Von Ernst Marischka zu Luchino Visconti: Der biografische Comic „Romy Schneider – Ich bin nicht mehr Sissi“ beleuchtet den Kampf der Schauspielerin um künstlerische Integrität.
Die ländliche Idylle des 6-jährigen Kindes auf dem Landgut Mariengrund in Schönau am Königssee wird empfindlich gestört, als im April 1945 ein britischer Fliegerangriff das Berchtesgadener Land erschüttert. Die Bomben gelten offensichtlich Hitlers Berghof am nahen Obersalzberg, doch für die junge Romy Schneider markiert diese „Begegnung mit der Geschichte“ ein lebenslanges Trauma. Zumal ihre Mutter Magda Schneider, eine zu der Zeit angesehene Schauspielerin, die persönlich mit dem Nazi-Führer bekannt war, darüber nicht spricht. Bei einem früheren Besuch auf dem Obersalzberg hatte sie auch ihre kleine Tochter dem Diktator vorgestellt. In Stéphane Betbeders und Rémi Torregrossas biografischer Graphic Novel „Romy Schneider – Ich bin nicht mehr Sissi“ dient dieses Trauma, das an verschiedenen markanten Stellen der klug gerafft und verdichteten Lebensgeschichte der berühmten Schauspielerin reaktiviert wird, als Folie und Blaupause für eine von Männern dominierte Welt, von der sich die aufstrebende Mimin nach und nach emanzipieren muss.

Nach dem kometenhaften Aufstieg der Jugendlichen durch die „Sissi“-Filme ab Mitte der fünfziger Jahre konzentrieren sich die beiden französischen Comic-Künstler in ihrer dezidiert sprunghaften Erzählung, die durch genaue Datumsangaben gegliedert ist, vor allem auf einen entscheidenden Wendepunkt in Schneiders Leben. Denn spätestens als sie Ende des Jahrzehnts den aufstrebenden Filmstar Alain Delon und kurz darauf den renommierten italienischen Theater- und Filmregisseur Luchino Visconti kennenlernt, will sie ihr Prinzessinnen-Image loswerden. „Sissi haftet wie Klebstoff an meiner Haut“, sagt die junge Frau, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur persönliche Freiheit, sondern auch künstlerische Unabhängigkeit ersehnt. So wie sie sich in einem der „Sissi“-Filme einmal dagegen wehrt, zur Kaiserin zu werden, so flieht sie kurz darauf aus ihrer Imago nach Frankreich mit der Hoffnung, durch „realistischere Rollen“ zu einer ernsthaften Schauspielerin zu reifen. Leben und Kunst stehen auch in Romy Schneiders Biografie in einem stetigen Austausch.
Der französische Zeichner Torregrossa visualisiert dieses auch emotionale Wechselspiel, indem er die kontrastreichen Szenenfolgen farblich monochrom voneinander absetzt und damit auch der zeitlich fragmentierten Erzählweise seines Szenaristen Betbeder Rechnung trägt. Krisenhafte Ereignisse und dramatische Stimmungen werden auf diese Weise in Fragmenten und Details sehr lebendig akzentuiert. Diese stehen gewissermaßen für das Ganze einer noch sehr mondänen, abgehobenen Männerwelt innerhalb des Filmmetiers, die jedoch schon erste Risse zeigt. Und so muss sich Romy Schneider irgendwann auch von ihrem windigen Verlobten Delon sowie ihrem strengen, mitunter herrischen Lehrmeister Visconti – denen sie gleichwohl viel verdankt – lösen, um zu sich selbst als Künstlerin zu finden.
Nach dem Erfolg in der von Visconti inszenierten und verschwenderisch ausgestatteten Episode „Der Job“ des italienischen Omnibusfilms „Boccaccio 70“ sagt Romy Schneider: „Es scheint, als wäre Sissi endlich begraben worden.“ Doch es wird noch etliche Jahre dauern, ehe sie nach einem Zeitsprung gegen Ende der sechziger Jahre auf den Regisseur Claude Sautet trifft, in dessen Filmen – neben zahlreichen anderen – sie vor allem im französischen Kino zu einer ebenso ernsthaften wie verehrten Schauspielerin reift. Doch das ist eine andere Geschichte.
Stéphane Betbeder (Szenarist), Rémi Torregrossa (Zeichner): Romy Schneider – Ich bin nicht mehr Sissi • Aus dem Französischen von Anne Bergen • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 160 Seiten • Hardcover • 29,80 Euro
Wolfgang Nierlin, geboren 1965. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Gedichtveröffentlichungen in den Zeitschriften metamorphosen und Van Goghs Ohr. Schreibt Film- und Literaturbesprechungen für Zeitungen (Rhein-Neckar-Zeitung, Mannheimer Morgen u. a.) sowie Fachzeitschriften (Filmbulletin, Filmgazette u. a.). Langjährige Mitarbeit im Programmrat des Heidelberger kommunalen Karlstorkinos.

