Comic-Bestenliste – Zweites Quartal 2022

30 Kritikerinnen und Kritiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in Presse, Rundfunk und Internet regelmäßig Comics, Mangas und Graphic Novels besprechen, stellen alle drei Monate eine gemeinsame Bestenliste zusammen.

Die Comic-Bestenliste – präsentiert von buchreport, Comic.de, rbbKultur Radio und Tagesspiegel – orientiert sich in ihrem Erstellungsverfahren an der renommierten „SWR Bestenliste“ für Literatur.

Die Jurorinnen und Juroren, die am Ende der Seite aufgelistet sind, konnten bis zu vier Comic-Novitäten benennen, denen sie möglichst viele Leser und Leserinnen wünschen, und vergaben je einmal 15, 10, 6 sowie 3 Punkte. Hier folgen jetzt die zehn Bestplatzierten für die zurückliegenden Monate …


Platz 1

Émile Bravo:

SPIROU ODER: DIE HOFFNUNG Band 4 (Carlsen)

SC-Album, 48 Seiten, farbig, € 12,00 • Übersetzung aus dem Französischen: Ulrich Pröfrock • Leseprobe

Christoph Haas in der Taz: „Mit einer Fülle von Figuren, die teils wiederholt, teils nur in ein, zwei Szenen präsent sind, entfaltet Bravo ein Panorama des Lebens im okkupierten Belgien. Er zeigt nicht nur die Ex­treme von Gut und Böse, sondern die große Grauzone, die dazwischen besteht. ‚Spirou oder: die Hoffnung‘ ist nicht die Comic-Entsprechung eines Spielfilms wie ‚In­glo­rious Basterds‘; zöge man Filme zum Vergleich heran, wäre eher an Jean Renoirs ‚Die große Illusion‘ oder Roberto Rossellinis ‚Paisà‘ zu denken.“


Platz 2

Luz nach Virginie Despentes:

VERNON SUBUTEX Band 1 (Reprodukt)

Klappenbroschur, 304 Seiten, farbig, € 39,00 • Übersetzung aus dem Französischen: Claudia Steinitz und Lilian Pithan • Leseprobe

Marie Schröer in Der Tagesspiegel: „Der Comic strotzt generell vor visuellen Einfällen: Luz ist ein Meister der grafischen Metaphern, er weiß mit Seitenarchitektur, Form- und Farbgebungen und vor allem mit subtilen Wiederholungen zu experimentieren. Jede Figur hat ihre Farbe, Vernons Passagen etwa sind Nikotin-gelb getönt; das Gelb wird fortan zum Zeichen für Vernon, selbst wenn er nicht im Bilde ist. Für die Lesenden heißt das: Sie können sich in die detektivische vielschichtige Lektüre stürzen, Wiederholungen und (Musik-)Zitate identifizieren, den Comic mit der Vorlage vergleichen, autofiktionale Anspielungen erkennen, oder auch sich ganz einfach richtig gut unterhalten lassen: Binge Reading ist auch hier garantiert.“


Platz 3

Andi Watson:

DIE LESEREISE (Schaltzeit)

Hardcover, s/w, 268 Seiten, € 25,00 • Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Keen • Leseprobe

Silke Merten in Der Tagesspiegel: „Andi Watson schickt seine Autorenfigur in immer absurdere Situationen, seine Dialoge führen eine zutiefst britische Version des Ins-Leere-Laufens von Kommunikation vor. So viele ‚Sir’s, so viel Zurückhaltung sind selten in Comic-Dialogen. Sogar in denen aus dem UK. Dass Watson für ‚Die Lesereise‘ eine Eisner-Award-Nominierung bekam, ist verständlich. Selten greifen in Graphic Novels Form und Inhalt so perfekt ineinander.“


Platz 4

Bruno Duhamel:

FALSCHE FÄHRTEN (avant-verlag)

Hardcover, 80 Seiten, farbig, € 22,00 • Übersetzung aus dem Französischen: Lilian Pithan • Leseprobe

Klappentext: „Frank, ein Darsteller aus einer Westernshow, wird seine langjährige Rolle als Marshall gekündigt. Zum Abschied wird ihm eine Reise in den Westen geschenkt, zu den realen Schauplätzen, die er bislang nur in der Fantasie seiner Theateraufführungen besucht hat. Neben einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Touristen*innen – ein trendiges Öko-Paar, desillusionierte Nerds und Waffenliebhaber – bewegt sich der alternde Schauspieler auf seiner Reise in einem seltsamen Hin und Her zwischen Realität und Einbildung und versucht diese zwei Amerikas zu verbinden. Zwei Visionen, die von Fake News und Legenden durchdrungen sind – eine Welt voller falscher Fährten! Bruno Duhamel schafft es in dieser humorvollen Geschichte, die das Bild eines in seinen Widersprüchen gefangenen Amerikas zeichnet, seine Leser*innen zu überraschen.“


Platz 5

André Breinbauer:

MEDUSA UND PERSEUS (Carlsen)

