„Jeder Mensch sollte ein Anrecht auf Freizeit haben“

Die Gen Z hat in Arbeitsfragen einen schlechten Leumund. Home Office, Flexibilität, gar Lebensqualität und Sinnhaftigkeit will sie! Und das, obwohl uns der Kanzler noch mehr Arbeit aufhalsen will – des Wirtschaftsstandorts wegen. „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes in Zukunft nicht erhalten. Deswegen müssen wir mehr arbeiten“, so Friedrich Merz Anfang des Jahres vor Wirtschaftsvertreter*innen. War’s das also schon mit dem schönen Leben? Erwarten uns – und vor allem die jungen Generationen – in der Zukunft nur noch Arbeit (und noch mehr Arbeit)?

Im Reprodukt Verlag erschien soeben mit „Ich will nicht arbeiten“ eine Graphic Novel von Nele Jongeling, einer jungen Düsseldorfer Künstlerin, die sich mit dem Arbeitsbegriff der Gen Z, dem Recht auf Freizeit und der vermeintlich unentrinnbaren Logik des Arbeitsmarkts auseinandersetzt. Eine zeitaktuelle Satire auf Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung, Arbeitszwänge und Arbeitsverweigerung. Im Presse-Interview spricht Nele Jongeling über die Hintergründe ihres neuesten Werks.

Hallo, Nele, es freut mich, dass du dir die Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten. Dein neuer Comic „Ich will nicht arbeiten“ hat einen provokanten Titel. Worum geht es inhaltlich? Welche Verbindung hat der Titel mit der Geschichte des Comics?

Es geht um die fiktive Fernsehsendung “Projekt Traumjob”, in welcher die Teilnehmenden ihren Traumjob gewinnen können. Dafür müssen sie aber verschiedene Challenges meistern, um zu beweisen, dass sie den Traumjob wirklich wollen. Die Hauptfigur Edith Feder nimmt an der Sendung teil, weil sie gar keine Lust auf Arbeit hat – ein Gefühl, dass ich und viele Menschen in meinem Umfeld gut kennen – und erhofft sich durch das Projekt einen Job, der ihr dennoch Spaß macht.

Aktuell gibt es Stimmen aus der Politik, die meinen, dass wir gesamtgesellschaftlich zu wenig arbeiten würden und alle eine Stunde mehr in der Woche arbeiten sollten. Du hast dich für deinen Comic mit dem Thema Jobsuche und Arbeitsentwürfe auseinandergesetzt. Wie ist deine Sicht auf diese Art von Aussagen? Welche Antwort hat dein Comic auf solche Ideen aus der Politik?

Mit dem Buch möchte ich aufzeigen, dass viele Menschen mit der Arbeitswelt unzufrieden sind. Alle Teilnehmer:innen in der Show haben ihre eigenen Schwierigkeiten, z. B. durch erfolglose Jobsuche, schlechte Bezahlung oder zu wenig Freizeit. Das „Projekt Traumjob“ verspricht Besserung – verschiebt aber nur die Verantwortung für die Probleme auf die Teilnehmenden selbst. Sie müssen erst Challenges gewinnen, Motivation zeigen und sich beweisen, bevor sie den passenden Job gewinnen können. Ich sehe in der Politik einen ähnlichen Mechanismus: Wir werden als Individuen für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht. Aber diese bräuchten strukturelle Veränderungen und müssten Menschen in Machtpositionen zwingen, manche ihrer Privilegien abzutreten.

Auf ähnliche Weise wird momentan in der Politik diskutiert, ob Arbeitnehmende nur unter gewissen Auflagen ein Anrecht auf Teilzeit haben sollten, anstatt sich ihr Arbeitsleben selbst gestalten zu dürfen. Dein Buch ist ein schöner Gegenentwurf zu dieser Sicht, weil es zeigt, dass der Traumjob extrem individuell ist. Einige wünschen sich weniger Arbeitszeit und andere mehr Verantwortung. Was bedeutet der Begriff Traumjob für dich?

