IROKESEN – Natur pur

Quebec im Juli 1609. Die Kolonie Neu-Frankreich besteht lediglich aus einem befestigten Holz-Fort mit ein paar Dutzend Mann Besatzung. Gründer, Befehlshaber und gleichzeitig erster Gouverneur der kleinen, noch unbedeutenden Kolonie ist Samuel de Champlain. Der pflegt mit den Huronen, die am Sankt-Lorenz-Strom siedeln, freundschaftliche Beziehungen, die auch dem Pelzhandel einträglich sind. Der Stamm der Mohawk, der zum Volk der Irokesen gehört, stört dieses Klima des gegenseitigen Vertrauens. Denn die Mohawk, seit jeher Feinde der Huronen, verüben immer wieder tödliche Überfälle. Champlain beschließt dem ein Ende zu machen. Mit ein paar Europäern, darunter ein windiger, namenloser Baske mit zwielichtiger Vergangenheit, sowie einer größeren Gruppe Huronen macht sich Champlain in Richtung Mohawk Gebiet auf. Die Reise führt mit einer Schaluppe und Indianer-Kanus zuerst den Sankt-Lorenz-Strom und dann den (heutigen) River Richelieu hinauf. Das Faustpfand der Gruppe ist die gefangene Mohawk-Häuptlingstochter Kleiner Otter, sowie einige „Donnerbüchsen“: Pistolen und Gewehre, die bei den Indianern (noch) großen Eindruck schinden. Während der Reise dünnt die Gruppe sichtlich aus. Etliche Huronen verweigern aufgrund eines vermeintlichen bösen Omens die Weiterfahrt und bedingt durch Stromschnellen muss auch die Schaluppe des Basken umkehren. Trotzdem hält Champlain an seiner Mission fest. Schließlich kommt es zum kurzen, aber heftigen Kampf mit den Mohawk, die deutlich in der Überzahl sind…

Nach seinem Ausflug nach Paris („Die Straßenkinder vom Montmatre“) kehrt Patrick Prugne mit seinem aktuellem Werk wieder in die neue Welt zurück. Spielten „Pawnee“ und „Frenchman“ in der Mississippi-Gegend, wo sich bekanntlich ebenfalls Franzosen ansiedelten, findet die Handlung von „Irokesen“, die auf einer tatsächlichen Begebenheit beruht, viel weiter nördlich im heutigen Kanada statt. Und noch einmal 100 Jahre früher. Hier sind noch echte Pioniere am Werk. Das Fort Quebec, Keimzelle der gleichnamigen Stadt, existiert gerade mal ein Jahr. Das Landesinnere ist noch weitgehend unerforscht. Und mit Samuel der Champlain ist ein echter Idealist am Werk, der den Traum von der großen Kolonie Neu-Frankreich träumt. Er handelt mit den Indianern – ein einträgliches Geschäft – und behandelt sie ehrenhaft wie respektvoll. Trotzdem muss er dem tödlichen Tun der Mohawk ein Ende bereiten. Die werden von den Huronen verachtet und als Monster hingestellt, ein Bild, das sich dem Leser schleunigst revidiert, da in der Folge die Ereignisse auch aus Sicht der Mohawk dargestellt werden.

Denn die wollen das Schicksal ihrer entführten Häuptlingstochter Kleiner Otter klären und halten zwecks weiterer Vorgehensweise dazu Versammlungen ab. Doch ehe dort eine Entscheidung des Großen Rates über das weitere Vorgehen getroffen wird, nimmt der Bruder von Kleiner Otter das Heft in die Hand und macht sich gegen alle Regeln und Gesetze seines Stammes eigenmächtig auf die Suche nach seiner Schwester. Schließlich sichtet er Champlain und dessen Männer und kann seinen Stamm warnen. Am Ende entscheiden zwei Gewehrkugeln den vermeintlich ungleichen Kampf und damit den weiteren Werdegang der Kolonie um Quebec. Die historisch verbürgte Geschichte wird aus drei Blickwinkeln erzählt: aus französischer Sicht, aus Sicht der Mohawk und dann vertraut uns Prugne auch noch die Gedanken von Kleiner Otter an, die selbst bis zum Schluss nicht spricht und die verloren in einer ihr fremden und feindlich gesinnten Gesellschaft felsenfest von der baldigen Rettung durch die Ihren überzeugt ist.

Dabei erzählt Prugne voller Bedacht. Die Fahrt flussaufwärts wird zum Geduldsspiel, immer ist man auf der Hut vor dem noch unsichtbaren Feind, der überall lauern könnte. Umgekehrt ahnen die Mohawk nicht, was ihnen bevorsteht. Auf beiden Seiten gibt es Quertreiber: hier der Baske, der immer auf Profit aus ist und der Indianer schlecht behandelt. Dort der übermütige Häuptlingssohn, der die Gesetze seines Volkes missachtet und schließlich von seinem Vater trotzdem den Segen für sein Tun erhält. Eine schlüssig erzählte Geschichte einer weitgehend unbekannten historischen Episode aus den Anfängen der Besiedlung Amerikas durch die Europäer. Wie auch in den Vorbänden, die Prugne in der Neuen Welt ansiedelt, ist die Story von „Irokesen“ in Landschaften und Naturperspektiven eingebettet. Weite, ruhige, unberührte Flüsse. Mächtige, dunkle, undurchdringliche und unerforschte Wälder. Immer wieder beobachten Tiere das Geschehen. Bären, Füchse, Vögel. Mit all dem vermittelt Prugne erfolgreich Lederstrumpf-Atmosphäre und sein feiner Aquarell-Zeichenstil in den wunderbar gediegenen Farben setzt dem Ganzen dabei noch die Krone auf. Jedes Panel lädt zum Verweilen ein. Die Handlung geht weiter, aber das Auge möchte noch bleiben. Wie gehabt spendiert Splitter als Dreingabe etliche Seiten mit Skizzen, Entwürfen, Motiven und Anmerkungen Prugnes, die einerseits die akribische Recherchearbeit des Künstlers zeigen und andererseits dessen fantastische Zeichenkunst noch einmal eindrucksvoll untermauern.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Patrick Prugne: Irokesen. Splitter Verlag, Bielefeld 2017. 104 Seiten, 22,80 Euro