Das Frühwerk von Vance als Gesamtausgabe – „Ringo“

ringo_01_900x1200Arizona 1867. Ein dünn besiedeltes Land. Kaum Menschen. Dafür ganz viel Natur. Und Gold. Nahe der Stadt Prescott wurde eine reiche Goldader gefunden. Die Ausbeute soll ins ferne Santa Fe gebracht werden. Mit Kutschen der Transportgesellschaft Wells Fargo. Einer derer Angestellten ist Ringo, ein taffer, resoluter und erfahrener Westerner, der die Kutsche begleiten und den Transport überwachen soll. Dass überall dort, wo viel Gold ist, auch viele Begehrlichkeiten geweckt werden ist auch klar. So haben wir hier verräterische Soldaten, aufgewiegelte Indianer und die Kavallerie, die zwar nicht zu spät kommt, dafür aber keine Zeit hat, Ringo und dem heiklen Transport beizustehen. Will doch ein Indianeraufstand niedergeschlagen werden. Ringo ist also auf dem gefährlichen Trip weitestgehend auf sich alleine gestellt… Szenenwechsel. Anderer Ort, andere Zeit. Gettysburg, im Jahr 1863. Hier erfahren wir auch den vollen Namen unseres Helden: Ray Ringo, seines Zeichens Lieutenant der Nordstaaten im seit zwei Jahren wütenden Sezessionskrieg. Die wegweisende Schlacht von Gettysburg hat noch nicht richtig begonnen, da wird Ringo verletzt in einen Graben geschleudert. Dort liegt bereits ein weiterer Verletzter: Lieutenant George Morton, ein Südstaatler! Beide Männer schließen Freundschaft und versprechen einander ein Wiedersehen nach dem Krieg. Doch das verläuft anders als erhofft. Als Ringo nach Virginia reist, trifft er auf einen anderen, veränderten Morton, dem das Schicksal übel mitspielte…

William Vance, als Willem van Cutsem 1935 in Anderlecht geboren, ist eine feste Größe in der opulenten franko-belgischen Comic-Historie. Bekannt – auch bei uns – wurde er als Zeichner von „Bob Morane“ (der vorher bereits ein beliebter Romanheld war) und der actionreichen Agentenserie „Bruno Brazil“. Endgültige Berühmtheit verschaffte ihm „XIII“, die Reihe um einen mysteriösen Mann mit unbekannter Vergangenheit, die von Jean van Hamme erdacht wurde und die Vance von 1984 bis 2007 durchgehend zeichnete. Daneben schuf er Ritterserien (Ramiro, Roderic), Seefahrer-Epen (Howard Flynn, Bruce J. Hawker) und selbst im Science-Fiction Genre mischte er mit (XHG-C3). Der Western „Ringo“ ist Teil seines Frühwerks. Die beiden in diesem ersten Band (von zweien) der Gesamtausgabe enthaltenen Alben entstanden in den Jahren 1965 und 1966. Danach war lange Schluss, bis Vance seinen Helden 1978 ein drittes und endgültig letztes Abenteuer gönnte (später zeichnete er noch zwei Alben von Girauds „Marshal Blueberry“ – und Giraud im Gegenzug eine „XIII“ Episode). Heute lebt William Vance, an Parkinson erkrankt, in Spanien im Ruhestand.

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Die erste Story dieses Integral-Bandes („Der lange Weg nach Santa Fe“), die Vance auch schrieb, ist als klassisches Western-Abenteuer angelegt, das zahlreiche Kernelemente des Genres vereinigt. Neben dem leuchtenden Helden, der auch mal Gnade gewährt, um die Bösewichte ihrer gerechten Strafe zuzuführen, präsentiert Vance eine gejagte Postkutsche voller Gold, dazu Indianer (mit denen man dann weniger zimperlich umgeht), Trapper und diverse üble Gesellen, die optisch als solche von Beginn an klar auszumachen sind. Geradlinig galoppiert die Story voran – das Ende ist schon früh klar: gut für den Helden Ringo und schlecht für die Gauner. Das sollte kein Geheimnis sein. Normale Western-Kost, nicht übel, aber auch nicht herausragend. Band 2 („Der Schwur von Gettysburg“) ist da ganz anders. Hier hatte Vance als Autor den erfahrenen Jacques Acar (Tunga, Mausi und Paul, Sven Janssen) zur Seite. Und der zimmert hier quasi ein Prequel, das einen Ringo zeigt, ehe er Agent bei Wells Fargo wurde. Dazu widmet sich die Story historischen Ereignissen: der amerikanische Bürgerkrieg wird kurz erklärt und „vorgestellt“, die Schlacht von Gettysburg gestreift und mit dem Kriegsfotografen Mathew Brady als historische Persönlichkeit noch ein Stück Authentizität in die Geschichte eingebaut. Auch die Folgen des verheerenden Krieges werden in der Handlung beleuchtet: wir sehen mit Morton beispielhaft einen gezeichneten und gefallenen Soldaten der Südstaaten, dem alles (unrechtmäßig) genommen wurde, wir treffen skrupellose Kriegsgewinnler die die Nachwehen des Konflikten schamlos ausnutzen.

Vances Zeichnungen sind schon zu Beginn seiner Karriere erstaunlich ausgereift. Sein einmaliger, zackig nervöser Stil, den er über die Jahre bis zu „XIII“ immer mehr verfeinerte und perfektionierte, ist bereits charakteristisch und unverkennbar und zeigt vor allem in Landschaftsszenen, oder in Sequenzen, die im Sturm (siehe auch das Titelbild) oder in der Nacht spielen, seine Meisterschaft. Die Darstellung von Personen oder Gesichtern ist bisweilen noch etwas ungelenk und erinnert an gemalte Westernfilmplakate oder Titelbilder von Western-Groschenromanen der sechziger Jahre. Übrigens wurden seine Zeichnungen schon damals von Petra koloriert. Dahinter verbirgt sich seine Frau Petra van Cutsem, die ihren Mann koloristisch bis zu „XIII“ begleiten sollte. Was fehlt? Bonusmaterial. Leider. Ein wenig Hintergrund-Informationen zur Genese der Reihe und der Figur des Ringo hätte sicher nicht geschadet. So müssen wir uns mit detaillierten bibliographischen Angaben über die Veröffentlichungen im franko-belgischen Raum und in Deutschland begnügen. Die letzte (und einzige) deutsche Albumveröffentlichung stammt übrigens bereits aus den Jahren 1989 und 1991. Da wurde es definitiv mal wieder Zeit, Ringo reiten zu lassen.

William Vance, Jacques Acar: Ringo Gesamtausgabe Band 1. Splitter, Bielefeld 2016. 96 Seiten, 22,80 Euro