Zoom sieht alles

Das Thema Schönheit taucht in den Comics von Liv Strömquist immer wieder mal auf, etwa wenn sie heteronormative Beziehungsmuster analysiert, in denen mächtige Männer und schöne Frauen sich zusammentun und so gegenseitig ihren Status erhöhen. Mit dem aktuellen Comic „Im Spiegelsaal“ hat sie das Thema vertieft. Ein Anlass dafür waren ihre Beobachtungen aus der Corona-Pandemie. Denn eigentlich denken die meisten Menschen nicht über ihr Aussehen nach und vergessen das in vielen Situationen. Aber seit am Arbeitsplatz immer mehr Zoom-Meetings abgehalten werden, sieht man sein eigenes Gesicht immer in einem Feld auf dem Bildschirm, egal ob man selbst redet oder zuhört. Auf diese Weise ist der Fokus auf das eigene Gesicht stärker geworden.

Liv Strömquist: „Im Spiegelsaal“.
Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Avant-Verlag, Berlin 2021. 168 Seiten. 20 Euro

In ihrem Comic-Essay stellt Liv Strömquist Theorien von Soziolog*innen, Kunstwissenschaftler*innen und Historiker*innen vor, die zeigen, dass Menschen ihr Aussehen und deren Gestaltung immer wichtiger nehmen. