Manu Larcenets meisterliche sozialpsychologische Mikrostudie über die Kollektivschuld eines Dorfs, in dem ein Mord begangen wurde, ist bei Reprodukt in einer Neuauflage erschienen.
Der Plot, ursprünglich ein Roman von Philippe Claudel, verknüpft anfänglich Kafka mit Brecht. Da wird der Naturkundler Brodeck von seinen Nachbarn, den Bewohnern eines entlegenen Dorfes, mit dem Verfassen eines ominösen Berichts beauftragt. Warum und worüber bleibt erst einmal unklar, aber schon ihre grimmigen, ernsten Mienen signalisieren, dass er ihrem Wunsch um des eigenen Überlebens willen besser Folge leisten sollte. Langsam schält sich heraus, dass Brodeck einen Mord beschönigen soll: Ein Fremder, von allen bloß „der Andere“ genannt, kam ins vom Krieg gezeichnete Dorf, und weil er den Bewohnern einerseits überaus freundlich entgegentrat, andererseits sehr zurückgezogen lebte, schlägt die anfängliche Faszination in Abscheu um – das Todesurteil.
Im Roman gibt es Andeutungen, dass sich alles im Elsass kurz nach dem Zweiten Weltkrieg abspielt. Manu Larcenet bleibt in seiner Adaption zunächst nebulös, aber die Schlüsselbilder der Moderne finden sich schließlich auch hier: Folterungen und Drangsalierungen in Konzentrationslagern. Später wird klar: Die Dorfgemeinschaft lieferte den Besatzern Brodeck als Bauernopfer; ihre kollektive Schuld als Kollaborateure erhielt durch ihn, der nach dem Krieg weiter unter ihnen lebt, ein Gesicht. Die Ankunft „des Anderen“ rüttelt an dem Trauma, als Mörder unbehelligt weiterzuleben. Eine Mikrostudie des autoritären Charakters und der Vergangenheitsbewältigung der Täter: Die Schuld liegt immer beim Opfer. In Brodecks Aufzeichnungen heißt es: „Da ich dies schreibe, begreife ich plötzlich, wie gefährlich es ist, Unschuldiger unter Schuldigen zu sein. Im Grunde nicht anders, als der einzige Schuldige unter Unschuldigen zu sein.“ Das Thema steckt bereits im Stil: Die beklemmenden Bilder wirken, als ob sich in ihnen Expressionismus und Naturalismus um die Deutungshoheit der barbarischen Verhältnisse duellierten. Kein Geschichtscomic, sondern komplex komponierte Gegenwartsdiagnose menschlicher Grausamkeit. Bei Reprodukt ist „Brodecks Bericht“, Larcenets zweites Meisterwerk neben der Serienkiller-Studie „Blast“, nun in einer Neuauflage erschienen.
Manu Larcenet: Brodecks Bericht • Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock • Reprodukt, Berlin 2026 • 328 Seiten • Hardcover • 39,00 Euro
Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film und Literatur, ist Herausgeber und Chefredakteur der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, ND, Taz, Jungle World, Titanic, diezukunft.de, Testcard, kino-zeit.de, Das Viertel und vielen dahingeschiedenen Magazinen. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.

