Fünf Comic-Darlings aus 2020

Von 2020 wird nicht viel Gutes in den Geschichtsbüchern überliefert bleiben. Die Comic.de-Autor*innen haben dennoch fünf gute Gründe gefunden, die das Durchhalten lohnten.

HOLGER BACHMANN:

Alex Raymond: „Flash Gordon, Band 2“ (Hannibal)
Auch in Band 2 der opulenten Komplettausgabe der legendären Zeitungsstrips liefert der Hannibal-Verlag ganze Arbeit. Im überdimensionierten Querformat finden sich in dieser Ausgabe die Sonntagsseiten vom 25.04.1937 bis 12.01.1941, in denen sich Alex Raymond endgültig zum Meister der frühen Science Fiction aufschwang, mit exotischen Schauplätzen, futuristischen Gerätschaften und atemlosen Plots. Dass der Zeitungs-Flash die Inspiration für eine ganze Armada von Superhelden und natürlich auch George Lucas Sternenkriegsepos (komplett mit der Eiswelt von Hoth) bot, das wird hier sehr eindrücklich deutlich.

George Takei/Justin Eisinger/Steven Scott/Harmony Becker: „They Called Us Enemy“ (Cross Cult)
Mr Sulu, den kennt man natürlich als Steuermann der Enterprise, der getreulich den Kurs einschlug, den Captain Kirk vorgab und der es auf der Kinoleinwand dann auch selbst bis zum Captain schaffte. Weniger bekannt dürfe sein, dass der kleine George Takei das Schicksal erlitt, das tausende Japaner ereilte, als Präsident Roosevelt im Februar 1942 als Nachhall zu Pearl Harbor die berüchtigte „Durchführungsverordnung 9066“ erließ. Die besagte nichts anderes als die Enteignung und Deportation aller Bürger japanischer Abstammung in diverse übers Land verteilte Lager. In der autobiografischen Graphic Novel breitet Takei, unterstützt durch Justin Eisinger, Steven Scott und Harmony Becker, seine Erinnerungen an diese alptraumhafte Jugend aus. Umso wunderbarer, dass am Ende kein Groll, sondern ein Bekenntnis zu den USA steht – und eine Warnung, dass die aktuelle Situation leider durchaus Ähnlichkeiten mit der Atmosphäre von damals aufweist.

Sylvain Runberg/François Miville-Deschênes: „Graf Zaroff“ (Splitter Verlag)
„The Most Dangerous Game“, auf diesen vielsagenden Titel hörte 1932 ein kleiner, aber spektakulärer Horrorfilm, der quasi als Nebenprodukt in den Kulissen von „King Kong“ gedreht wurde. In der Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Richard Connell macht sich ein sadistischer Großwildjäger namens Zaroff, den die Langeweile plagt, einen teuflischen Spaß daraus, Menschen durch den Dschungel einer einsamen Insel zu hetzen. In dieser furiosen Variation der Grundidee hat Zaroff dabei die Rechnung ohne die Tochter eines seiner letzten Opfer gemacht, die mit dem ganzen Zorn der irischen Mafia auf ihn losgeht. Sylvain Runberg gelingt hier eine kluge Fortsetzung eines Klassikers, in dem der Ennui der Jahrhundertwende ebenso durchscheint wie ein Zerrbild von Nietzsches Übermensch – bis hin zu einem feinen Twist am Ende. Auch optisch aus der Feder von François Miville-Deschênes ein absoluter Leckerbissen.

Pat Mills/Simon Bisley: „Sláine, Band 6“ (Dantes Verlag)
Am Rande des Comicfestivals München versicherte mir der rührige Josh schon 2019, dass der kommende „Slaine“-Band der beste im ganzen Universum des ruppigen Barbaren sein werde. Und recht hat er, zumal auch Mastermind Pat Mills dieser Ansicht ist: Der Storybogen „The Horned God“, der erstmals 1989 auf den Seiten von „2000 AD“ das Licht der Welt erblickte, avancierte schnell zum Publikumsliebling. Die typische Fantasy-Adventure-Storyline – man sammle diverse magische Artefakte, um damit endgültig zum König zu werden und den Krieg zu gewinnen – grüßt aus allen Indiana Jones-, Lara Croft-, Herr der Ringe- und Conan-Ecken, wie immer scharf gewürzt mit jeder Menge (pseudo)-keltischem Background in Mythologie und populärer Folklore. Dazu kredenzt Mills pausenlos Twists und Meta-Ebenen, dass es eine Art hat. Der absolute Top-Star allerdings ist auch nach Mills‘ Einschätzung die künstlerische Gestaltung von Simon Bisley. Auf jeder Seite beeindruckt die leicht stilisierte, großflächige Gestaltung, die durch ganzseitige Portraits, Schlachtenbilder oder Szenerien besticht. Im besten Wortsinne erwachsen präsentiert sich der ehemalige Rüpel Slaine hier, sowohl in Story als auch Inszenierung, was die beste Symbiose von Form und Inhalt liefert, die die Serie bislang zu bieten hat. Nach einer ersten Ausgabe aus dem Hause Bastei 1990 legte Josh hier gewohnt aufwendig und akribisch eingerichtet die definitive Inkarnation dieser Geschichte vor.

