Lesen Sie privat Kommentare im Internet? – „Über Spanien lacht die Sonne“

Onlinekommentar-Bereiche sind die vollgeschmierten Klotüren des Internets, und irgendjemand muss die Scheiße ja wegmachen. In Kathrin Klingners neuer Graphic Novel „Über Spanien lacht die Sonne“ beginnt die Handlung im Sommer 2015 mit dem Bewerbungsgespräch der Hauptfigur Kitty, einer mit fünf Schwarzklecksen angedeuteten Häsin. Es geht um einen Agenturjob als Moderatorin für Onlinekommentare. Erste Frage des Chefs in spe: „Lesen Sie denn privat Kommentare im Internet?“ Dann wird ihr eine Aufgabe gestellt: „Ich lese Ihnen ein paar Kommentare vor, und Sie sagen mir einfach, was Sie davon halten.“ Kitty bekommt jedenfalls den Job. In dieser Exposition bleiben wir von Hate Speech noch verschont, doch später werden sich Abgründe auftun, man wird auf reichhaltige rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Aussagen stoßen.

Kathrin Klingner (Autorin und Zeichnerin): „Über Spanien lacht die Sonne“.
Reprodukt, Berlin 2020. 128 Seiten. 20 Euro

Die Comic-Künstlerin Klingner kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen: Sie selbst arbeitet seit 2013 im Nebenjob als Onlinekommentar-Moderatorin. Der Ernst des Themas und der Lage ließe womöglich einen analytischen Comic-Essay erwarten, aber Klingner setzt lieber auf eine effektivere Methode: Humor. Der reduktionistische schwarz-weiße Zeichenstil lenkt zwangsläufig den Blick aufs Detail, den Ausdruck der Figuren, ihre Gespräche inner- und außerhalb des Büros, ihren Umgang mit dem Gepöbel der User – das erinnert, was das Dehnen der Zeit und das Spiel mit der Monotonie der Bilder betrifft, im Ansatz an eine Dogma-Version des großen französischen Comic-Workaholics Lewis Trondheim. Klingner geht es allerdings noch galliger an. „Migrationswahnsinn. Putin. Ukraine. Schuldkult.“ Bei der Lektüre trinkt Kitty Kaffee und isst eine Stulle.

In einer anderen Passage ist in den oberen Panelabschnitten ein extrem rechter Kommentar voller Bürgerkriegsfantasien zu lesen, der untere Teil zeigen Kitty in der U-Bahn und beim Einkaufen. Das konterkariert doppeldeutig die Paranoia des geifernden Users: Der harmlose Alltag nimmt seinen Lauf, und gleichzeitig könnte jeder Smartphone-Nutzer, dem Kitty draußen begegnet, ein anonymer rechter Troll sein. Man mag darüber spekulieren, was die tägliche Konfrontation mit solch ungezügeltem Hass mit den digitalen Reinigungskräften anstellt. Offenbar nicht viel. Die Figuren tingeln unspektakulär durch ihre Freizeit, machen Hausarbeit, bringen die Kinder zur Schule, schlagen die Zeit am Rechner tot. Eine, ein Ex-Kneipier, besäuft sich oft, wird dann sentimental und versucht, die Barfrau zu betatschen. Alle Figuren sind im Guten wie im Schlechten erschreckend normal und „eigentlich die falsche Besetzung, um die Welt vor der Verrohung aus dem Internet zu retten“, sagt Klingner in einem Interview. Der Comic ist weniger eine Untersuchung der Motive der Hassgroßmäuler im Netz als vielmehr eine pointierte Chronik moderner Arbeitsverhältnisse unter den Bedingungen digitaler Zügellosigkeit.

Diese Kritik erschien zuerst am 22.7.2020 in: Neues Deutschland

Hier gibt es eine weitere Kritik.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur und Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de, schreibt für KONKRET, Tagesspiegel, Neues Deutschland und Junge Welt. Beiträge u. a. in Taz, TITANIC, Jungle World, Der Schnitt, Pony, Das Viertel, Testcard, kino-zeit.de sowie für zahlreiche Buch- und Comicpublikationen und DVD-Mediabooks.

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