Die Idee, dass wir alle einen Traumjob haben könnten, zentriert die Bedeutung von Arbeit in unserem Leben. Es gibt aber in den letzten Jahren immer mehr Menschen, die sagen, dass sie nicht von Arbeit träumen. Dass sie „arbeiten, um zu leben” und nicht andersherum. Angesichts steigender Lebenskosten und sinkender Zukunftsperspektiven finde ich es nur logisch, dass Freizeit für viele Menschen wichtiger wird, als den Großteil ihrer Lebenszeit in Arbeit zu stecken, die nicht sinnvoll erscheint. Ich würde natürlich gerne sagen, dass ich als Comiczeichnerin meinen Traumjob gefunden habe, aber auch ich möchte meiner Arbeit nicht die wichtigste Rolle in meinem Leben zuschreiben. Freizeit bedeutet Erholung, Unproduktivität, soziale Kontakte, Community, Gefühle spüren oder Inspiration sammeln. Und letztendlich schöpfen wir aus diesen Dingen Kraft, um überhaupt arbeiten zu können. Jeder Mensch sollte ein Anrecht darauf haben, diesen Dingen selbstbestimmt mehr Zeit widmen zu können.

Der Ton deines Comics ist häufig humorvoll. Das wird von deinem Spiel mit Perspektiven und der Verformung der Körper deiner Figuren unterstrichen. Und doch werden viele ernste Themen angesprochen: Selbstzweifel, Depressionen und Diskriminierung bei der Jobsuche. Wieso hast du dich für diese leichtherzige Herangehensweise entschieden? Wie stehen Humor und Ernst für dich in Verbindung? Und wie spielt deine Bildsprache und Farbwahl da mit hinein?

Mir war zu Beginn meiner Arbeit klar, dass ich mit der Geschichte auf Probleme eingehe, für die ich keine Lösung habe. Gewissermaßen war es mir unmöglich, ein Happy-End zu schreiben, in welchem die Protagonistin all ihre Probleme mit der Arbeitswelt lösen wird. Ich denke, eine Möglichkeit, mit unlösbaren Schwierigkeiten umzugehen, ist Humor. Die farbenfrohe Welt und die lustige Bildsprache sind für mich eine Möglichkeit, sich auf eine leichtere Art und Weise mit schweren Themen zu befassen und sich dabei nicht erschlagen und hoffnungslos zu fühlen.

Wie bist du zum Medium Comic gelangt? Was macht es für dich aus? Und warum meinst du, ist der Comic ein gutes Medium, um diese Geschichte zu erzählen?

Comics waren schon immer die für mich beste Art, Gefühle und Gedanken auszudrücken, selbst dann, wenn ich sie nicht in Worte fassen kann. Aber ich habe eigentlich erst kurz vor Ende meines Designstudiums begriffen, wie aufregend, kreativ und schön Comics sein können. Eine Stärke, die ich in diesem Medium sehe, ist die Möglichkeit, komplexe Thematiken leicht zu verpacken und zugleich emotional und empathisch an die Lesenden heranzutreten. Manchmal ist es etwas frustrierend, über zwei Jahre hinweg an einer Story zu arbeiten, die in weniger als einer Stunde gelesen werden kann, aber andererseits kann ich auch einfach nicht aufhören mit dieser Art des Geschichtenerzählens.

In „Ich will nicht arbeiten“ befasst du dich mit Selbstfindung. Auch in deinem Comic „Emil:ia“ ist das ein Kernthema gewesen. Dieses Mal verarbeitest du die Thematik in einem anderen Rahmen – anstelle der Geschlechtsidentität tritt die berufliche Identität. War dein Arbeitsprozess deswegen anders? War die Arbeit an „Ich will nicht arbeiten“ weniger persönlich? Und hattest du ab und an das Gefühl, nicht (mehr daran) arbeiten zu wollen?