Alan Moore/Ian Gibson: „Die Ballade von Halo Jones, Band 1“ (Panini)
„I’m hanging out with Halo Jones“ – das galt für uns in den späten 80ern gleich doppelt. Einmal frönten wir (was sonst) dem gleichnamigen Song der Pop-Punk-Kombo Transvision Vamp um Wendy James, zum anderen bekamen wir aus Übersee-Kanälen tatsächlich auch einige Heftausgaben von Alan Moores epochaler SF-Reihe in die Hände, die – wie so viel gutes Material – aus den Panels des britischen Magazins 2000 AD hervorsprang. Im Rahmen einer groß angelegten Veröffentlichungsoffensive brachte Panini (neben neueren Beiträgen wie „Button Man“) ein einem hübsch großformatigen Album auch die Erlebnisse von Halo Jones wieder ans Licht, die in einer äußerst dystopischen Zukunft im New York des 50. Jahrhunderts gegen hoffnungslose Verelendung, Überbevölkerung und Perspektivlosigkeit kämpft – bis schließlich ein Job an Bord eines Raumers den Auftakt zu intergalaktischen Ausflügen bildet. Absolut wunderbar und ein echter Moore, den man gerne wiederentdeckt.

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EMANUEL BRAUER:

5. Neil Gaiman/Rafael Albuquerque/Rafael Scavone/Dave Stewart: „Eine Studie in Smaragdgrün“ (Dantes Verlag)
Die von Rafael Albuquerque, Rafael Scavone und Dave Stewart umgesetzte Adaption von Neil Gaimans „Eine Studie in Smaragdgrün“ punktete bei mir und meinen beiden besseren Dritteln vom POW! Podcast in diesem Jahr ganz besonders. Eigentlich erschien der Comic bereits vor einigen Jahren in den Staaten über Dark Horse Comics, doch wurde eine deutschsprachige Ausgabe erst in diesem Jahr über den Dantes Verlag realisiert. Vielen Dank dafür.

In dieser Geschichte kreuzen sich erstmals die Wege zweier mehr oder weniger bekannter Figuren aus Londons Baker Street. Ein Mediziner und Afghanistan-Veteran bekommt es mit einem Detektiv zu tun, der die Kunst der Deduktion bis ins kleinste Detail beherrscht. Neil Gaiman vermischte in seiner Kurzgeschichte „A Study in Emerald“ die Welt von Sherlock Holmes mit dem Cthulhu-Mythos H. P. Lovecrafts und arbeitete eine Story aus, deren Plot-Twist zum Ende mir noch heute in den Knochen sitzt. Die atemberaubend schön adaptierte Graphic Novel wurde der Vorlage mehr als gerecht und gehörte in diesem Jahr einfach auf jeden Einkaufszettel. Punkt.

4. Ed Brubaker/Sean & Jacob Phillips: „Pulp“ (Image Comics, USA)
Ed Brubaker und Sean Phillips haben in diesem Jahr (nach eigenen Angaben) die langen Lockdown-Zeiten für intensive Comic-Arbeiten genutzt. Eine davon war der Crime-Comic „Pulp“. Erzählt wird die Geschichte des Autor Max Winters, der sich im New York der 1930er als Verfasser trashiger Western-Geschichten für diverse Magazine durchs Leben schlägt und so seinen Ruhestand und den seiner Frau finanziert. Doch das Leben ist hart und die Bedingungen der Pulp-Writer-Szene sind gnadenlos, was den altgedienten Herrn bald auf die schiefe Bahn bringt. Die 76 Seiten starke Story erschien im Sommer bei Image Comics. Mit einem perfekten Pacing, einer starken Hauptfigur, grandiosen Zeichnungen und einem tollen Plot stellte „Pulp“ in diesem Jahr für mich wohl die beste abgeschlossene Comicgeschichte dar.

