NILS – Stillstand der Natur

Nichts geht mehr. Die Natur scheint stillzustehen. Irgendwann und irgendwo – vielleicht im Norden Europas – rätseln Ruben und die Leute seines Dorfes, warum die Saat nicht mehr aufgeht. Warum keine neuen Pflanzen mehr wachsen. Warum die Frauen nicht mehr schwanger werden und die Tiere nicht mehr trächtig. Ruben, seines Zeichens wissbegieriger Naturforscher, beschließt der (Ur)Sache des Übels auf den Grund zu gehen und reist dazu gemeinsam mit seinem impulsiven Sohn Nils nach Osten. Dort trifft das Duo auf Hinterlassenschaften und Spuren des technisierten Reiches Cyan, welches ohne Rücksicht auf Natur und Mensch Bodenschätze ausbeutet und dabei vernarbte Landschaften hinterlässt. In einem noch intakten und unberührten (Märchen-)Wand entdecken die beiden nicht nur einen Keimling, sonder auch kleine, leuchtende Wesen, die Nils als Yokai, als Naturgeister identifiziert: die Seelen der intakten Natur. Und die scheint in Gefahr, als ein kugelförmiger Roboter, ein Wächter oder Aufklärer des Reiches Cyan, auftaucht, der eben diese Elementargeister einsammelt und der von einer jungen Frau angegriffen wird. Alba, so der Name der Dame, gehört zu einem Clan freier Menschen, die sich dem Diktat Cyans widersetzen und die für die Bewahrung des Gleichgewichtes der Natur kämpfen …

Mit dem Auftakt ihrer neuen Serie „Nils“ greifen Autor Hamon und Zeichner Carrion (von dem bei Splitter bereits der Double Band „Weißer Schatten“ erschienen ist) ein stets aktuelles wie gewichtiges Thema auf: die nicht mehr umkehrbare Zerstörung der Natur durch den Menschen. Dieser ökologische Ansatz lässt sich auf etliche Vergleiche unserer Gegenwart und Vergangenheit herunter brechen: hier die hoch technisierte Industrie, die immer größere Flächen und Gebiete des Regenwaldes ausbeutet und dabei rigoros, weil immer Gewinn maximierend, vorgeht. Dort die Naturvölker, die im Einklang und Harmonie mit ihrer Welt leben und nichts anderes möchten, als dies weiter zu tun. Und dabei entweder scheitern oder zumindest schmutzige Kompromisse eingehen müssen, denen nicht selten Entwurzelung folgt. In „Nils“ symbolisieren die Natur- oder Elementargeister die intakte Welt und das Reich Cyan deren Niedergang. Auf ihrer Reise wandern Nils und sein Vater durch aufgegebene, ehemals blühende Städte, die Abbaugebieten zum Opfer fielen. Sie kommen an Minen vorbei, die sich wie gigantische Trichter in die Erde bohren. Kalt, dunkel und verlassen.

Eingebettet ist diese Thematik in Science Fiction- und Fantasy-Elemente. Hier Cyan, ein futuristisches Reich, das Maschinen und Überwachungs-Roboter baut, das Fluggeräte und Computer besitzt und ganz auf seine überlegene Technologie vertraut, um seine Macht zu erhalten und zu erweitern. Und dort das Volk Albas, das mit mystischen und archaischen Riten gemeinsam mit den Elementargeistern im Einklang lebt, das sich nur mit einfachsten Waffen und mit List und Tücke ausgestattet gegen den vermeintlich übermächtigen Gegner wehren kann, will und muss. All dies erhält noch einen göttlichen Überbau, denn die Geschicke der Menschen, sowohl die auf der einen, als auch die auf der anderen Seite, scheinen Kind gleiche Götter zu lenken, die sich in ihrem Tun allerdings auch uneins sind. Hamon und Carrion bedienen sich dabei diverser Mythologien und Fabelwelten, beginnend von der Nordischen (Yggdrasil) bis zur Japanischen (die Yokai).

Optisch liefert Antoine Carrion wieder hervorragende Arbeit ab. Seine Welt ist finster, düster und strahlt eine geheimnisvolle Aura aus. Im Kontrast dazu stellt er die Elementargeister als leuchtende 2D-Strichmännchen dar. Unscheinbar, aber ungemein wichtig. Die Personen, v.a. Nils, werden in Anlehnung an den Manga-Stil vereinfacht gezeichnet, vielleicht ebenso wie der ökologische Aspekt der Geschichte als Verbeugung vor dem japanischen Anime-Regisseur Hayao Miyazaki (u.a. Prinzessin Mononoke), der auch auf dem Backcover als Einfluss erwähnt wird. Inhaltlich kommt die Story in Fahrt, nachdem man die Welt von Ruben, Nils und Alba etwas kennengelernt hat und Vater und Sohn bei einem verhängnisvollen Zwischenfall getrennt werden, was eine Kette fataler Geschehnisse zur Folge hat. Am Ende bleiben etliche Fragen offen und man kann gespannt sein, wie Autor Jérôme Hamon dieses komplexe Story- und Genre-Konstrukt mit aktuellen Bezügen unter einem Dach geschlossen und stimmig weiterführt.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Jérôme Hamon, Antoine Carrion: Nils, Band 1: Elementargeister. Splitter Verlag, Bielefeld 2017. 56 Seiten, 14,80 Euro