Meine Comics sind auch immer teilweise autobiografisch, die Hauptfiguren beider Comics spiegeln mein eigenes Erleben wider, und auch die Nebenfiguren sind größtenteils inspiriert von Menschen in meinem Umfeld. Dadurch ist die Arbeit sehr persönlich, was es manchmal etwas herausfordernd macht, sich neben meinen Tätigkeiten als Illustratorin und Dozentin so tief in eine Geschichte einzuarbeiten. Kurz gesagt, ja, ich habe auch Phasen, in denen ich nicht mehr am Comic arbeiten möchte. Oder anders formuliert: Ich wünschte, ich müsste meine kreative Arbeit nicht von meinem Einkommen abhängig machen.

Dein Comic begleitet mehrere Kandidat*innen durch die Sendung „Projekt Traumjob“. Alle stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen bei der Jobsuche und im Alltag. Welche Figur hast du am liebsten entwickelt, um sie auf ihrer Reise zu begleiten?

Das finde ich sehr schwer zu beantworten. Mir hat es bei allen Figuren gefallen, ihnen während der Einzelinterviews mehr Tiefe zu geben und ihre Hintergründe aufzuzeigen. Insbesondere bei den Figuren, die anfangs eher unsympathisch wirken und für die man im Laufe der Geschichte mehr Verständnis aufbringen kann.

Trotz des Wettkampfs, in dem sich die Figuren in deinem Comic befinden, sind sie die meiste Zeit sehr nett zueinander. Sie arbeiten größtenteils nicht gegeneinander, sondern gegen das System und sich selbst. Wieso hast du dich für diese für ein Reality-Show-Format doch ungewöhnliche Verschiebung entschieden?

Zu Beginn hatte ich den Plan, dass die Figuren nach und nach aus der Sendung gewählt werden und nur ein:e Teilnehmer:in den Traumjob gewinnen kann. Mir war es letztlich aber wichtiger, die Beziehungen zwischen den Figuren herauszuarbeiten und neben Konkurrenzverhalten auch Freund:innenschaft und Zusammenhalt zu zeigen, trotz der teils großen Unterschiede zwischen den Charakteren.

Die Sendung „Projekt Traumjob“ wird von zwei Figuren begleitet: Britta Meyer, der Gründerin, und der Business-Journalistin Dr. Freude. Dr. Freude nimmt eine mehrschichtige Rolle in der Produktion ein. Sie ist sowohl Moderatorin als auch Psychologin und scheint selbst ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Arbeit zu haben. Kannst du uns etwas mehr zu ihr und ihrer Funktion sagen?

Ich möchte keine Bücher schreiben, die zu viel erklären und den Lesenden keinen Raum lassen, selbst nachzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden. Daher war es mir wichtig, dass nicht ganz deutlich wird, welche Motivation Dr. Freude antreibt und wie sie tatsächlich zur Arbeitsvorstellung von Britta Meyer steht. Manchmal hätte ich ihr wirklich gerne eine klarere Haltung zu Edith Feders Problemen und Fragen gegeben. Aber ich finde es viel spannender, zu sehen, was die Lesenden in sie und die Geschichte hineininterpretieren.

Während des ersten Gesprächs überreicht dr. Freude der Hauptfigur Edith einen Tageslichtwecker. Es soll der erste Schritt in ein gesundes Arbeitsleben sein. Was hältst du von solchen „Effizienz-Hacks“? Besitzt du selbst einen Tageslichtwecker?

Dazu habe ich sehr gemischte Gefühle. Ich mache Sport, ernähre mich gesund und liebe meinen Tageslichtwecker (absoluter Game-Changer). Diese Dinge tun mir gut und helfen mir, trotz mentaler Schwierigkeiten mehr oder weniger meinen Alltag zu bestreiten. Auf der anderen Seite werden solche „Effizienz-Hacks“ oft genutzt, um Verantwortung für das Wohlbefinden einzig und allein auf Individuen zu schieben. Dahinter steckt die Idee, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Ich denke, dass dies für manche ein angenehmer Gedanke sein mag. Es verdeckt jedoch die Tatsache, dass soziale Ungleichheiten, Diskriminierungserfahrungen, Gesundheit sowie andere Faktoren beeinflussen, welche Erfahrungen wir im Laufe unseres Lebens machen und welche Chancen wir überhaupt bekommen.

Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten • Reprodukt, Berlin 2026 • 304 Seiten • Klappenbroschur • 29 Euro