Altneuland – „Herzl. Eine europäische Geschichte“

Alexander Pavlenko und Camille de Toledo haben nicht nur eine Biografie über den Begründer des modernen Zionismus gezeichnet, sondern auch eine jüdische Geschichte Europas.

Bereits das Cover von Herzl. Eine europäische Geschichte erzählt eine eigene Geschichte: Theodor Herzl sitzt einsam im Orient-Express, der zu seinen Lebzeiten Konstantinopel mit Westeuropa verbunden hatte. Er blickt melancholisch aus dem Fenster, während er seine ungarische Herkunft hinter sich lässt und Richtung Wien fährt, wo seine Familie sich 1878 niederließ und ihr Leben zwischen ­Assimilation und jüdischer Tradition weiterführte. Die mittels Orient-Express angedeutete Bewegung von Ost nach West steht repräsentativ für das europäische Judentum zur Jahrhundertwende; bis zum Ersten Weltkrieg verließ jeder fünfte Jude infolge von Pogromen und staatlichem Antisemitismus seine Heimat. Und so will die Graphic Novel von Camille de Toledo und Alexander Pavlenko mehr sein als eine Biografie des Begründers des modernen Zionismus, nämlich, wie der Untertitel annonciert, „eine europäische Geschichte“, die auf die Gesamtsituation des europäischen Judentums blickt und so die Hintergründe für Herzls Ideen erzählt.

Denn die wohlhabende Familie Herzl, die ihrem Sohn ein Studium der Rechtswissenschaft in Wien ermöglichen konnte, war nicht repräsentativ für das osteuropäische Judentum. Die meisten Juden Osteuropas lebten in Armut, lediglich geduldet und ohne dieselben Rechte wie die Mehrheitsgesellschaft. So haben Camille de Toledo und Alexander Pavlenko ihrem Protagonisten Theodor Herzl einen fiktiven Charakter zur Seite gestellt, den Fotografen Ilya Brodsky, der nach einer flüchtigen Begegnung mit Herzl in Wien in seiner Kindheit dessen Leben erforscht und dokumentiert. Brodsky ist ein Waisenkind aus dem „Hungerleiderleib“ des „Ansiedlungsrayons“, einem Siedlungsgebiet, in dem Juden im Russischen Reich zu leben hatten. Mit seiner Schwester flieht er vor der Armut und den Pogromen über Wien nach London. Diese Gegenüberstellung von antisemitischer Alltagserfahrung und Armut auf der einen und Assimilation und Bildungsbürgertum auf der anderen Seite ist Hauptthema des Albums, beide Perspektiven beleuchten sich gegenseitig und ergeben ein detailliertes Bild der Lage von Juden in Europa vor dem Ersten Weltkrieg, von sozialistischen Ideen, Diskussionen über Assimilation und Tradition, von Pogromen und Schtetl-Leben, von jüdischer Aufklärung und Zionismus.

Zeichner Pavlenko hat für die Illustration des umfangreichen Manuskripts von de Toledo einen Stil gewählt, der in seiner bräunlichen Färbung gepaart mit flächigem Schwarz an Linolschnitte erinnert, in der Detailfreude aber auch vergilbte Fotos zitiert. Das Thema, so macht die Ästhetik deutlich, ist zwar ein historisches, doch die Frage, wie und ob ein friedliches Miteinander möglich ist, bleibt aktuell.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #141

Camille de Toledo (Autor), Alexander Pavlenko (Zeichner): Herzl. Eine europäische Geschichte. • Aus dem Französischen von Eva-Maria Thimme • Suhrkamp, Berlin 2020 • 352 Seiten • Klappenbroschur • 25 Euro

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.