40 Jahre nach dem Tod des streitbaren Aktionskünstlers Joseph Beuys legt der Wiener Lenz Mosbacher eine außergewöhnliche Graphic Novel vor, in der Susan Sontag und Ulrike Meinhof mitmischen. Ein Gespräch über Beuys‘ Ambivalenz.
Er gilt als eine der radikalsten Künstlerfiguren des 20. Jahrhunderts: Der Düsseldorfer Joseph Beuys (1921–1986) erhob das Leben selbst zur Kunst und inszenierte einen Mythos um sich, in dem Wahrheit und Fiktion verschwommen. Der Wiener Zeichner und Autor Lenz Mosbacher, 1993 geborener Sohn eines Künstlerehepaars, stürzt sich mit erfrischender Nonchalance in Beuys‘ Leben, das er in seinem Erstlingswerk „Beuys – Die Erfindung der Wahrheit“ in einer Reihe von Episoden aufblättert. Dabei nähert sich Mosbacher über zum Teil fiktive Figuren und Begegnungen, darunter mit der US-Intellektuellen Susan Sontag und der deutschen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Daneben spielen eine unbekannte Geliebte, ein Koyotenweibchen und eine Umweltaktivistin im seit Jahren besetzten Hambacher Forst tragende Rollen.
Beim Sprung durch die Zeitebenen schält Mosbacher auch tieferliegende Facetten des streitbaren Aktionskünstlers und Urgesteins der Umweltbewegung heraus, der als Scharlatan verrufen war und durch völkisch-esoterische, geschichtsrevisionistische und die Shoah relativierende Aussagen und Positionen genauso verstörte wie durch antikapitalistisches Engagement. Was Beuys mit Superhelden gemein hat und was es mit dem Spiel mit der Realität auf sich hat, erzählte Lenz Mosbacher im Interview in seiner Altbauwohnung in Wien.

Der Hut war eines der markanten Insignien von Joseph Beuys. Sie sind auch leidenschaftlicher Hutträger – reiner Zufall?
Ich glaube, es gibt so etwas wie Hutmenschen. Es muss einem in die Wiege gelegt sein, das gilt für mich und wohl auch für Beuys. Es gehört zur Ästhetik von Hüten, dass sie einen verwandeln: Sie machen größer, die Silhouette verändert sich. Der Hut steht auch für den Cowboy, den Lone Ranger. Ich sehe eine Parallele zwischen der Wildwestromantik, die ja eine literarische Erfindung ist, und der kulturgeschichtlichen Romantik, auf die sich Beuys bezieht, die ebenso eine Bewegung im Kopf ist. So richtig Hutträger wurde ich allerdings erst, als ich ständig Beuys mit Hut zeichnete und mir selbst nicht mehr komisch dabei vorkam, einen Hut aufzusetzen.
Wie sind Sie auf diese durchaus streitbare Figur gekommen und daran hängengeblieben?
Beuys hat mich 2015 während der Grafikdesign-Ausbildung gefunden. Als junger angehender Comiczeichner habe ich eine Analogie gesehen zwischen seiner Tatarenlegende und den klassischen Superhelden-Origin-Storys. Sein Flugzeugabsturz als Unteroffizier der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg auf der Krim und die angebliche wundersame Heilung durch nomadische Tataren, die ihn mit Fett einrieben und in Filz wickelten, führten zu einer innerlichen und äußerlichen Wandlung. Das hat mich fasziniert, sein Outfit mit Anglerweste und Hirtenstab, das immer gleich bleibt, und wie er auszieht, um auf seine Weise die Welt zu retten. Auch später ist er immer wieder aufgetaucht. Oft habe ich mir gedacht: Was würde passieren, wenn Beuys jetzt den Raum betritt? Er war schließlich ein Störfaktor, weil er auf Wienerisch gesagt immer die Gosch’n offen hatte. So entstand allmählich Beuys als Charakter, als Held seines eigenen Romans.
Anstatt einer klassischen Biografie wurde das Buch ein „Spaziergang in die weitläufige Geisteswelt von Joseph Beuys“, wie Sie es formuliert haben.
Ich glaube, das, was seine Arbeit, sein Denken, sein Leben ausmacht, ist diese Flut an Bezügen, an Verfilzungen, Verzweigungen, Verästelungen. Er hat als Künstler Impulse geliefert, um Denkprozesse in Bewegung zu setzen, und Impulse sind nie wahr oder falsch. Es war auch mein Ansinnen, Impulse zu geben, damit die Leserinnen und Leser selbst etwas zu Ende denken, Verantwortung übernehmen können. Dahingehend unterscheide ich mich von Beuys, weil ich nicht diese predigende Ader mag. Es war mir sehr wichtig, im Dialog zu bleiben, denn damit erreicht man die berühmte sokratische Aporie, einen Schwebezustand, wo man Grauzonen erreichen kann, die man als Einzelperson nicht findet.

