Der Mann, der sich verbarg – „B. Traven. Portrait eines berühmten Unbekannten“

Begibt man sich auf das Terrain eines Meisters der Täuschung, empfiehlt es sich, ihm mit ebenbürtigen Strategien zu begegnen. Und wenn man eines über das vielleicht berühmteste Phantom der modernen Literaturgeschichte B. Traven weiß, dann eben, dass er zu Lebzeiten alles daransetzte, auch nur die geringsten seiner biografischen Anhaltspunkte systematisch zu verschleiern.

Für einen Autor, dessen Werke weltweit in einer geschätzten Auflage von 30 Millionen gedruckten Exemplaren kursieren, der zu späteren Ruhmeszeiten 1948 zudem als Drehbuchautor bei der Verfilmung seines Romans „Der Schatz der Sierra Madre“ einen Flirt mit Hollywood riskierte und dessen Sympathien mit den proletarischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts fernab von bloßen Koketterien in fortgesetztem politischem Engagement mündeten, ein schweres Unterfangen.

Golo (Text und Zeichnungen): „B. Traven. Porträt eines berühmten Unbekannten“.
Avant Verlag, Berlin 2011. 144 Seiten. 24,95 Euro

Zum Schluss stößt man auch in der vorliegenden Comicbiographie des französischen Zeichners und Autors Guy Nadaud, der unter dem Pseudonym Golo seine Arbeiten veröffentlicht, auf Travens berühmte apodiktische Selbsterklärung: „Wenn man den Künstler nicht in seinem Werk erkennt, dann taugt er nichts oder sein Werk hat keinerlei Wert.“ Dass in sämtlichen Werken Travens, insbesondere in seinen mexikanischen Romanen, der Blick auf die ökonomischen, sozialen und politischen Umbrüche fokussiert ist, noch dazu in einem vergleichsweise eingängigen belletristischen Stil, verdankt sich nicht zuletzt diesem Credo.

Bei seinem Annäherungsversuch geht Golo zwar historisch linear vor. Allerdings arrangiert er sein Material nicht rund um biografische Eckdaten, um am Ende des Plots ein vollwertiges Traven-Porträt in Aussicht zu stellen, wie es der Untertitel suggeriert. Stattdessen wird uns ein sehr ausdrucksloser Traven präsentiert, die Augen bloß schwarze Balken, der Mund meist mürrisch nach unten verzogen, seine Konturen zwischen dickem und dünnem Strich oszillierend – dank dieser Universal-Eigenschaften eine schwer zu greifende Figur.

Bei defätistischen Vorträgen aus seiner eigenen Zeitschrift Der Ziegelbrenner im Münchener Künstlerviertel Schwabing 1918 spricht lediglich eine Silhouette, die dem anwesenden Publikum hingegen, sozusagen im Einklang mit der Traven-Forschung, als der Schauspieler Ret Marut (vermutlich eines der Pseudonyme Travens) bekannt ist. Auch sonst sind es verschiedene, oftmals nicht eindeutige Stimmen, die sich zur Konturierung vereinen: Mal fungiert Traven selbst als Ich-Erzähler, dann wiederum erinnert sich seine Frau und immer wieder spricht auch ein, scheint es, neutraler, dem personalen Erzähler der Literatur nicht unähnlicher Beobachter. Ein Sammelsurium aus Mutmaßungen und Gewissheiten entspannt sich.

Dominiert in der Zeit der bayerischen Räteregierung ein geradezu sozialgeschichtlicher Ansatz, hinter dem Traven, bis zu seiner Flucht 1919, zugunsten der Machtkämpfe des sozialistischen und bürgerlichen Personals als Figur verschwindet, so ist er ab der zweiten Hälfte, seiner Zeit in Mexiko, omnipräsent.

Die zuvor zum Großteil bloß dreifarbigen, mit Graustufen variierenden Panels sind nun aquarelliert. Sei es, weil für diesen Zeitraum die Traven-Forschung weitaus gesichertere Fakten anzubieten hat, sei es, weil die jene spätere Epoche sukzessiv durchdringenden Perversionen kapitalistischer Ausbeutung ebenso in unserer Gegenwart angesiedelt sein könnten, dieses Verfahren wirkt nur bedingt methodisch.

Offensichtlich verlangt das Genre Künstlerbiografie zu viel Akkuratesse, und so entsteht ein Wechselspiel aus historischer Kontextualisierung und biografischer Verpflichtung, das im weiteren Verlauf zur unverbundenen szenischen Einheit gerät: Traven, der unorthodoxe linke Agitator, der Matrose, der Schriftsteller, der Baumwollpflücker, der inkognito auftretende Agent und Drehbuchautor und schließlich also der verschwundene Literaturstar, dessen Asche über den mexikanischen Urwald verstreut wird.

Dieser Text erschien zuerst in der taz.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur, Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de und Autor der Zeitschrift Konkret. Beiträge u. a. für Tagesspiegel, Taz, TITANIC, Jungle World, Junge Welt, Potsdamer Neueste Nachrichten, Das Viertel, Testcard sowie für Buchpublikationen und DVD-Editionen.