3. Ed Brubaker/Marcos Martin/Muntsa Vicente: „Friday“ (Panel Syndicate, USA)
Panel Syndicate, eine Online-Plattform für digitale Comics, wurde von „Saga“-Autor Brian K. Vaughan und Zeichner Marcos Martin geschaffen. Darüber veröffentlichten neben Vaughan und Martin selbst bisher auch Kreative wie Ken Niimura, Donny Cates oder Alex de Campi ihre Comics, die meist exklusiv dort erscheinen. In diesem Jahr starteten dort auch Comic-Gigant Ed Brubaker, besagter Marcos Martin und Muntsa Vicente ihre neue Comicserie „Friday“. Im Zentrum der Handlung stehen die junge Friday Fitzhugh und ihr eigenwilliger Freund Lancelot Jones, die ihre Kindheit damit verbrachten, Verbrechen und okkulte Phänomene aufzuklären. Doch als Friday aufs College geht, scheint die Beziehung der beiden zu stagnieren. In den Weihnachtsferien will Friday mit Lancelot endlich reinen Tisch machen, wird jedoch umgehend wieder in die mystischen Sphären ihrer Jugend gezogen und muss sich einem neuen Abenteuer stellen.

Brubaker, Martin und Vicente erzählen eine Herzensgeschichte frei von jeglichen redaktionellen Einflüssen. Dass Brubaker ein begnadeter Erzähler ist, muss niemandem mehr bewiesen werden. Zwei Ausgaben sind bisher über Panel Syndicate erschienen. Den Kaufpreis bestimmt ihr übrigens selbst. Ihr entscheid also, wie sehr ihr diese herausragende Arbeit finanziell unterstützen wollt. Just sayin’.

2. Rick Remender, Wes Craig, Jordan Boyd u. a.: „Deadly Class“ (Cross Cult)
Mein Schwärmen für Rick Remenders und Wes Craigs „Deadly Class“ nimmt langsam repetitive Ausmaße an, I know. Dennoch wird es bei mir wohl keine Favoritenliste mehr ohne diesen Comic geben, solange die Reihe auf diesem sich immer wieder neu definierenden Niveau erscheint. Und das schafft der Comic noch immer, nach ganzen 44 US-Ausgaben. Das überdrehte LSD-Coming-Of-Age-Drama aus der Giant-Generator-Schmiede stellt mit Abstand einen der besten Image-Comics respektive Cross-Cult-Titel dar. Mit jeder neuen Ausgabe zeigen Remender und Co., was für wahnsinnig gute Erzähler und Visualisten sie doch sind. Hier stehen großartige Zeichnung, glaubhafte Figuren und ein exzellenter Schreibstil im Vordergrund, wenn Marcus Lopez und seine Freunde neue verhängnisvolle Geschichten an der King‘s Dominion Akademie für heranwachsende Profikiller erleben. Ein gesellschaftliches Spiegelbild der Popkultur der 80er-Jahre und ein Pflichttitel.

1. Marjorie Liu/Sana Takeda: „Monstress“ (Cross Cult/Image Comics)
Auch wenn in diesem Jahr keine deutschsprachige Veröffentlichung von „Monstress“ bei Cross Cult anstand – das letzte Paperback erschien vor gut einem Jahr -, ging die Serie in den Staaten mit dem neuesten Story-Arc weiter. Nach der schmerzhaften Auseinandersetzung mit ihrem vermeintlichen Vater ziehen Maika Halbwolf und ihre Anhänger auf das Schlachtfeld, um sich der Föderation und den Inquisitrix der Cumaea entgegenzustellen. Der Krieg ist da, und die Waffe, die einst ganz Constantine zerstörte, könnte wieder entfesselt werden.

„Monstress“ aus der Feder von Marjorie Liu und Sana Takeda ist und bleibt eine der stärksten Comicreihen, die der US-Markt gegenwärtig zu bieten hat. Ein unvergleichliches Worldbuilding, großartige Figuren, stark erzählt und atemberaubend gezeichnet. An diesem Comic hängt mein Herz mit jeder neuen Ausgabe. Der 2020 auf dem US-Markt erschienene Story-Arc erscheint bei Cross Cult im April 2021.

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KATRIN DOERKSEN:

Shigeru Mizuki: „Kindheit und Jugend“ (Reprodukt)

Diane Obomsawin: „Ich begehre Frauen“ (Edition Moderne)

Yoshiharu Tsuge: „Der nutzlose Mann“ (Reprodukt)

Naoki Urasawa: „Monster Perfect Edition“ (Carlsen)

Alicante/Laurent-Frédéric Bollée/Denis Rodier: „Die Bombe“ (Carlsen)

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JONAS ENGELMANN:

Max Baitnger: „Happy Place“ (Rotopol)

Ludovic Debeurme: „Ein tugendhafter Vater“ (Edition Moderne)

Julie Doucet: „Julie Doucets allerschönste Comicstrips“ (Reprodukt)

Émilie Gleason: „Trubel mit Ted“ (Edition Moderne)

