Ran an den Speck – „Fleischeslust“

Martin Oesch schlägt in „Fleischeslust“ den Ton all der unerschrockenen Bauernwelt-Erzähler vergangener Epochen an. Sein Comic-Debüt wurde für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis nominiert.

Eines der spannendsten Comic-Debüts des letzten Jahres. Der Metzgermeister Martin Oesch, Mitbegründer einer Bio-Metzgerei in Bern, legt mit „Fleischeslust“ eine inhaltlich wie ästhetisch fulminante Graphic Novel vor. Zupackend, ebenso deftig wie sensibel, mutig auch in den Farben und im Strich – man möchte fast von innovativ sprechen –, informativ wie ein Sachbuch von „Food Watch“, realitätstüchtig und poetisch geht es darum, wie und für welchen Preis wir uns ernähren. Wie es mit unserem Verhältnis zu unseren Lebensmitteln bestellt ist. Vor allem zum Fleisch.

Statt Schwarz-Weiß-Denken, wie üblich in dieser Debatte, ist mit Martin Oesch bei diesem Thema farbige Ambivalenz angesagt. Oesch konfrontiert uns mit seiner Geschichte über den von Gewissensbissen geplagten Metzger Erwin damit, dass die Sache mit dem Fleisch und der Ernährung eben nicht so einfach ist. Wie Oesch das erzählt, ist nicht nur sinnlich und barock, es erinnert an Ludwig Thoma, Oskar Maria Graf und all die unerschrockenen Bauernwelt-Erzähler vergangener Epochen. Und doch ist diese melancholische, manchmal satirisch geschärfte Ballade über gesellschaftliche Umbrüche ganz heutig. Ganz modern.

Erwin ist eigentlich reif für den Ruhestand, seine Metzgerei aber will er noch nicht aufgeben, obwohl eine Produktionsform wie die seine nicht mehr in die Zeit passt. Seine Kunden kaufen zunehmend Billig-Fleisch im Discounter und Soja-Fleisch im Biomarkt. Und dann kommen noch Albträume hinzu, ein Tier-Gericht wirft ihm Massenmord vor, ein „trojanisches Pferd aus Fleischersatz“ terrorisiert ihn. Die Supermarkt-Plakate versprechen „Wurst ohne Ende“. Was kann da traditionelles Handwerk noch ausrichten?

Deftige Fleischfarben, auch Tintenblau und Gelb und Violett lassen nicht wegschauen. Erzählerische Dynamik kommt hinzu. Der Effekt: „Andersartige Träume, weniger Albträume und mehr Wunschträume“, fasst die Germanistin, Köchin und Landwirtin Marlene Halter in ihrem Nachwort zusammen. Sie liebt Fleisch und Tiere. Beruflich kocht, wurstet und landwirtet sie.

Diese Graphic Novel hat Punch und Kraft. Witzigerweise taucht am Ende des Buches eine „Spedition Moderne“ auf…

Diese Kritk erschien zuerst am 01.04.2026 in: CulturMag

Martin Oesch: Fleischeslust • Edition Moderne, Zürich 2025 • 200 Seiten • Softcover • 29,00 Euro

Alf Mayer ist Mitherausgeber und Chef vom Dienst des monatlichen Webmagazins CulturMag, war früher Redakteur der legendären Fachzeitschrift „medium“, Chef der Filmbewertungsstelle, Filmfestival-Kurator und vieles mehr.