Danke, Mr. Wertham – „Creepshow“

Auf den Seiten der neuen „Creepshow“-Anthologie wütet der subversive Geist der alten EC Comics.

Jeepers Creepers! Der fürchterbare „Creep“ ist wieder unterwegs und führt seine „Kinder“, „Freunde“ oder wen auch immer er unter genüsslicher Missachtung der vierten Wand anspricht, als Zeremonienmeister des Grauens durch einen bunten Reigen von zehn Storys, in denen sich Abseitigkeit, Grusel und nackter Horror die Klinke in die Hand geben. Ersonnen wurde das Konzept 1982, als die Kumpels Stephen King und George A. Romero ihre ganz eigene Hommage an die EC-Comics der 50er Jahre ins Kino brachten: In einem „moderierten“ Episodenfilm (mit namhaften Akteuren wie etwa Leslie Nielsen und auch Mr. King himself) goss man in fünf Einzelgeschichten Häme über die US-amerikanische Konsumgesellschaft, über Hinterwäldlertum und Geldgier gleichermaßen.

Noch im selben Jahr lieferte Bernie Wrightson eine Comic-Adaption ab, die 2021 im Splitter Verlag als edle Neuausgabe das Licht der Welt erblickte. Und nun gibt es in Form dieser Anthologie ganz neues Futter für Gruselfreunde. Zehn Kurzgeschichten von unterschiedlichen Teams sind enthalten. In „Einer pro Nase“ (Story und Zeichnungen von Chris Burnham) erleben drei Frechdachse bei ihrer Halloween-Tour ihr blaues Wunder, als der Geist eines ermordeten Hausbewohners seiner Maßgabe, man solle sich nur ein Stück Schokolade nehmen, vehement Nachdruck verleiht.

In „Shingo“ (Text: Stephen Langford und Batman-Animated-Veteran Paul Dini, Zeichnungen: John McCrea) eskaliert die Geburtstagsfeier der zickigen Fiona, als der Entertainer Shingo sich als Kinder fressendes Monster entpuppt. Gut, dass der gescholtene geschiedene Ehemann Tom eine Piñata gebastelt hat und auch Shingo zu Klump haut, während sich die manipulative Fiona als eigentliches Monster erweist. „Der Gorgahmorahh-Baum“ (Story und Zeichnungen: David und Maria Lapham) führt ein Eigenleben, kontrolliert die Gedanken der kleinen Daphne und isoliert diese zunehmend von ihren Freunden und ihrer Familie – bis Daphne zurückschlägt und kurzerhand das ganze Haus nebst Insassen anzündet. Als „Opfer“ (Story: Steve Foxe, Zeichnungen: Erica Henderson) darf sich der ehemalige Comic-Zeichner Sal Medina fühlen, dessen Serie „Infra-Red“ ihn einst zum Star machte. Halb senil dämmert er in seinem Haus dahin, nicht ahnend, dass sein Pfleger ihm einen Scheck für die Verfilmungen seiner Figur stehlen will. Aber da hat der Lump die Rechnung ohne Infra-Red und seine Truppen gemacht.

Im Gegensatz zum durchaus satirischen Original der 80er warten diese zehn Storys oft mit handfestem Horror auf, der optisch drastisch in Szene gesetzt wird – nimm dies, Mr. Wertham, so scheint diese Breitseite gegen die seinerzeitige Comic-Zensur ausrufen zu wollen. Die zeichnerische Bandbrete ist enorm, ebenso die visuellen Referenzen an die legendären EC-Comics, deren Geist die alte wie die neue „Creepshow“ verhaftet ist. (Was diese Zeitreise auch in Erinnerung ruft: wie harmlos die „Gespenster Geschichten“ aus dem Bastei Verlag dagegen doch waren.) Jüngst ist der zweite Band mit weiteren zehn Geschichten erschienen.

Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.

Chris Burnham, David Lapham, Kelley Jones u. a.: Creepshow Band 1 & 2 • Aus dem Englischen von Bernd Kronsbein • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • je 128 Seiten • Hardcover • je 29,80 Euro

Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.