Hardcover, 288 Seiten, farbig, € 26,00 • Leseprobe

Christian Endres in Der Tagesspiegel: „Auch visuell gibt Breinbauer beiden Leserichtungen einen eigenen Dreh: Perseus’ Quest ist ein bunter, verspielter Semi-Funny-Abenteuer-Comic; Medusas dunkle Story teils roh, reduziert und sprachlos. So fängt Breinbauer die Dualität – und die Ungerechtigkeit – der antiken Mythen ein. Obendrein verknüpft er die über 2000 Jahre alten Geschichten mit aktuellen Fragen nach der Wahrheit, den Opfern, Tätern, Monstern. Mit Gedanken der #MeToo-Bewegung und einer Gegenwart, in der das dominanteste Narrativ entscheiden kann.“


Platz 6

Héctor Germán Oesterheld, Hugo Pratt:

ERNIE PIKE Gesamtausgabe (avant-verlag)

Hardcover, 364 Seiten, farbig, € 49,00 • Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch: André Höchemer • Leseprobe

Max Bauer auf SWR: „Inspiriert von der Figur des amerikanischen Kriegsberichterstatters Ernie Pyle schufen Oesterheld und Pratt 1957 in Argentinien die Figur des Ernie Pike: ein Journalist, an die Schrecken des Schlachtfelds gewöhnt, aber entschlossen, seine Menschlichkeit zu verteidigen und zu bewahren. In seinen Händen hält er keine Waffe, sondern ein Notizbuch, in dem er Geschichten und Zeugnisse aus den Schützengräben der halben Welt sammelt. Verrat, Mut, Flucht oder Heldentum, nichts entgeht dem scharfen Blick dieses Zeitzeugen des Krieges.“


Platz 7

Bom, Frank Pé:

JONAS VALENTIN Gesamtausgabe Band 1 (Splitter Verlag)

Hardcover, 272 Seiten, farbig, € 49,00 • Übersetzung aus dem Französischen: Max Murmel • Leseprobe

Christoph Haas in der Taz: „Frank Pé gehört einer Generation an, die ab Anfang der 1980er auf ganz eigene Weise die frankofone Comic-Szene erneuert hat. Im Vorwort der Gesamtausgabe erklärt er: ‚Wir hatten kein Interesse, Erwachsenen-Comics zu machen, denn damals bedeutete das, nackte Frauen zu zeichnen mit großen Brüsten oder Science-Fiction mit hermetischen Szenarien.‘ Pé und seine Mitstreiter orientierten sich an den klassischen frankobelgischen Comics von André Franquin, Maurice Tillieux und Hergé, modernisierten aber deren Ansätze. So entstanden Werke, in denen sich die scharfe Trennlinie zwischen Comics für Minderjährige und für Erwachsene verwischt. ‚Jonas Valentin‘ ist hierfür ein mustergültiges Beispiel, wegen der Thematisierung von Umweltfragen, aber auch wegen des poetisch-fantastischen Einschlags, den die Serie besitzt: So imaginiert Jonas etwa die schlecht gelaunten Insassen einer Straßenbahn als auf einem gigantischen Katzenwels reitend.“


Platz 8

Cliff Chiang:

CATWOMAN: LONELY CITY Band 1 (Panini)

Hardcover, 108 Seiten, farbig, € 20,00 • Leseprobe

Christian Endres auf diezukunft.de: „Auch Cliff Chiang und ‚Catwoman: Lonely City‘ gehören zu Millers Erben. Es wäre blauäugig, die Parallelen nicht zu sehen. Doch seit „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ sind 35 Jahre vergangen. Die Welt und die Comic-Welt haben sich weitergedreht. Chiang und die Prämisse seiner unabhängigen Catwoman-Story mögen von Miller inspiriert sein, letztlich präsentiert Chiang unter dem Kanon-fernen Black Label von DC jedoch eine Zukunftsvision Gothams, die für sich steht – und den 2020ern nicht zuletzt mit vielfältigen Protagonistinnen und Protagonisten Rechnung trägt. Und obwohl es um Polizeigewalt, politische Korruption und den Hightech-Überwachungsstaat geht, was ganz echte Probleme unserer Gegenwart aufgreift, positioniert sich ‚Catwoman: Lonely City‘ von Anfang an als buntes, witziges, optimistisches Werk.“


Platz 9

Barbara Yelin, Miriam Libicki, Gilad Seliktar:

ABER ICH LEBE (C.H. Beck)