Den Dialog übernehmen auch fünf reale und fiktive Figuren – darunter die Schriftstellerin Susan Sontag und die RAF-Mitgründerin Ulrike Meinhof, denen Beuys in Wirklichkeit nie begegnet ist –, die quasi als Konterparts auch die Schwachstellen in Beuys‘ Egotrip offenbaren. Wie kam es dazu?
Im Dialog kann man auf gewisse Weise näher an die Personen herankommen. Sontag, die weltoffene, kosmopolitische Paradeintellektuelle, steht Beuys diametral entgegen, der in einem konservativen, rechtslastigen Europabild verhaftet ist. Gleichzeitig sind sie die zwei Personen des 20. Jahrhunderts, die mir eingefallen sind, die zu allem eine Meinung hatten und die ganze Welt erklären konnten. Mich hat interessiert, was so kluge Menschen im Alltäglichen zueinander sagen würden, auch um ihre Ecken und Kanten hervorheben zu können. Ulrike Meinhof wiederum kam auch aus der intellektuellen Szene und rutschte dann in die Linksradikalität und den Terrorismus ab. Beuys war auch jemand, der für seine Ideale gekämpft hat, aber nie auf gewaltsame Weise.
Das Buch trägt den Untertitel Die Erfindung der Wahrheit. Ist die Spekulation der einzige Weg, um die Kunstfigur Joseph Beuys, der seinen eigenen Mythos geschaffen hat, einzufangen?
Die Lust am Spiel mit der Realität ist gewissermaßen die Essenz von Beuys. Es gibt einen schmalen Grat zwischen Fiktion, Lüge und alternativen Fakten. Aber ich glaube, über Fiktion kann man auch ein besseres Gefühl für die Wahrheit bekommen. Beuys selbst hat diese Art von Flunkern betrieben, bei der man denkt: Egal, ob es jetzt stimmt oder nicht, es kommt niemand zu Schaden. Die Beschäftigung mit Beuys ist für mich eine Art Spielplatz der Ideologien, der Möglichkeiten, die in einem relativ sicheren Rahmen ausprobiert werden können – gewissermaßen der Nürburgring der Fiktionen, wo es einen mal in der Kurve rausschleudern kann, aber man wieder auf die Piste findet.
Berühmt ist Beuys auch durch seine Maxime „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Wie relevant ist das heute noch?
Gerade in Zeiten, in denen viele denken, dem Staat, den Medien, den höheren Mächten oder was auch immer ausgeliefert zu sein, kann dieser Ausspruch die Ohnmacht nehmen. Er meint, dass die Gesellschaft etwas Kreatives ist, an dem wir alle mit den uns gegebenen Mitteln arbeiten. Beuys hat sich zum Beispiel eingesetzt für ein Gehalt für Hausfrauen, weil er deren Arbeit als wichtigen, kreativen Beitrag an der Gesellschaft angesehen hat. Als Politiker ist Beuys aber gescheitert – die Intuition und das Bauchgefühl, die Beuys so wichtig waren, sind hier nicht zielführend.
Welche Rolle spielt die Form des Comics in Ihrer kreativen Arbeit?
Für mich verbindet sie das Beste aus beiden Welten, dem Zeichnen und dem Schreiben. Und gerade bei so jemandem wie Beuys, der einerseits durch das Sprachliche lebt und andererseits durch das Visuelle, das Haptische und seine Bezüge zur sinnlichen Welt, wäre für mich eine andere Form gar nicht möglich gewesen. Das Spannende am Comic ist ja, dass er nebst dem Gelesenen ein gewisses Gefühl oder eine Stimmung hinterlässt. Ich hätte mir das Buch nicht als Roman vorstellen können. Ich habe das Skulpturale gebraucht, um Beuys Arbeiten zu zeigen. Er hat sich schließlich immer jeglichen Interpretationen seiner Werke widersetzt und gesagt, man soll einfach schauen, was sie mit einem machen.
Dieses Interview erschien zuerst am 25.05.2026 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.
Lenz Mosbacher: Beuys. Die Erfindung der Wahrheit • Avant-Verlag, Berlin 2026 • Hardcover • 264 Seiten • 30,00 Euro
Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.

