. Da zeigt jemand, wie es geht.

Charles Burns: Zuckerschädel. Reprodukt, Berlin 2015. 64 Seiten, € 20,–