Rutu Modan: „Tunnel“ (Carlsen)

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LAURA GLÖTTER:

Sean Murphy: „White Knight“ (DC Comics/Panini)

Mariko Tamaki/Steve Pugh: „Harley Quinn. Breaking Glass“ (DC Comics/Panini)

Kieron Gillen/Jamie McKelvie: „Phonogram“ (Image Comics, USA)

Kieron Gillen/Dan Mora: „Once & Future“ (BOOM Studios, USA)

Lucas Harari: „L‘Aimant“ (Sarbacane/Edition Moderne)

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CHRISTOPH HAAS:

5. Tor Freeman: „Willkommen in Oddleigh“ (Reprodukt)
Skurril, witzig, very british – der beste Kinder-Comic des Jahres.

4. Yves Sente/Peter van Dongen: „Blake & Mortimer – Das Tal der Unsterblichen“ (Carlsen)
Es lebe der Klassizismus!

3. Neil Gaiman/Rafael Albuquerque: „Eine Studie in Smaragdgrün“ (Dantes Verlag)
Cleveres Vexierspiel mit dem Sherlock Holmes- und Ctulhu-Mythos.

2. Frank Schmolke: „Freaks“ (Edition Moderne)
Superhelden aus Deutschland, grim and gritty, trotz leichter Schwächen im Szenario ein Erlebnis.

1. James Sturm: „Ausnahmezustand“ (Reprodukt)
Leben und Überleben in den Divided States of America.

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SVEN JACHMANN:

Pornsak Pichetshote/Aaron Campbell: „Infidel“ (Splitter Verlag)

Kathrin Klingner: „Über Spanien lacht die Sonne“ (Reprodukt)

Julie Doucet: „Julie Doucets allerschönste Comicstrips“ (Reprodukt)

James Sturm: „Ausnahmezustand“ (Reprodukt)

Paulina Stulin: „Bei mir zuhause“ (Jaja Verlag)

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JAKOB KIBALA:

5. Ed Brubaker/Sean Phillips: „Pulp“ (Image, USA)
Daran muss immer wieder erinnert werden: Fast schon so lange, wie es Nazis gibt, gibt es Nazis in den USA. Es ist auch nicht so, als agierten sie im Geheimen. Jack Kirby hätte ein Lied darüber singen können. Bekanntlich wurden sein Partner Joe Simon und er von Rechten bedroht, nachdem die beiden jüdischen Comickünstler ihren Captain America haben Hitler vermöbeln lassen. Seitdem pflegt der US-Comic-Mainstream eine antinazistische Tradition. Und „Pulp“ ist der neueste Beitrag dazu: Ein abgehalfteter Westernheld und ein jüdischer Gangsterjäger töten Nazis in New York. Nicht so brutal, wie sich manche Leserinnen und Leser vielleicht wünschen würden. Kathartisch ist das dennoch allemal.

4. Benjamin Percy/Viktor Bogdanovic: „Wolverine“ 1, 4, 5 (Marvel/Panini)
Ich bin Fan von Viktor Bogdanovic, der hier regelmäßig für Hauptzeichner Adam Kubert einspringt. Wenn auch aus den falschen Gründen. Für mich sind Bogdanovics Zeichnungen schlicht ununterscheidbar von den Arbeiten, die Zeichnerstar Greg Capullo für DC Comics produziert. Bogdanovic gewährt Einblicke in Paralleluniversen, in denen Capullo nicht immer nur Batman, Batman, Batman macht. Und ich möchte unbedingt dabei sein, wenn Bogdanovic endlich aus Capullos Schatten tritt. Bis dahin: Wolverine.

3. Jonathan Hickman/Leinil Francis Yu: „X-Men“ 10 (Marvel, USA)
Event-Tie-in mit mehr Herz, als nötig gewesen wäre, um einen von Marvels diesjährigen Bestsellern abzuverkaufen. „X-Men“ 10 ist ein Charakterstück über den erst 2006 ins X-Men-Universum eingeführten Antihelden Vulcan. In seiner relativ kurzen Comickarriere ist dieser bereits zum Herrscher eines intergalaktischen Imperiums aufgestiegen und später wieder abgesetzt worden. Jetzt lebt Vulcan auf der Couch seines Bruders Cyclops. Wie ein abgehalfterter Rockstar, innerlich leer: Hickman & Yu präsentieren das Psychogramm eines Orientierungslosen, der seinen absoluten Tiefpunkt noch nicht erreicht hat. Doch die Katastrophe scheint unvermeidlich.

