„Es ist eine Illusion zu denken, dass Orient und Okzident zwei diametrale Konzepte sind“

Mit „Zuflucht nehmen“ hat der preisgekrönte französische Romanautor Mathias Énard seine erste große Graphic Novel verfasst, in Zusammenarbeit mit Zeina Abirached. Im Interview spricht er über seine Beziehung zu Deutschland, die Zusammenarbeit mit Zeichnerin Zeina Abirached und die Angst, die derzeit in Europa grasiert. Wir präsentieren das folgende Presse-Interview mit freundlicher Genehmigung des Avant-Verlags.

In ihrem bisherigen Werk haben Sie vielfach die Beziehungen zwischen Orient und Okzident ergründet, in Ihrem Roman „Der Kompass“ haben Sie bereits über die Beziehungen der deutschen Intellektuellen mit dem Orient geschrieben. Ihr neuestes Werk „Zuflucht Nehmen“, das Sie mit Zeina Abirached zusammen gemacht haben, nimmt erneut diese Beziehungen in den Blick. Welchen Bezug haben Sie zu Deutschland?
Zu Deutschland? Eine exzellente Beziehung! (lacht) Ich bin, wie so viele meiner Generation, ein Opfer der deutsch-französischen Freundschaft, ein Opfer von Kohl und Mitterand: Ich habe in der Schule Deutsch gelernt, seit 1985 immer wieder brav Ihr Land besucht und zwischen 2013 und 2015 dann auch zwei Jahre in Berlin gelebt. In „Zuflucht nehmen“ verbinden sich also gleich mehrere meiner Leidenschaften: die Beziehungen zwischen Orient und Okzident, Ost und West und der Stadt Berlin. Hinzu kommt, dass ich Arabistik studiert und zehn Jahre lang im Mittleren Osten gelebt habe, davon vier Jahre in Syrien. Syrien und seine Menschen sind mir also sehr nah. Ich liebe dieses Land. „Zuflucht nehmen“ mit Zeina zu schreiben in diesem Hin und Her zwischen arabischer Welt, Afghanistan und Europa, Aleppo, Bamian und Berlin, das war wie zwei Leidenschaften zu vereinen. Obwohl es keine autobiografische Geschichte ist, habe ich selbst in meiner Zeit in Berlin einige syrische Geflüchtete getroffen und versucht, ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten bei ihrer Ankunft in Deutschland zu helfen. Darunter war auch eine junge Frau, Planetologin, ausgebildet in Russland…

„Zuflucht nehmen“ ist Ihre erste buchlange grafische Erzählung. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Zeina Abirached und wie hat sich diese gestaltet? Welche neuen Möglichkeiten bietet der Comic, was unterscheidet sich in erzählerischer Hinsicht von einem ‚klassischen Roman‘?
Fürs Zeichnen zu schreiben, ist etwas ganz anderes. Es ist eine berauschende Erfahrung! Abgesehen von den Dialogen ist alles, was ich geschrieben habe, verschwunden: Es bleiben „nur“ die Zeichnungen von Zeina. Sie war sozusagen meine Interpretin: Sie musste den Ausschnitt wählen, den Rhythmus der Szenen… Natürlich ist diese Art des Zusammenspiels unmöglich beim Schreiben eines traditionellen Romans. Beim Comic arbeitet man nicht nur mit einer anderen Person, sondern auch mit den Bildern!

Mathias Énard (Autor), Zeina Abirached (Zeichnerin): „Zuflucht nehmen“.
Avant-Verlag, Berlin 2019. 345 Seiten. 30 Euro

„Zuflucht nehmen“ hat zwei Zeitebenen. Sie erzählen zum einen die Geschichte von Karsten und Neyla, die sich im heutigen Berlin kennenlernen, und zum anderen die Geschichte von Annemarie Schwarzenbach im Afghanistan der 1930er Jahre. Warum haben Sie gerade diese beiden Zeitpunkte und Orte ausgewählt?
Das, was beide Zeitausschnitte eint, ist die gescheiterte Liebe zu einem Zeitpunkt extremer geschichtlicher Umwälzungen. Die eine spiegelt die andere und umgekehrt. Das heutige Berlin ist Frucht des einstigen Berlins, das am 1.September 1939 im Begriff ist, sich selbst zu zerstören, mit der Kriegserklärung an Europa. Berlin heute ist eine Hoffnungsfigur: Ja, man kann sich vorstellen, dass Aleppo dereinst wieder eine große, glückliche und leuchtende Stadt sein wird. Zum anderen mag ich die Geschichte von Annemarie Schwarzenbach und dieser Begegnung in Afghanistan sehr. Sie ist eine sehr berührende Figur, äußerst modern, Archäologin, Reisende, Schriftstellerin, Orient-verrückt und Antifaschistin, die sich ihrer eigenen Zürcher bourgeoisen Familie entgegenstellt, sich in die „schlechte Gesellschaft“ der Brüder Mann begibt. Außer Ella Maillart überlebt keine dieser Personen den Krieg… Sie wissen es nicht, aber es ist das letzte Mal, dass sie sich begegnen. Sie sind wie die Welt, die sie repräsentieren: dem Untergang geweiht.

„Zuflucht nehmen“ – welche Bedeutung hat der Titel für beide Erzählebenen und welche Bedeutung hat er in der heutigen Zeit?
Zuflucht nehmen, das ist zum einen die buddhistische Zuflucht – man nimmt Zuflucht zum Buddha, zum Dharma, zum Samgha, die man die „Drei Juwelen“ oder „Drei Schätze“ nennt – und dann gibt es jene, die man heute die Geflüchteten nennt. Die Buddhas von Bamian wurden von den Taliban zerstört. Das ist eine Bedeutung des Buches, diese ewige Wiederkehr der Gewalt… Es ist eine dieser Überschneidungen, die beide Erzählebenen zusammenführt. Wir alle suchen Zuflucht – Zuflucht im Anderen, in der Liebe, in der Hoffnung, oder in der Ferne. Unglücklicherweise bekommt man zuweilen den Eindruck, dass es sie nicht gibt, dass sie nie wirklich möglich wird, dass die Geschichte uns stets erdrückt.

Gegenwärtig gewinnen nationalistische Parteien europaweit an Zuspruch – betrachtet man Ihr Werk, könnte man den Eindruck gewinnen, Sie schreiben gegen diese einseitigen Diskurse zur Beziehung des „christlichen Abendlandes“ und des „Orient“ an. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Sicherlich, ich denke, dass es sich dabei um eine der großen Illusionen und gleichzeitig der großen Gefahren unserer Zeit handelt. Dieser Hass und die Angst, sich selbst zu verlieren im Kontakt mit dem Anderen, das gilt übrigens nicht nur für den Westen. Es ist gleichwohl eine Illusion zu denken, dass Orient und Okzident, Chistentum und Islam, wirklich zwei einander diametral gegenübergestellte Konzepte sind: Alles in ihrer Geschichte beweist das Gegenteil. Das Christentum selbst ist „orientalisch“, nämlich in Jerusalem geboren… mit Einflüssen aus dem Mithras-Kult und dem orientalischen Heidentum. Das Blut in Wein verwandelt… finden Sie das westlich? Haben Sie viel Rotwein in Berlin oder Paris gesehen? Das ist nur ein Beispiel. Was heute obsiegt ist die Angst: die Angst und das Gefühl des Verlassenseins. Ich habe Angst, „meine Identität“ zu verlieren und dass andere besser behandelt werden als ich, aber gegen diese Illusion zu kämpfen, ist natürlich nicht so einfach.

Seite aus „Zuflucht nehmen“ (Avant-Verlag)