INSEL DER FRAUEN – Ein Postbote für das Glück

insel_der_frauen_900x1200Bretagne 1914. Auf einer sturmumtosten Insel, einer „finis terrae“, die die alte Dame Frankreich nach Worten ihrer Einwohner gerne vergisst, kommt ein Konflikt an, der doch eigentlich weit weg scheint. In Serbien hat ein Attentäter Erzherzog Franz-Ferdinand ermordet, und was anfangs kaum Belang hat, ereilt die Inselbewohner in Form der Mobilmachung gnadenlos. Alle Männer zwischen 20 und 50 Jahren werden in kürzester Zeit eingezogen – zurück bleiben Frauen, Kinder, Greise – und Mael, der wegen seines Klumpfußes zum Kriegsdienst untauglich ist.

Nach einer ersten Phase der Schockstarre wird das Leben auf der Insel neu organisiert: die Frauen bestellen die Felder, kümmern sich um die Häuser und die Ernte, während auch Mael eine Aufgabe bekommt. Gegen den Widerstand seines ausbeuterischen Vaters macht man ihm zum Postboten, der mit einem Fahrrad bei Wind und Wetter quer über die Insel fährt und den Frauen die ersehnten Briefe ihrer Lieben von der Front bringt. Erstmals in seinem Leben erfährt Mael dadurch so etwas wie Anerkennung: stets war er als leicht zurückgebliebener Krüppel verlacht, jetzt warten alle Bewohner jeden Tag ungeduldig auf seine Silhouette am Horizont.

Bald gesellt sich auch noch ein weiterer Aspekt zu seiner Beliebtheit hinzu: die Frauen sehen sich nicht nur in Haus und Hof auf sich selbst gestellt, sondern auch in ihren körperlichen Begierden, welche sie zunehmend auf den plötzlich gar nicht so unattraktiv wirkenden Jüngling projizieren. Nach ersten holprigen Gehversuchen erotischer Art entwickelt sich Mael so zum regelrechten Casanova, der genüsslich alle Damen der Insel gerne besucht, mit oder ohne Postlieferung. So arg treibt er sein Rachespiel, dass er sogar Postkarten und Briefe von der Front, die allzu sehnsüchtig oder verzweifelt klingen, unterschlägt oder fälscht: die Männer kämen ganz gut ohne Frauen zurecht, an der Front gehe es doch bequem zu, und Bordelle gäbe es überall, so erzählt er es den Daheimgebliebenen, die sich umso williger in seine Arme fallen lassen und die neu gewonnene Freiheit durchaus genießen.

Aber dann kommt der verhängnisvolle Tag, an dem alles endet: im Sommer 1918 kehrt mit Guénolé der erste Mann zurück, entstellt und vollkommen traumatisiert – und auch Maels Schicksal findet seine Erfüllung…

„Alles Gute geht einmal vorbei… selbst der Krieg!“ Diese auf den ersten Blick mehr als befremdliche Botschaft transportiert diese wundervolle Graphic Novel von Didier Quella-Guyot und Sébastien Morice (die gemeinsam auch schon „Tatort Tahiti“ vorgelegt haben) auf ebenso einfühlsame wie fesselnde Art. Anstelle einer weiteren Darstellung der Gräuel, die nicht zuletzt Jacques Tardi in seinen aufwühlenden Werken wie etwa Putain de Guerre (Verdammter Krieg, dt. bei Edition Moderne) bietet, lenkt „Insel der Frauen“ den Blickwinkel auf das, was oft als „Heimatfront“ bezeichnet: die Verlassenen, um ihre Familien gebrachten, die von heute auf morgen auf sich selbst gestellt waren.

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Dieses Szenario nutzt Quella-Guyot allerdings nicht für eine Abhandlung über beschwerliche Arbeit oder Sehnsuchtsattacken, sondern über die befreiende Wirkung einer urplötzlich abwesenden patriarchalischen Gesellschaft. Ganz offen genießen die Frauen, deren Leben bislang völlig fremdbestimmt war, ihre neu entdeckte Identität, Vitalität und Sexualität. Die Ehemänner, die von den Eltern ausgewählt waren, die vorbestimmten Rollen als Mutter und Haushälterin, das alles existiert nicht mehr – während der von der Gesellschaft ebenso benachteiligte Mael weidlich Rache an der Gleichgültigkeit und dem Spott nimmt, der ihm stets entgegenschlug, bevor er seinerseits die vorbestimmten Konventionen durchbricht, als er seinen gewalttätigen, alkoholsüchtigen Vater kurzerhand erschlägt und es als Unfall aussehen lässt.

Über allem schwebt allerdings der Schleier des Begrenzten, der Endlichkeit des Idealzustands: die Rückkehr der Männer markiert die Rückkehr zur alten Ordnung, weg von der liebgewonnenen Selbstbestimmung hin zur althergebrachten Unterwerfung. Wie sich die Frauen dabei dennoch zumindest gegen die Konsequenzen ihres Handelns wehren, davon berichtet ein kleiner Epilog, der in der Rückschau ein gänzlich anderes Licht auf die abschließenden Tage wirft und durch einen parallelen Handlungsbogen (eine junge Frau findet ihr eigenes Selbst jenseits der Geschlechterkonventionen und entdeckt dabei, wer ihr eigentlicher Vater ist) einen versöhnlichen Ausblick bietet.

In der Adaption des Romans, den Quella-Guyot in Anlehnung an die Lebensgeschichte seines Onkels verfasste, gestaltet Sébastien Morice die Ereignisse in atmosphärischen, detailreichen Zeichnungen, die in dominanter Farbtönung die Stimmung der Szenerien jeweils kongenial spiegelt, von der Hitze der Sommertage über die lauen Nächte bis hin zu den offenen, aber geschmackvollen Erotikszenen. Die Briefe der Männer dürfen wir dabei in der Ursprungsfassung in abgesetzter Schrift lesen, bevor sie Mael für seine Zwecke „umarbeitet“ und die Frauen damit rücksichtslos manipuliert – und auch wenn sich die Frauen dies nicht ungestraft bieten lassen, halten sie sein Andenken dennoch nach all den Jahren in Ehren, als den „tapferen Briefträger“, der ihre einzigartigen Jahre mit begleitete.

Der vorliegende Band ist mit einem Anhang inklusive Skizzen und Kommentaren schön eingerichtet und erscheint in hochwertigem Hardcover-Format.

Didier Quella-Guyot, Sébastien Morice: Insel der Frauen. Splitter, Bielefeld 2016. 128 Seiten, 19,80 Euro