Josephine Mark hat sich vorgenommen, zehn Comics in unterschiedlichen Genres zu zeichnen. Nach einer Westernparodie, einem Road-Trip und einem Kindercomic legt die mehrfach ausgezeichnete Comic-Künstlerin jetzt einen Krimi vor: In „Red“ geht es um einen lang zurückliegenden Mord, auf dessen Fährte ein dreibeiniger Hund gerät.
Ein Kunst malender Kommissar, der beim Anblick des Himmels über der Leiche sogleich daran denkt, ein Bild mit Aquamarinblau zu malen. Eine übereifrige Bardame und eine mürrische Alte, die versunken ihren Tee rührt. So wie Josephine Mark in „Red“ die Figuren vorstellt, erinnert dieser Comic an die gemütlichen britischen Provinzkrimis. Dazu passt auch die Ausstattung mit Wählscheiben-Telefonen, historischen Autos und hölzernen Karteikästen. Allerdings wird dieses Setting mit einem herrlich krachenden Humor gewürzt – und das liegt nicht nur an dem dreibeinigen Hund Friedwart, der in wilder Verfolgungsjagd vor fiesen Waschbären bei einer mürrischen Alten Asyl sucht.
Auch der Rhythmus, den dieser Comic vor allem zu Beginn durchzieht, ist urkomisch. Mit zwei Besenstrichen fegt die Alte die beiden Waschbären von der Veranda, im selben Takt rührt sie ihren Tee, um gleich darauf bewegungslos grimmend auf dem Sofa zu versinken. Die Ruhe währt nur kurz, denn der dreibeinige Friedwart will unbedingt gefallen, um zu bleiben. Und natürlich führt das vor allem dazu, dass er nervt. Erst als Friedwart – dies ist ein Comic, in dem Menschen und Tiere miteinander reden können – erschnüffelt, dass Blut an einem alten Hemd klebt, ist die Alte an dem Hund interessiert.
Denn das Hemd gehörte Red, dem Gatten der mürrischen Alten. Seit mindestens 30 Jahren bewahrt sie es auf, seit Reds Leiche nackt im Schnee unter dem aquamarinblauen Himmel lag. Die Polizei hat den Fall schnell als Unfall zu den Akten gelegt, denn Red hatte wohl ziemlich viel Alkohol im Blut. Nichts wies auf ein Verbrechen hin. Allerdings hat die Alte nie glauben können, dass es ein Unfall war, denn Red trank keinen Alkohol. Das Blut, das Friedwart nun an Reds Hemd erschnüffelt, lässt sie wieder lebendig werden und den Fall zusammen mit dem dreibeinigen Hund erneut aufrollen.

Ganz offensichtlich sind die damals Beteiligten darüber nicht begeistert. Zum Beispiel Lester, der Varieté-Besitzer, bei dem sich Red am Abend seines Todes betrunken haben soll. Bei ihm taucht die mürrische Alte als erstes auf und bekommt einen Namen. „Rosa“ ruft Lester erschrocken und ruft die Bardame Hazel an, um sie zu warnen. Da soll wohl etwas vertuscht werden. Und dass Red nicht an einem Unfall gestorben ist, wird den Leser:innen spätestens klar, wenn Rosa und Friedwart in die Polizeistation einbrechen und die Akte von Red verdächtig dünn ist.
Josephine Mark erzählt die Geschichte der Recherche im Wechsel mit Rückblicken. Die zeigen, dass Red irgendein krummes Ding gedreht hat und daran nicht nur Hazel und Lester aus dem Varieté beteiligt waren, sondern auch der örtliche Arzt. Irgendwas scheint schiefgegangen zu sein. Und das vertuschen die Beteiligten so ungeschickt, dass daraus immer wieder neue Komik erwächst, die zwischen Slapstick und den „Tex Avery Screwball Classics“ changiert. Zum Beispiel, wenn die Freizeitgauner ein Komplott schmieden, damit Rosa den Leichnam nicht zu sehen bekommt und der Sarg bei der Beerdigung zu zerbrechen droht, weil er rasant ins Grab plumpst. Besonders schräg wird es, wenn der Kommissar seine Forensische Kunst erklärt.
„Red“ ist ein schwarzhumoriger Krimi, den Josephine Mark mit freundlich strahlenden Bildern zeichnet. Wohlig dampft der Tee in Rosas Holzhaus, die Sonne wirft gelbe Strahlen über eine frisch-grüne Wald- und Berg-Landschaft. Und das Panel vom aquamarinblauen Nachthimmel über der Leiche wirkt wie die heitere Fassung eines Caspar-David-Friedrich-Gemäldes. Die Figuren sind als Typen gezeichnet, deren Mimik mit wenigen Strichen starke Emotionen offenbart.
„Red“ ist in einem Kindercomic-Verlag – dem Kibitz Verlag – herausgekommen. Der schreibt auf seiner Internetseite, dass der Comic-Krimi ab 12 Jahren sei. Tatsächlich hat Josephine Mark mit „Red“ einen fulminanten All-Ager gezeichnet, den man auch gut ohne Kinder lesen kann. Weil es mit der verdorrten Liebe – und allem was daran hängt – eine Ebene gibt, die auszuloten ein wenig Lebenserfahrung verlangt. Weil dieser Comic so absurde Wendungen nimmt, dass man fast aus der Kurve fliegt. Und weil darin alberne Witze in einer Weise gerissen werden, dass daran auch das Kind im Erwachsenen seine Freude hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 02.04.2026 auf: radio3 rbb
Josephine Mark: Red • Kibitz Verlag, Berlin 2026 • Hardcover • 248 Seiten • 26,00 Euro
Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