2. Leah Williams/David Baldeon: „X-Factor“ 1 (Marvel, USA)
Eine persönliche Tragödie, erzählt als Krimi mit dem Tempo eines Actionblockbusters: Als Northstar vom Tod seiner Schwester Aurora erfährt, trauert er nicht lange. Er setzt Himmel und Hölle in Bewegung, dass Aurora wieder zum Leben erweckt wird. Dies ist im X-Men-Universum zwar nur ein bürokratischer Akt, aber Northstar will die Trägheit nicht akzeptieren, mit der die Verantwortlichen agieren. Northstar macht Druck und jede Szene droht förmlich zu explodieren vor Dringlichkeit. Das beste Superhelden-Debüt des Jahres: Zu keiner der hier handelnden Figuren hatte ich vorher einen richtigen Draht, aber Leah Williams und David Baldeon erzählen diese absurde Episode mit einer Verve, die mich mitgerissen hat.

1. Kieron Gillen/Stephanie Hans: „Die“ 11
Ausgabe 11 von Die, geschrieben von Kieron Gillen und digital gemalt von Stephanie Hans, beginnt die dritte Storyline der herausragenden Fantasy-Serie: The Great Game. Es ist die bislang schwächste Strecke, weil die Charaktere hinter dem Worldbuilding weitgehend zurückstehen. Aber Ausgabe 11 ist nochmal ein echtes Juwel. Gillen & Hans haben die Kunst des Cliffhangers perfektioniert, und das offene Ende hier ist so erschreckend und schmerzhaft wie keines zuvor: Angela, vielleicht die tragischste der verlorenen Seelen in Die, zerbricht fast an einer schrecklichen Entdeckung — und als Leser kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie es danach für die Figur noch weitergehen soll. Aber bei Die geht es immer weiter. Und meistens wird alles nur noch schlimmer.

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RILANA KUBASSA:

Ich habe öfter darüber nachgedacht, welche Comics ich 2020 am besten fand.

Aber mir fällt immer nur Ludovic Debeurme mit „Ein tugendhafter Vater“ (Edition Moderne) ein. Unbedingt lesenswert, auch wenn es stellenweise schwerfällt, umzublättern angesichts der Grausamkeiten, die vor allem in den freien Flächen lauern. Danach kommt erst mal lange nichts. Und dann:

„Fante Bukowski – ein amerikanischer Traum“ von Noah Van Sciver (avant-verlag), ein fantastischer Loser, so unsympatisch und doof und doch irgendwie berührend, gerade wegen seiner Schwächen vielleicht, ich war abgestoßen und hoch erfreut, diesen Band zu lesen.

„Tante NonNon“ von Shigeru Mizuki (Reprodukt), meiner Meinung nach der schönste Band seiner autobiografischen Reihe. Auch wenn ich die „Kriegsjahre“ beeindruckend fand, die schrullige, liebenswerte Figur der „Tante NonNon“ bleibt noch lange nach dem Lesen als guter Geist in den Gedanken zurück.

„Die Farbe der Dinge“ von Martin Panchaud (Edition Moderne) – der sollte eigentlich weiter oben stehen, aber da war kein Platz mehr!

„Vatermilch“ von Uli Oesterle (Carlsen) – obwohl ich es ein bisschen bereue, den schon gelesen zu haben, denn danach hatte ich große Lust, den nächsten Band zu lesen – aber darauf muss man ja noch ein Weilchen warten.

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GERRIT LUNGERSHAUSEN:

5. James O’Barr: „The Crow – Ultimate Edition“ (Dani Books)

4. Nina Bunjevac: „Bezimena“ (Avant Verlag)

3. Charles Burns: „Daidalos“ (Reprodukt)

2. Frank Schmolke, Marc O. Seng: „Freaks“ (Edition Moderne)

1. Darcy van Poelgeest/Ian Bertram/Matt Hollngsworth: „Little Bird“ (Cross Cult)

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PETER MENNIGEN:

Ralph Meyer/Xavier Dorison: „Undertaker. Band 1 Diamant Vorzugsausgabe: Der Goldfresser“ (Splitter Verlag)

Charles Schulz: „Peanuts Every Sunday Set. The 1980s: The 1980s Gift Box Set“ (Fantagraphics Books)

Carl Barks: „Donald Duck – Weihnachten für Kummersdorf“ (Egmont)

Christa Faust/Mike Deodato Jr.: „Bad Mother“ (AWA Upshot)

Gerry Conway/Marv Wolfman/Gene Colan/Mike Ploog: „Dracula Classic Collection: Bd. 1: Die Gruft von Dracula“ (Panini)

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STEFAN MESCH:

