Die Lust an der Zerstörung

Dieser Beitrag erschien zuerst am 03.07.2018 auf: Taz-[ˈkɒmik_blɔg]

Die Erfindung der Liebe im Zeichen schnöder Machtinteressen ist das Thema einer kürzlich hier besprochenen Graphic Novel gewesen; nun soll ein Comic vorgestellt werden, der die Perspektive gewissermaßen umkehrt: Papa Dictator, die Hauptfigur in Michael Beyers gleichnamiger Comicserie, ist (nomen est omen # I) ein tyrannischer Alleinherrscher einer fiktiven Bananenrepublik, dessen maximal autoritärer Regierungsstil sich nicht von einer außer Kontrolle geratenen Verantwortungsethik her begründet (nach dem Motto: „Einer muss jetzt aber mal die Zügel straff ziehen!“), sondern schlicht durch die perfide Lust am Unterdrücken, Zerstören und Quälen.

Wenn überhaupt, bekommt er seine Grenzen einzig durch die beiden Kinder aufgezeigt, die er (nomen est omen # II) offensichtlich ganz allein großzieht; von ‚erziehen‘ kann dabei eher nicht die Rede sein. Während der Widerstandsgeist des völlig missratenen Sohnemanns eher von dessen hypernarzistischen Ego herrührt, das ihn auf eine Stufe mit seinem denn auch sonst heiß geliebten Papa stellt, besteht bei der Tochter des Despoten durchaus noch Grund zur Hoffnung. Dem in ihrer Kleinfamilie vorherrschenden stets verneinenden Geist stellt sie ein erstaunliches Maß an Empathiefähigkeit und Sozialkompetenz entgegen. Doch ihre Möglichkeiten der Resilienz sind selbst nicht grenzenlos, weil letztlich auch sie ihren Diktatorenpapa maßlos anhimmelt.

Im Band „Papa Dictator liebt die Bombe“ sind diese mehr oder weniger komplizierten Familienbande wieder einmal nicht ganz ohne Bedeutung. Dort heuert nämlich der halbwüchsige Sohn, der auch Mitglied des nationalen Sicherheitsrates ist, einen seelisch etwas instabil wirkenden Wissenschaftler an, um mit dessen Hilfe die Durchschlagskraft des väterlichen Waffenarsenals zu erhöhen. War für den großmäuligen Tyrannen bisher „Atompoker“ nicht mehr ein Spiel, bei dem er als Naturtalent des Bluffens und Blendens stets brillieren konnte, wird daraus nun purer Ernst.

Und obwohl der erste unterirdische Atomtest seinen Palast beinahe vollständig in Trümmer legt, findet Papa Dictator zunehmend gefallen an diesem Symbol gnadenlos zerstörerischen Machtstrebens in Phallusform. Als die großen Atommächte schließlich Wind davon bekommen und mit dem präventiven Erstschlag drohen, freut er sich noch, zumindest einmal die ganze Welt in Schutt und Asche legen zu können. Der Preis des eigenen Untergangs scheint ihm hierfür jedenfalls nicht zu hoch zu sein. Kein Wunder, dass die Diktatorentochter als einzige Vertreterin eines distanzierenden Wirklichkeitssinnes an dieser Stelle der Geschichte bereits keine Rolle mehr zu spielen scheint und schlicht nicht mehr vorkommt.

So weit, so irre. Und man mag (leider) auch hinzufügen: so realistisch. In der diesjährigen Stellungnahme internationaler Wissenschaftler zur Problematik der nuklearen Bedrohung („Bulletin of the Atomic Scientists“) stehen die Zeiger der sogenannten doomesday clock nicht auf zehn, nicht auf fünf, sondern auf genau zwei Minuten vor Zwölf. Ein Wert, der zuletzt im Jahre 1953 (!) erreicht wurde, also zur Hochzeit des nuklearen Wettrüstens zweier in ideologischer wie machtpolitischer Hinsicht völlig verfeindeter Systeme. Das Irrwitzige an dieser höchst beunruhigenden Zeitdiagnose ist, dass die verantwortlich zeichnenden Wissenschaftler eigentlich jeden Alarmismus vermeiden wollen und darauf hinweisen, dass solche in unseren Breiten zu Witzfiguren überzeichneten politischen Akteure wie Kim Jong-un sicherlich vollkommen amoralisch, aber keineswegs völlig irrational handeln.

© mic / jaja verlag 2018

Man kann sich natürlich über die intransparenten Kriterien mokieren, mit der die selbst ernannten „Atomwissenschaftler“ an den Zeigern einer Weltuntergangsuhr herumdrehen und damit vielleicht eher einem diffus gereizten wie verunsicherten „Gefühl der Welt“ (H. Bude) Raum und Ausdruck geben, als zu einer sachlichen Analyse der Weltbedrohung(en) beizutragen. Aber trotzdem bleibt die Schlussfolgerung der (Natur-)Wissenschaftler bedrückend, wenn selbst der unerschütterliche Glaube an den/die Politiker als zweckrationale Eigennutzmaximierer die drohende Gefahr nicht bannen kann.

Papa Dictator gehört jedenfalls nicht zu dieser ominösen Spezies namens homo oeconomicus. Er liebt, er begehrt, er verehrt die Bombe, weil sie ihm garantieren kann, was er noch mehr liebt als alles andere: Macht. Nun kann Macht durchaus auch schöpferisch verstanden werden, im Sinne eines (legitimen wie illegitimen) Durchsetzens des Eigeninteresses gegenüber anderen. Wem aber Macht alles ist, dem ist ohne Macht alles nichts. In diese absolut negatorische Richtung weist auch das Verhalten des Comic-Diktators. Er feiert die Möglichkeit zur Weltzerstörung, nicht weil sie ihm einen Trumpf im Poker um Macht und Herrschaft in die Hand gibt, sondern weil er im Falle einer drohenden Niederlage zumindest noch den Pokertisch umschmeißen kann.

Der maximale Kontrast zwischen dem cartoonhaften, verniedlichen Zeichenstil in „Papa Dictator liebt die Bombe“ und dem absolut bösen Handeln der Hauptfigur des Comics soll demzufolge vermutlich nicht nur zum Lachen reizen. Zwar lässt sich das struppig-kugelrunde Monster auch als Chiffre unserer Projektionen bezüglich der Trumps, Putins & Co. dieser Welt verstehen („Wer weiß, wozu die alles in der Lage sind!“). Andererseits ist es eben oft auch so, dass das Böse manchmal recht harmlos, in diesem Fall geradezu knuffig, daherkommen kann. Als Beruhigungspille taugt der Comic so oder so jedenfalls nicht, und das ist angesichts der momentanen Re-Eskalation nuklearer Bewaffnung und Bedrohung vielleicht auch ganz richtig so.

Hier und hier gibt es weitere Kritiken zu „Papa Dictator“.

Mario Zehe (*1978) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Lehrer für Geschichte, Politik & Wirtschaft an einer Freinet-Schule bei Quedlinburg (Harz). Seit vielen Jahren liest er Comics aller Art, redet und schreibt gern darüber, u. a. im [ˈkɒmik_blɔg] der Taz und für den Freitag.

Mic: „Papa Dictator liebt die Bombe“. Jaja Verlag, Berlin 2018. 36 Seiten. 4 Euro