DIE DREI GEISTER VON TESLA – Steampunk-Science-Fiction mit Retro-Feeling

Manhattan im Kriegsjahr 1942: Nach dem Tod des Vaters wird eine karge Mietswohnung das neue Zuhause des jungen Travis Cooley und seiner Mutter Kathleen, die Schichtarbeit in einer Rüstungsfabrik gefunden hat. Im selben Stockwerk lebt ein alter, verschrobener Mann, dem Travis als Mutprobe für seine neuen Freunde einen Brief in einer unverständlichen Sprache überbringen soll. Gleichzeitig geschieht im und um den East River Unerklärliches: Obdachlose verschwinden spurlos, und tief im Fluss werden in der Nacht merkwürdige Lichter beobachtet. Inspektor Kelly vom FBI soll die Vorfälle untersuchen, steht aber vor einem Rätsel. Als Travis den Alten bei einem seiner nächtlichen Ausflüge verfolgt, trifft er am Fluss auf merkwürdige Gestalten und muss anschließend vor seltsamen Maschinen fliehen, die wie riesige Metall-Spinnen aussehen. Dann schnappt ihn der Mann und der wissbegierige wie clevere Travis erkennt schließlich, dass es sich bei dem Alten um keinen Geringeren als den berühmten Erfinder Nikola Tesla handeln muss. Aber als er ihn mit seiner Entdeckung konfrontieren will, liegt Tesla tot im Bett. Doch sein Geist ist noch quicklebendig und offenbart dem Jungen Ungeheuerliches…

Schon das Cover des Bandes ist ein kleines Kunstwerk. Fremdartige Flugmaschinen unter japanischer Flagge drohend über dem Himmel New Yorks. Ein Titel-Logo im Art Déco Stil mit dem Umriss des Empire State Buildings, von dem Tesla-typische Blitze ausgehen. All das erinnert angenehm an Werke wie „Sky Captain and the World of Tomorrow“ oder den „Blake und Mortimer“-Band „Das Geheimnis von Atlantis“ und macht sofort Lust auf mehr. Und enttäuscht nicht. Die Geschichte entpuppt sich als eine wunderbare Mischung aus Science Fiction, Steampunk, Alternativ-Welt-Story mit Noir- und Pulp-Elementen. Dazu nimmt sich Marazano („Der Schimpansenkomplex“, „Pelikan Protokoll“) der Figur Nikola Teslas an, jenes exzentrischen Erfinders, der mit spektakulären Wechselstrom-Experimenten und Vorführungen schon zu Lebzeiten zum Wissenschafts-Popstar wurde und dessen Arbeiten im Alter immer skurriler und undurchsichtiger gerieten. Legendenbildung und Mystifizierung inklusive – er behauptete sogar, mit Außerirdischen Kontakt zu haben – und damit wie geschaffen für eine Pulp-Story (vgl. auch David Bowie als Nikola Tesla in Chrisopher Nolans „Prestige – Die Meister der Magie“).

Ohne hier zu viel zu verraten: Bald schwant dem Leser, dass es in der Geschichte zwei konkurrierende Lager gibt: einmal Tesla, der als Gejagter und Untergetauchter seine Geheimnisse und Entdeckungen – welcher Art auch immer – schützen und verbergen will und einmal der Große Unbekannte, der offenbar vom Staat unterstützt genau danach trachtet und für den Gestalten in seltsamen Tauchanzügen (die den Big Daddys aus den „Bioshock“-Spielen entlehnt sind) nach einem Geheimlabor den East River absuchen. Angeblich zum Wohle des Landes und letztendlich um den Krieg zu gewinnen. Wem Teslas Leben und Geschichte etwas vertraut sind, ahnt, um welchen Gegenspieler es sich dabei handelt. Doch auch Tesla hat Unterstützer, wie der arme Travis bald erfährt, der ungewollt in das Geschehen hineinschliddert und ein Teil dieses im Verborgenen ausgetragenen Konfliktes wird. Und am Ende überrascht eine dritte Macht alle (wir erinnern uns an das Cover), was einen weiteren Aspekt in der Geschichte eröffnet.

Kriegs-Paranoia und Invasionsängste (Nazis, Japaner); spinnenartige Roboter, die heimlich die Stadt durchforsten; riesige Zeppeline über den Wolkenkratzern; seltsame Erscheinungen; Hologramme bzw. Lichtgebilde und ein finsteres, oft nächtliches New York bilden einen stimmigen Hintergrund zur futuristischen Handlung (es schadet dabei auch nicht, die fiktiven Zeitungsartikel auf den Vorsatzseiten zu lesen, die schon fast zu viel vorwegnehmen), in der der junge Travis als Identitätsfigur einen bodenständigen Gegenpol bildet und ein wenig Lausbuben-Flair einbringt. Die optische Verantwortung für all dies liegt bei Zeichner Guilhem, der mit Nachnamen Bec heißt und der jüngere Bruder von Christophe Bec ist, von dem bei Splitter bereits etliche Bände und Serien im Programm sind. Guilhems Panels, der in Deutschland mit seiner Reihe „Zarla“ noch in einem ganz anderen Zeichenstil debütierte, kommen dabei trotz der dunklen Farbgebung elegant und feingeschliffen rüber und schaffen eine dauerhaft bedrohliche Atmosphäre. Band 2 dieser gelungenen Genre-Mischung, die heuer beim Comicfestival in Angoulême für den Publikumspreis nominiert war, ist in Vorbereitung.

Richard Marazano (Text), Guilhem (Zeichnungen): Die drei Geister von Tesla Bd. 1: Das štokavische Geheimnis. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag, Bielefeld 2017. 48 Seiten. 15,80 Euro