Mord und Religion im Iran – „Die Spinne von Mashhad“

Vieles an dieser Graphic Novel verstört: Die unglaubliche Kaltblütigkeit, mit der der Mauerer Said eine Prostituierte nach der anderen erwürgt, obwohl er doch eigentlich so sanft wirkt und gar nicht machohaft wie all die anderen Freier. Dass Saids Frau ihren Mann für einen guten Mann hält, obwohl sie weiß, dass er alle Opfer im heimischen Wohnzimmer ermordet hat. Vor allem aber verstört, wie begeistert Saids Sohn über die Morde des Vaters spricht und die bis ins kleinste Detail nachstellen kann. „Im Iran ist Sexualität immer noch ein Tabu – wegen der Tradition und wegen der Religion. Da kommt beides zusammen. Auch deshalb ist Prostitution nicht gerade ein angesehener Job. Und ich muss auch sagen, dass es nicht besonders angesehen ist, eine Frau zu sein. Der Iran ist immer noch patriachal“, erklärt Mana Neyestani.

Vorlage für seine Graphic Novel war ein Film, der die Recherche einer Journalistin für ein iranisches Frauenmagazin dokumentiert. Mana Neyestani verwebt die Interviews daraus mit seinen schönen schwarz-schraffierten Federzeichnungen so miteinander, dass die Motive der einzelnen Menschen noch deutlicher werden. Im Film zum Beispiel sagen die Ladenbesitzer aus dem Kiez einfach nur, dass sie Prostituiertenmorde goutieren – in der Graphic Novel klopfen sie dem Sohn des Mörders anerkennend auf die Schulter. Mana Neyestani: „Sie glauben, dass Prostituierte die Gesellschaft beschmutzen. Und darum glauben sie, dass ein Mörder, der 16 Frauen umgebracht hat, die heilige Stadt von der Verschmutzung reinigt.“

Mana Neyestani (Text und Teichnungen): „Die Spinne von Mashhad“.
Aus dem Französischen von Christooh Schüler. Edition Moderne, Zürich, 2018. 164 Seiten. 22 Euro

Denn Mashhad ist ein Wallfahrtsort, in dem sich der heilige Schrein des Imams Reza befindet. Die Stadt liegt nahe der afghanischen Grenze und Opium ist hier leicht zu bekommen. Deshalb sind die vielen Prostituierten vor allem Drogenabhängige. Davon erzählt Mana Neyestani vor allem aus der Perspektive der Tochter eines Opfers. Im Stil von knallbunten krakeligen Kinderzeichnungen zeichnet er den Alltag zwischen Geldbeschaffung, Schule und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Kontrast zwischen den fröhlichen Zeichnungen, dem Hass des Mädchens auf den Mörder und der sozialen Verwahrlosung in der Stadt ist frappierend. Mana Neyestani: „Weder das Buch noch der Dokumentarfilm wurden im Iran veröffentlicht. Ich habe das Buch in Frankreich geschrieben, wo ich als Flüchtling lebe – zuerst auf persisch – und dann hat es eine befreundete Übersetzerin ins Französische übersetzt.“

Jetzt wurde das Buch auch auf Deutsch übersetzt. Mana Neyestani floh aus seinem Heimatland, weil ein harmloser Cartoon für Kinder die Gefühle einer iranischen Minderheit verletzt hatte und es zu Krawallen kam. Neyestani wurde während der Ermittlungen für 50 Tage in Einzelhaft genommen – wäre er im Iran geblieben, hätte ihm eine lange Gefängnisstrafe gedroht. Neyestani gehört dort immer noch zu den populärsten Cartoonisten mit über 100.000 Facebook-Fans.

Der Staat, der den Islam in der Verfassung verankert hat und dessen Justiz zum Teil der Scharia folgt, fördert allerdings vor allem religiöse Ansichten. Die Menschen, die dahinter stehen, müssen nicht schlecht sein, meint Mana Neyestani und stellt den Richter als feinsinnigen Menschen dar, der in seiner Freizeit Kalligrafien zeichnet: „Er ist ein Repräsentant des Regimes und der Religion – und zur selben Zeit ist er ein Mensch. Er hat einfach seine Ideale und Ansichten – ganz ähnlich wie der Mörder. Ich habe versucht, den Richter als jemanden darzustellen, der die Schönheit und die Kunst liebt. Und in den Augen eines Richters kann zum Beispiel eine Exekution genauso schön sein wie eine gute Kalligrafie – so einfach ist das.“

Weil dann die Ordnung für die Justiz wieder hergestellt ist. Der Richter wird den Mörder Said hängen lassen. Um die sozialen Verwerfungen in der heiligen Stadt Mashhad wird sich dagegen niemand kümmern. Selten bekommt man so vielschichtige Einblicke in die iranische Gesellschaft wie in Mana Neyestani Graphic Novel „Die Spinne von Mashhad„.

Dieser Text erschien zuerst auf: Deutschlandfunk.

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.