Hardcover, 176 Seiten, farbig, € 25,00 • Leseprobe

Christoph Haas in der Taz: „‚Aber ich lebe‘ wurde angeregt von einer Professorin an der University of Victoria. So unterschiedlich die Schicksale der auftretenden Überlebenden, so unterschiedlich sind auch die Zeichenstile. Miriam Libicki fängt David Schaffers Erinnerungen in Aquarellbildern ein, die an kindliche oder naive Malerei erinnern. Gilad Seliktar abstrahiert stark. Er beschränkt sich auf die Farben Blau, Beige und Schwarz und lässt die Kamp-Brüder vor oft nur skizzierten Hintergründen auftreten. Beide Beiträge sind gelungen, aber am stärksten ist doch der über Emmie Arbel, für den Barbara Yelin verantwortlich ist. Erzählgegenwart und Erinnerung lässt Yelin fließend ineinander übergehen, und die ästhetisch wie moralisch überaus schwierige Aufgabe, die Höllenwelt der Lager bildlich darzustellen, meistert sie ohne einen einzigen Fehltritt. Anderthalb Millionen jüdischer Kinder unter zwölf Jahren wurden während der Kriegsjahre ermordet. Dass nun Stimmen von Kindern, die davongekommen sind, gehört werden, heißt auch, Stimmen zu hören, die bislang kaum zu Wort gekommen sind. Dass die vier in „Aber ich lebe‘ es trotz ihrer traumatischen Erfahrungen geschafft haben, ein normales Berufs- und Familienleben wie andere auch zu führen, ist eine Leistung, die man nur bewundern kann.


Platz 10

Walt Simonson u. a.:

THOR COLLECTION (Panini)

Hardcover, 1196 Seiten, farbig, € 99,00 • Leseprobe

Klappentext: „Schon im College schrieb Walt Simonson eine Weltensaga über Thor, Feuerriese Surtur und das Odinschwert. Von 1983 bis 1987 ermöglichte ihm Marvel, seine Visionen umzusetzen. Am Ende hatte er ein Opus verfasst, das bis heute zum Besten zählt, was je unter dem Banner Marvel erschienen ist. Mit den Debüts von Beta Ray Bill, Lorelei, Malekith und dem Donnerfrosch! Der beste Thor aller Zeiten in einer extradicken Hardcore-Ausgabe, erstmals komplett in einem gewaltigen Band mit 48 US-Ausgaben.“


DIE MEDIENPARTNER

buchreport – Die meinungsbildende Fachzeitschrift für die Buchbranche
Comic.de – Das Magazin für Comic-Kultur im Internet
rbbKultur – Deine Ohren werden Augen machen
Der Tagesspiegel– Die größte Zeitung der Hauptstadt


DIE JURY

Niels Beintker (Bayerischer Rundfunk, https://t1p.de/8o0h)
Barbara Buchholz (Der Tagesspiegel, Schnüss, http://t1p.de/p02p)
Anne Delseit (Animania, https://t1p.de/ae4v)
Christian Endres (die zukunft, Geek!, http://t1p.de/ukpk)
Birte Förster (Titel Kulturmagazin, Der Tagesspiegel, http://t1p.de/qtej)
Gerhard Förster (Die Sprechblase, http://t1p.de/wv34)
Christian Gasser (Radio SRF 2, Neue Zürcher Zeitung, http://t1p.de/mlz5)
Meheddiz Gürle (Lektoratsdienste des ekz.bibliotheksservice, https://t1p.de/qsog)
Christoph Haas (Süddeutsche Zeitung, taz. die tageszeitung, http://t1p.de/fqdm)
Volker Hamann (Alfonz, Reddition, http://t1p.de/lr8o)
Andrea Heinze (Deutschlandfunk, rbbKultur, https://t1p.de/lcg9)
Jule Hoffmann (Deutschlandfunk Kultur, http://t1p.de/htfj)
Alex Jakubowski (ARD-aktuell, Comic-Denkblase, https://t1p.de/34ug)
Lucas Sebastian Jordan (Manga Passion, https://t1p.de/7ig7)
Martin Jurgeit (Buchreport, die neunte, http://t1p.de/mnzr)
Michael Klamp (Ostsee-Zeitung, Rostock, https://t1p.de/z4pe)
Karin Krichmayr (Der Standard, http://t1p.de/yjp7)
Jörg Krismann (Comixene, http://t1p.de/axkj)
Gerrit Lungershausen (Comicgate, Comic.de, Closure, http://t1p.de/7xy3)
Mattes Penkert-Hennig (Dein Antiheld, http://t1p.de/5j86)
Andreas Platthaus (Frankfurter Allgemeine Zeitung, http://t1p.de/8f1s)
Claudia Reicherter (Südwest Presse, http://t1p.de/8v3n)
Martin Reiterer (Wiener Zeitung, http://t1p.de/71xu)
Volker Robrahn (Comic-Talk, http://t1p.de/m4q0)
Martin Schöne (3sat, http://t1p.de/qzyh)
Sabine Scholz (Animania, Der Tagesspiegel, http://t1p.de/g2ju)
Anna Mháire Stritter (Orkenspalter TV, https://t1p.de/lyts)
Lars von Törne (Der Tagesspiegel, http://t1p.de/zuip)
Ralph Trommer (taz.die tageszeitung, http://t1p.de/cagt)
Gesa Ufer (Deutschlandfunk Kultur, rbb radioeins, http://t1p.de/680j)