5. Tatsuya Endo: „Spy X Family“ (Kazé Verlag)
Der Vater ist der beste Spion des Westens. Seine Alibi-Frau arbeitet heimlich als Auftragsmörderin. Und die Erstklässlerin, die er aus dem Waisenhaus ergaunert, kann Gedanken lesen: Die Agenten-Farce „Spy X Family“ spielt in einer Art Ost-Berlin des Kalten Krieges, liebt die zynischen Klischees aus z. B. den Romanen John le Carrés, doch erzählt dabei überraschend authentisch und warmherzig vom fragilen Mit- und Gegeneinander, den kleinen und großen Täuschungen innerhalb einer Familie. Ein einstiegsfreundlicher Manga für Menschen ab ca. 10, übervoll mit originellen Details, narrativem Schwung, maßlosen Übertreibungen; rund um drei angespannte, aber wohlmeinende Extrem-Figuren, die sich ans Herz wachsen. Mainstream-Unterhaltung mit Tiefe und Niveau, gewitzt wie viele Pixar-Filme.

4. Tom King/Andy Kubert: „Superman: Jenseits der Erde“ (Panini)
Autor Tom King nervt – weil seine Comics fast immer nichtlinear erzählen, in wacklig-nervösen Schnipseln ums Thema „Trauma und posttraumatische Belastungsstörung“ kreisen und fast jede Figur im selben Ton spricht: elliptische Strudel-Monologe, halb Stichwortsammlung, halb Prosa-Gedicht. Drei große Comic-Zwölfteiler von King waren wegweisend bisher: „The Vision“, „Mister Miracle“ und aktuell „Strange Adventures“. Doch viele andere Projekte Kings („Batman“, „Heroes in Crisis“) machen Kopfschmerzen. „Superman: Jenseits der Erde“ ist eine Sammlung aller Stärken (und vieler Schrullen) des Autors. Eine Geschichte in 12 (oft: minimal zu kurzen, verknappten) Kapiteln darüber, wie Superman ins All reist, um ein entführtes junges Mädchen zu finden, das niemand richtig vermisst. Hoffnung und Durchhalten, Opfer und Abwägen, Idealismus und Menschlichkeit – eine flirrende, einsteigerfreundliche Geschichte über Supermans Kernthemen, erzählt in Sprüngen. Originell, literarisch, tiefgründig… nur, wie immer bei King: etwas zu manieriert.

3. Paulina Stulin: „Bei mir zuhause“ (Jaja Verlag)
Eine Dachwohnung in Darmstadt und das Leben als freie Illustratorin kurz nach der Uni: 605 Seiten lang?! Viele Comics setzen auf Alltag, „Slice of Life“. Doch Paulina Stulin schaut entscheidend viel länger hin, akribischer, selbstkritischer. Ein Comic in bunten, sehr stimmungsvollen Alltagsbildern, der kluge Fragen aus alltäglichen, doch nie banalen Szenen zieht – und sich erlaubt, die Hauptfigur Paulina auch immer wieder als Schwätzerin, als Phlegmon und als impulsive Nervensäge zu hinterfragen. Ein Selbstporträt, das weder auftrumpft noch eitel mit den eigenen Neurosen kokettiert – sondern einfach einlädt in eine Lebensphase, klug beobachtet, und zeigt: „Vieles ist nervig, am Leben und an mir. Vieles macht Spaß, am Leben und an mir!“ Danke für die Einladung, die Offenheit, die… Wahrhaftigkeit dieses klugen, modernen Klassikers!

2. Jeff Lemire: „Sentient“ (TKO Studios, USA)
Fast niemand schreibt (und manchmal: zeichnet) so viele und dabei so beliebte Mainstream-Comics wie der Kanadier Jeff Lemire. Fast alle sind melancholisch, warm, originell und mindestens solider, stimmungsvoller Durchschnitt. Alle zwei, drei Jahre aber erscheint ein Lemire-Projekt einer anderen Liga. „Sentient“ fragt, wie weit ein komplexes Raumschiff käme, wenn an Bord nur noch Kinder sind – und eine künstliche Intelligenz, die sich um sie „kümmert“, wie sich virtuelle Assistent*innen wie Siri oder Alexa um eine Gruppe Kindern kümmern würden. Thriller? Technologiekritik? Survival-Horror? Gekleidet ins tolle 70er-Jahre-Design des ersten „Alien“-Films fragt Lemire nach Vertrauen, Teamwork und Abhängigkeiten einer Gruppe starker Figuren. Ein atemloses, überraschend herzliches Buch für alle, älter als ca. 10 Jahre – das auch Menschen packen kann, die noch nie einen (Erwachsenen-)Comic lasen.

