Ein monumentales Buch über, von und mit Alejandro Jodorowsky.
Seine erste umfassende Retrospektive bekam er mit 84 Jahren: im Sommer 2013 auf dem Filmfest München. Mehr als 20 Jahre hatte er keinen Film mehr gemacht, jetzt feierte er mit dieser Retro und einer Premiere sein cineastisches Comeback. Der Titel seines neuen semiautobiografischen Films lautete „La Danza de la Realidad“. Ehefrau Pascale Montandon war die Kostümdesignerin, die Söhne Brontis und Adán spielten jüngere Versionen seines Selbst.
Gezeigt wurden in München alle seine damals sechs Spielfilme, sein erster Kurzfilm und der damals neue Dokumentarfilm „Jodorowsky’s Dune“ des US-Regisseurs Frank Pavich über das spektakulär gescheiterte Science-Fiction-Großprojekt „Dune“ (später vom Regisseur Dennis Villeneuve zu neuem eigenständig ästhetischem Leben erweckt). „Nach mehr als zwei Jahrzehnten kehrt Alejandro Jodorowsky auf die große Leinwand zurück“, freute sich 2013 die Münchner Festivalleiterin Diana Iljine. „Er ist nicht nur einer der außergewöhnlichsten Filmemacher der Welt, sondern ein Visionär und ein Allround-Künstler. Seine bildgewaltigen Welten beeinflussen bis heute das Werk vieler Regisseure, aber auch Künstler anderer Gattungen.“ Zu seinen Bewunderern – 2013 in München gemeinsam im Festival-Talk – gehört unter anderem der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn.
Das kann man so stehen lassen. Der heute 96 Jahre alte chilenische Filmemacher hat Generationen von Regisseuren und Cineasten geprägt. Jeder seiner Filme hat eine besondere Geschichte. Manche wurden nach Skandalen verboten, andere galten als verschollen oder waren lange Zeit nur unter der Hand erhältlich. Alejandro Jodorowsky ist ein Kino-Mythos. Jetzt gibt es ihn auch als immersives Buch.

Es ist so titanisch wie Jodorowsky selbst. Zwei Bände, zusammen 2.168 Seiten. Am besten liest und versinkt man darin, wenn man die beiden Bände im eigens mitgelieferten Buchständer übereinander legt und aufschlägt. Dann beginnt eine Reise, wie man sie noch nie gemacht hat. Der Softcover-Band fungiert Seite für Seite als Kommentarband zum Werk, die Texte stammen von Jodorowsky selbst. Mit ihnen und den grandios reproduzierten Bildern taucht man ein in die surrealistische und spirituelle Bilderwelt eines genialischen Universalkünstlers.
Der erste Band ist ein visuelles Fest. Jodorowsky persönlich hat Bild für Bild Filmstills, Aufnahmen seiner Performances, Collagen, Zeichnungen und Fotos aus seinem Archiv ausgewählt und zusammengestellt. Wie ein Kaleidoskop zeigt das Buch die enorme Spannweite seines Schaffens – von Film und Theater über Comics bis hin zur Kunst des Heilens. Einem visuellen Rhythmus folgend, von Bild zu Bild, formen diese zahlreichen Werke eine ganz neue, sensorische Erzählung.
Der zweite Band verlagert den Fokus von den Bildern zur Stimme und enthält Jodorowskys Reflexionen und Bekenntnisse zu jedem einzelnen Bild – wie eine Art Voice-over für den Film, den er geschnitten hat: das Buch selbst. In Jodorowskys einzigartigem Schreibstil – philosophisch, provokant, ungezügelt und dabei zutiefst menschlich – bringt er jedes Bild in einen neuen Kontext und lädt es mit frischer Bedeutung auf. Er offenbart dabei eine persönliche Weltsicht, in der Schöpfung untrennbar mit Transformation verbunden ist. Ein Teil der Gemälde und Zeichnungen trägt die Signatur „pascALEjandro“, sie sind das spirituelle Kind des Ehe- und Künstlerpaars Jodowrowsky. Alejandro zeichnet die Linien und gibt die Symbole vor, seine Frau Pascale Montandon-Jodorowsky (Jahrgang 1972) füllt die Bilder mit Licht und Farbe.

