In „Krimi“ nähern sich die französischen Comic-Künstler Alex W. Inker und Thibault Vermot Fritz Langs berühmtem Spätwerk der Weimarer Republik „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ mit dokumentarischem Spürsinn und erzählerischen Freiheiten.
Zwischen Wahrheit und Lüge, Fiktion und Wirklichkeit haben der französische Comic-Zeichner Alex W. Inker und sein Texter Thibault Vermot ihre spannende Graphic Novel „Krimi“ angesiedelt. Darin geht es um die Geschichten, Legenden und Hintergründe, die zu Fritz Langs berühmtem Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ geführt haben. Da dessen Stoff selbst auf einer tatsächlichen Mordserie an Kindern basiert und der Filmkunst wiederum schon mit dem vorangestellten Motto des Dichters Robert Desnos eine verändernde Kraft sowie eine Rückwirkung auf die Realität zugeschrieben wird, vermischen sich die Ebenen und diesbezüglichen Reflexionen von Anfang an.
Dazu gesellt sich der angebliche Zufall, der eingangs die beiden Alpha-Tiere Fritz Lang und den Berliner Kommissar Lohmann zusammenführt. Der feiste Mann mit der Melone, der einst die mysteriösen Todesumstände von Langs erster Frau Elisabeth Rosenthal recherchierte, will den Mann mit der Augenbinde auf den Fall des Düsseldorfer Mädchenmörders Peter Kürten als Stoff für einen möglichen Film ansetzen. Zwar sagt der listige Ermittler: „Die Realität ist grausamer als die Fiktion“ und verweist auf den „großen Unterschied zwischen dem Fleisch und dem Kino“. Trotzdem erhofft er sich vom Film günstige Rückkopplungseffekte auf eine immer krimineller werdende Wirklichkeit und schreibt ihm sogar erzieherische Qualitäten zu.

Dazu taucht der schwarzweiße Comic in 24 nachtschwarzen Kapiteln, die allenfalls von feinen Grauabstufungen aufgelockert werden, in das verruchte Milieu der Bars und Spelunken im Berliner Halbweltmilieu Ende der 1920er-Jahre ein. Während auf den Straßen der Weimarer Republik die politischen Kämpfe zwischen Kommunisten und Nazis toben, konfrontiert Lohmann den erfolgreichen Regisseur, der gerade den Science-Fiction-Stummfilm „Frau im Mond“ nach einem Roman seiner Frau Thea von Harbou dreht, mit den Abgründen der menschlichen Seele. Die unfreiwillige Initiation wird für den Lebemann Lang zugleich zur Inspiration und führt schließlich zu einem der ersten und diesbezüglich originellsten Tonfilme.
Angelehnt an die Atmosphäre des Film Noir und in der Figurenzeichnung an die karikaturhaften Physiognomien von George Grosz, fabulieren Vermot und Inker mit einer teils variablen Struktur, kleinteiligen Szenenfolgen und mit schlüpfriger Ironie über die schillernden Hintergründe, die angeblich zu „M“ geführt haben. Mit „stummen“ scherenschnittartigen Silhouetten illustrieren sie die grausamen Taten des Kindermörders Peter Kürten, der oft selbst mit Scheren mordete und im Film kongenial von Peter Lorre verkörpert wird, ablesbar an seinem beängstigend hilflosen Erschrecken über die eigene, zwanghafte Getriebenheit. Dass der gewiefte Lohmann aus den Dreharbeiten mit echten Verbrechern Kapital schlägt, gehört zu den ironischen Wendungen des ebenso subtil wie mitunter aufreizend provokativ gestalteten Comics. Dass kurz darauf sowohl der Kommissar als auch der Regisseur zu Verfolgten und Opfern der nationalsozialistischen Verbrecher werden, verweist am tragischen Ende des Bandes auf die blinde Willkür geschichtlicher Macht.
Thibault Vermot (Szenarist), Alex W. Inker (Zeichner): Krimi – Die Geschichte hinter Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ • Aus dem Französischen von Tanja Krämling • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 280 Seiten • Hardcover • 39,80 Euro
Wolfgang Nierlin, geboren 1965. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Gedichtveröffentlichungen in den Zeitschriften metamorphosen und Van Goghs Ohr. Schreibt Film- und Literaturbesprechungen für Zeitungen (Rhein-Neckar-Zeitung, Mannheimer Morgen u. a.) sowie Fachzeitschriften (Filmbulletin, Filmgazette u. a.). Langjährige Mitarbeit im Programmrat des Heidelberger kommunalen Karlstorkinos.

