CORTO MALTESE: Unter der Mitternachtssonne

Coorto_13_cvrDer neue „Corto“ ist da, und das heißt in diesem Fall: Spanier in italienischen Gewässern, auf allen Weltmeeren und garantiert jenseits von Malta! Szenerist Juan Díaz Canales („Blacksad“) und Zeichner Rubén Pellejero („Dieter Lumpen“) erhielten die Erlaubnis, ein dreizehntes Album der klassischen Comic-Serie „Corto Maltese“ zu inszenieren und den titelgebenden Seemann fast 25 Jahre nach der letzten Geschichte ein erstes Mal ohne seinen einflussreichen Schöpfer Hugo Pratt auf große Fahrt zu schicken.

In „Unter der Mitternachtssonne“, das soeben bei Schreiber & Leser mit einem Vorwort von Tristan Garcia („Der beste Teil der Menschen“) erschienen ist, verschlägt es Corto 1915 nach San Francisco, wo ihn ein Brief seines alten Freundes Jack London erwartet – mit der Bitte, einen weiteren Brief ins kanadische Dawson City zu bringen. Der Beginn einer Irrfahrt durch Wasser, Eis, Schnee, Gewalt, Blut und Wahnsinn. Denn der belesene Freigeist mit dem Seesack und der Kapitänsmütze trifft nicht nur den afroamerikanischen Polarforscher Matthew Henson, sondern zudem irische Freiheitskämpfer fern der Heimat, von der Zivilisation verdorbene Inuit und Freudenmädchen, die der Geruch von Schießpulver umgibt. Und natürlich wartet am Ende ein Schatz …

Canales und Pellejero treffen Pratts Ton und Art ziemlich gut, und zwar im Guten wie im vermeintlich Schlechten: Corto und seine temporären Gefährten stolpern auch mit neuer Mannschaft von einer Gefahr und einem Verrat in den nächsten, wobei der schlaksige Seemann immer die Ruhe behält und immer den Klugscheißer raushängen lässt. Man muss ihn einfach lieben – und die Struktur seiner Erlebnisse, Odysseen und Schatzsuchen mögen, oder eben nicht. Im ersten Viertel des Albums macht außerdem die ironische Doppelbödigkeit mit einem Hauch von Meta, die ganz allgemein den besten Pastiches zu eigen ist, viel Freude. Pratt-Fans, die schon mehr als ihr halbes Leben mit Corto um die Welt schippern, werden an diesem neuen Abenteuer jedenfalls genug finden, das sie mögen können. Mit „Corto Maltese“ ist nach „Asterix“ also ein weiterer europäischer Comic-Klassiker in durchaus fähigen Händen.

Wie die Neuauflage der Pratt’schen Klassiker, macht übrigens auch „Unter der Mitternachtssonne“ in der schwarzweißen „Klassik Edition“ eine genauso gute Figur wie in der farbigen Variante. Hier findet sich eine Leseprobe zum neuen Band.

Juan Díaz Canales, Rubén Pellejero: Corto Maltese Bd. 13: Unter der Mitternachtssonne. Schreiber & Leser, Hamburg 2015. 100 Seiten, € 24,80