Auf (noch) ein Bier

Wer hat nicht in der langen Pandemie-Durststrecke von einem gepflegten Lokal-Ziaga mit unbekanntem Ausgang geträumt? Eine solche – ja, man könnte es so nennen – Sauftour illustriert „Nachtgestalten“ von Nicolas Mahler, dem zweifellos erfolgreichsten zeitgenössischen österreichischen Comickünstler. In den letzten Jahren legte Mahler eine Reihe von Literaturadaptionen klassischer Autoren („Ulysses“, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zum Beispiel) und eine „unkorrekte Biografie“ zu Thomas Bernhard vor, gerade eben ist seine Version von Arno Schmidts „Schwarze Spiegel“ bei Suhrkamp erschienen.

Jaroslav Rudiš, Nicolas Mahler: „Nachtgestalten“.
Luchterhand, München 2021. 144 Seiten. 18 Euro

Für „Nachtgestalten“ hat er sich Mahler mit dem tschechischen Gegenwartsschriftsteller Jaroslav Rudiš zusammengetan. Das Setting ist simpel: Zwei Freunde ziehen durch die Prager Nacht, getrieben von der Sperrstunde, immer auf dem Weg zu einem neuen Beisl, das noch ein Bier ausschenkt, und noch eins. „Es gibt Hoffnung für uns alle.“ – „Ich will Wisent werden. Nicht in diesem Leben.“ Dialoge wie diese, die nur der Trunkenheit entspringen und zu (zumindest im Augenblick) genialen Gedankenkaskaden führen können, begleiten die beiden Gestalten.

Einer – er ist Historiker – ist hager und groß, einer klein und untersetzt, beide sind in Mahler’scher Manier gesichtslos und auf ihre nötigsten Eigenschaften reduziert. Wenn wieder einmal das Licht in einem Lokal ausgeht und die Rollläden heruntergefahren werden, zieht es die beiden erneut in die tiefe Nachtschwärze der Stadt, genauso wie sich so manches unaufgelöste Gespräche im Dunkeln verliert. Das nächste beleuchtete Wirtshaus ist ein sicherer Hafen. Nichts muss gesagt, alles darf ausgesprochen werden.

Der gemächliche Flow bricht hin und wieder ins Melancholische, dann wieder ins Absurd-Lustige aus, dreht sich mal um die verflossene Liebe und einen katastrophalen Hochzeitscrash, mal um eine Bergtour, die mit einem Rettungseinsatz mit philosophisch bewanderten Bergrettern endete. Die Freunde, die immer mehr ins Wanken geraten, sinnieren über das Unglück an sich, wärmen alte Kalauer auf, kommen auf unverhoffte Ideen und blicken in die Abgründe der eigenen Familiengeschichte, die schwarzen Löcher der Nazizeit.

Tragik und Euphorie, Banales und Tiefsinniges wechseln so schnell wie die Lokale, der selbstironische Humor geht den beiden nie aus. Und so wird die Dialogkette dieses Männerabends zu einer berauschenden Lesetour durch eine stimmige Bild-Text-Komposition, die Lust auf Bier und lange Nächte macht. Prost!

Dieser Beitrag erschien zuerst am 24.10.2021 auf dem Standard-Comicblog Pictotop.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu „Nachtgestalten“.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.

Seite aus Nicolas Mahlers „Nachtgestalten“ (Luchterhand)