1. Thomas Wellmann: „Pimo & Rex: Die interdimensionale Hochzeit“ (Rotopol)
Thomas Wellmann zeichnete und entwarf Figuren für hippe US-Trickreihen wie „Adventure Time“. Der 40-Seiten-Comic „Pimo & Rex“ zeigt ein zerstreutes Vogelwesen (Pimo) und einen schwungvollen Koch-und-Abenteurer (Rex) in einer originellen, überbunten Märchenwelt. Rex liebt den Magier Leopold, und die viel längere, komplexere Fortsetzung („Die interdimensionale Hochzeit“, 2020) zeigt die Trauung der queeren Figuren – und die vielen witzigen, fein beobachteten Konflikte zwischen steifen Magiern und „barbarischen“ Wuschel-Rittern. Jede Seite enthält ca. 12 Witze, fünf oft hintergründige, erwachsen-subtile zwischenmenschliche Pointen. Die Farben und das Figurendesign flächig, griffig – und ein Fest fürs Auge: ein All-Ages-Comic, in dem Liebe gefeiert, in dem Unterschiede und Konflikte nie naiv kleingeredet werden… und in dem auch die wüstesten, wütendsten Wesen dauernd Witz und Menschlichkeit zeigen.

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PETER MEUER:

Skottie Young/Nic Klein: „Deadpool Nr.7 – Stirb, Santa, stirb“ (Panini)
Deadpool jagt den Weihnachtsmann. Dass als Erscheinungsmonat der August auf dem Titel prangt, macht dann auch nichts mehr aus. Grandioser Quatsch.

Paco Roca: „Die Heimatlosen“ (Reprodukt)
Die Geschichte der spanischen Sozialisten*innen und Anarchist*innen, die nach ihrem eigenen (Bürger-)Krieg in Frankreich gegen den Faschismus kämpfen. Ein Stück Geschichte, das viel zu wenig im Fokus steht, Heimatliebe und Freiheitsdrang gegossen in Panels.

Peter Madsen/Henning Kure: „Walhalla. Die gesammelte Saga“ (Roter Drache)
Die „Walhalla“-Neuauflage vom Verlag Edition Roter Drache im dicken Sammelband ist zum richtig doll liebhaben schön und mit einer Menge interessanter Zusatzinfos versehen.

Díaz Canales/Guarnido: „Blacksad – Irgendwo zwischen den Schatten“ (Carlsen)
Wenn eines immer geht, dann „Blacksad“. Mein Lieblingscomic und da ich das erste Mal an dieser großartigen Liste mitwirken darf, muss er einfach erwähnt sein.

Kevin Eastman/Peter Laird: „Teenage Mutant Ninja Turtles Nr. 1“ (Dani Books)
Ich bin mit den Turtles aufgewachsen, habe sie als Kind geliebt. Wir hatten mit acht Jahren sogar einen Fanclub, mit Ausweisen und allem. Dieses Schmuckstück, die original Turtles-Geschichte, hatte ich beim Gratis-Comic-Tag im Frühjahr mal wieder in Händen.

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MATTHIAS PENKERT-HENNING:

James O’Barr: „The Crow – Ultimate Edition“ (Dani Books)

Neil Gaiman/Rafael Albuquerque: „Eine Studie in Smaragdgrün“ (Dantes Verlag)

Darcy van Poelgeest/Ian Bertram/Matt Hollngsworth: „Little Bird“ (Cross Cult)

Pornsak Pichetshote/Aaron Campbell: „Infidel“ (Splitter Verlag)

Peter Madsen/Henning Kure: „Walhalla. Die gesammelte Saga“ (Roter Drache)

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SONJA STÖHR:

Carbone/Gijé: „Die magische Spieluhr. Willkommen in Pandorient“ (Toonfish/Splitter)
Der erste Geburtstag ohne die verstorbene Mama ist für Nola ein trauriger. Doch sie bekommt die Spieluhr ihrer Mutter geschenkt – und besucht zum ersten Mal deren Bewohner. Ein bittersüßer, fantastischer Auftakt zu einer neuen Kindercomicreihe.

Camille Jourdy: „Die Vunderwollen“ (Reprodukt)
Ein falscher Schritt – und Schwups – steht man in einem magischen Wald. So ähnlich geht es der kleinen Jo, als sie vor ihrer Familie Reißaus nimmt. Es ist der Beginn eines fantastisch verträumten Abenteuers, das hier und da an die großen Kinderbuchklassiker erinnert. Was für ein vunderwolles Kleinod französischer Comickunst.

Drew Weing: „Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo“ (Reprodukt)
Umzüge sind für Kinder oftmals eins: ziemlich Scheiße. Wenn dann auch noch ein Monster im neuen Heim weilt, gilt es zu handeln. Zum Glück trifft Hobbyreporter Charles auf die pfiffige Monsterflüsterin Margo Maloo – und lernt so die eigentlichen Bewohner von Echo City kennen. Einfach monsterstark!