Wenn man bei Jodorowsky – sei es in den Filmen oder in seinem sonstigen, sehr vielseitigen Werk – ein übergreifendes Thema erkennen will, dann ist es das Motiv der Reise zur Erleuchtung. Alle seine Protagonisten sind auf einer zielstrebigen, ihr gesamtes Leben umfassenden Wanderschaft, ihr Ziel ein Ort der Verheißung. Jodorowskys Reise begann als ein Anhänger von Georges Gurdjieff und dessen dem Sufismus und dem Buddhismus nahestehenden Lehre des Vierten Weges der Ganzheitlichkeit – die philosophische Reise zur Selbsterkenntnis. Jodorowsky ist hier zu seinem eigenen Meister geworden. An diesem Weg lässt das Buch teilhaben.
Alejandro Jodorowsky, als Kind jüdischer Einwanderer aus der Ukraine in der chilenischen Provinz geboren, beschäftigte sich schon früh mit Literatur und Comics, Zirkus und Theater. In den 1950er Jahren ging er nach Frankreich und tourte mit der Truppe des Pantomimen Marcel Marceau. Anschließend gründete er eine Avantgarde-Künstlergruppe, deren freizügige anarchistische Performances immer wieder Skandale provozierten. 1957 drehte er seinen ersten Kurzfilm „La Cravaze“, zehn Jahre später den Spielfilm „Fando y Lis“, der in surrealen Bildmontagen die Reise eines jungen Paares in das verheißene Land Tar zeigt.
Seinen Rang als Kultregisseur erwarb er sich 1970 mit „El Topo“. In dem Acid-Western über einen mexikanischen Revolverhelden auf der Suche nach Erleuchtung übernahm Jodorowsky auch die Hauptrolle. Der außergewöhnliche Film traf in den USA den Zeitgeist der Hippie-Ära und begründete das Phänomen der „Midnight-Movies“. John Lennon wurde auf Jodorowsky aufmerksam und unterstützte die Finanzierung seines nächsten Projekts „Montana Sacra – Der heilige Berg“(1973) über eine mystische Figur, die das Geheimnis der Unsterblichkeit ergründen will.
1975 begann Jodorowsky mit der Arbeit an der Verfilmung des Science-Fiction-Romans „Dune“ von Frank Herbert. Orson Welles, Mick Jagger, Salvador Dalí und Amanda Lear sollten mitspielen. Pink Floyd und die Gruppe Magma sollten die Filmmusik machen, für die Ausstattung ließ HR Giger seine moribunde Fantasie spielen. Nach kostspieligen Vorbereitungen wurde das Projekt von den Geldgebern eingestellt und erst viel später von David Lynch verfilmt. Jodorowsky setzte seine Science-Fiction-Ideen gemeinsam mit dem Zeichner Moebius anderweitig um und verfasste mit „John Difool“ einen Klassiker des SF-Comics.

1989 drehte er wieder einen Film, den surrealistischen Horror-Thriller „Santa Sangre“, und 1990 „The Rainow Thief“ mit Christopher Lee, Peter O’Toole und Omar Sharif. Sein nächstes Filmprojekt kam erst 22 Jahre später zustande. 2012 konnte er „La Danza de la Realidad“ realisieren. Basierend auf seiner Autobiografie erzählt er darin die halbfiktionale Lebensgeschichte seines Vaters, eines jüdischen Damenwäsche-Händlers und glühenden Stalin-Verehrers in der chilenischen Provinz, der eines Tages nach Santiago auszieht, um den korrupten Präsidenten des Landes zu ermorden.
Jodorowsky, der mehr als 100 Theaterstücke inszeniert hat, ist im spanischsprachigen Raum auch als Schriftsteller bekannt. Sein umfangreiches Werk besteht aus Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten, Sachbüchern, autobiografischen Texten, Comics und Theaterstücken. Er lebt und arbeitet in Paris, wo er seine schamanische Schule der Psychomagie praktiziert, Vorträge hält und öffentliche Seancen veranstaltet.
Donatien Grau, der die Redaktion des Buches besorgt hat, ist Philologe. Als enger Freund hat er schon oft mit dem legendären Künstler zusammengearbeitet und ist seit langem sein bevorzugter Gesprächspartner. Er ist Chefredakteur und künstlerischer Leiter des Magazins „Alphabet“ und Berater für zeitgenössische Programme im Louvre in Paris.
Zum Buch gehört eine Plexiglasbox, die als Buchständer verwendet werden kann. Das skulpturale Box-Set besteht aus zwei ineinander verschachtelten Pyramiden aus klarem und dunklem Plexiglas und erinnert an einige der wiederkehrenden Motive von Jodorowsky, wie das Incal-Licht und das Incal-Dunkel, die gegensätzliche Kräfte symbolisieren. Im Mittelpunkt der grafischen Interpretation durch das Pariser Gestaltungsstudio M/M stehen zwei speziell entwickelte Schriftarten: Die erste ist eine modulare Neuinterpretation mittelalterlicher, in Stein gemeißelter Kirchenbuchstaben (eine Stimme aus der Vergangenheit), die zweite ist von Jodorowskys Science-Fiction-Werken inspiriert – ein molekulares Alphabet aus einer imaginären Zukunft.
Wir können also durchaus vom „Evangelium Jodorowsky“ sprechen.
Diese Kritk erschien zuerst am 01.02.2026 in: CulturMag
Alejandro Jodorowsky: Art Sin Fin. Verlag Taschen, Köln 2026. Ausgabe Englisch. Collector’s Edition mit einer Auflage von 800 Exemplaren, in Band 1 signiert – auf einem Blatt, das an einer zufälligen Stelle im Buch eingefügt ist. Zwei Bände in einer Plexiglasbox, die als Buchständer verwendet werden kann. Format 25 x 42 x 9 cm. Band 1: Softcover mit Ausklappseiten, Format 22 x 29,5 cm, 1.096 Seiten, oben und unten goldener Buchschnitt. Band 2: Hardcover mit schwarzem Buchschnitt, Format 22 x 8,5 cm, 1.072 Seiten. Gesamtgewicht der Edition: 14 kg. Preis: 1.250 Euro
Alf Mayer ist Mitherausgeber und Chef vom Dienst des monatlichen Webmagazins CulturMag, war früher Redakteur der legendären Fachzeitschrift „medium“, Chef der Filmbewertungsstelle, Filmfestival-Kurator und vieles mehr.