Tom Gauld: „Abteilung für irre Theorien“ (Edition Moderne)
Sich einmal so richtig nerdig und intelligent fühlen? Nichts leichter als das! „Abteilung für irre Theorien“ sammelt eine Auswahl von Tom Gaulds wissenschaftlichen Comicsstrips. Nach der Lektüre ist man nicht nur bedeutend schlauer, sondern versteht auch, warum der Schotte Liebling aller Geeks und Stammillustrator für die bedeutendsten angloamerikanischen Tages- und Wochenblätter ist.

René Goscinny/Jean Tabary: „Isnogud“ (Carlsen)
Es gibt nur wenige Sätze, die Comicgeschichte geschrieben haben. „Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen“ gehört zweifelsohne dazu. Wer die Geschichten rund um den größenwahnsinnigen Großwesir neu entdecken möchte, hat dazu seit Ende 2020 die Möglichkeit. Ein krönender Abschluss eines eher durchwachsenen Jahres.

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MHÁIRE STRITTER & NICO MENDREK:

Bei Marvel bzw. Panini wurde der erste große Zyklus von „Star Wars: Doctor Aphra“ abgeschlossen und die Comic-Kontinuität hat den gesamten Bogen von „A New Hope“ zu „Empire“ gespannt. Auch wenn wir die alten Dark-Horse-SW-Comic sehr mochten, hat es uns schwer beeindruckt, was Marvel da hinbekommen hat und wie gerade die Aphra-Comics, vermutlich inspiriert von Werken wie „Saga“, viel mehr aus „Star Wars“ machen, als wir für möglich gehalten hatten.

Das Finale von Lanfeust Odyssee (Christophe Arleston/Didier Tarquin, Splitter Verlag). Ja, es ist infantil, aber nach all den Jahren war das ein würdiges Finale für eine Reihe, ohne die wir nicht so früh auf den frankobelgischen Markt aufmerksam geworden wären.

Neue „Donjon“-Comics (Lewis Trondheim, Reprodukt). „Antipoden“ als Prequel der Reihe und einer der stärksten Bände.

„Order of the Stick: Utterly Dwarfed“ (Rich Burlew, Giant in the Playground, UK) – kam 2019 schon raus und auch nur auf englisch. Ursprünglich Webcomics. Die beste Umsetzung von D&D in Comicform, die wir kennen. Für etwas, das vor 15 Jahren als Witz über die D&D-Regeln begann, ist es umso bemerkenswerter, was für eine geniale Dramaturgie und was für liebenswerte Figuren dahinter stecken. Sollten viel mehr Rollenspieler kennen.

Das Finale von „Ralph Azham“ (Lewis Trondheim, Reprodukt)!

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BERND WEIGAND:

Cosey: „Minnie Maus: Tante Mirandas Geheimnis“ (Egmont Comic Collection)
Bereits zum zweiten Mal glänzt der Schweizer Cosey (u. a. „Jonathan“, „Auf der Suche nach Peter Pan“) mit einer edlen Disney-Hommage.

Jeff Lemire, Andrea Sorrentino: „Gideon Falls“ (Splitter Verlag)
Kann man Horror innovativer und origineller in Panels fassen, als das Andreas Sorrentino schafft? Für alle, die von der dritten „Twin Peaks“-Staffel begeistert waren.

Ralph Meyer: „Sleep Little Baby“ (Schreiber & Leser)
Neu- und Gesamtausgabe des erstmals als „Tödliches Wiegenlied“ erschienen Frühwerks von Ralph Meyer („Undertaker“), mit einer clever gestrickten Story des leider zu früh verstorbenen Tome.

Mike Mayhew: „Joker/Harley: Psychogramm des Grauens, Band 1“ (Panini)
DC-Elseworlds Krimi im Black-Label-Großformat, der sich schon allein wegen der Zeichnungen von Mike Mayhew lohnt.

Gou Tanabe: „Die Farbe aus dem All“ (Carlsen)
Mangaka Gou Tanabe adaptiert die verstörenden Geschichten des Horror-Meisters adäquat, sowohl optisch als auch inhaltlich – siehe auch „Berge des Wahnsinns“.

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THOMAS WÖRTCHE:

Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette: „Nada“ (Splitter)

Ruto Modan: „Tunnel“ (Carlsen)

Jean van Hamme/Grzegorz Rosinski: „Western“ (Splitter Verlag)

Munoz/Sampayo: „Alack Sinner“ (Avant-Verlag)

Chris Ware: „Jimmy Corrigan. Der klügste Junge der Welt“ (Reprodukt)

Und ein Special Votum: „Grant Geissman: The History of EC Comics“ (Taschen)

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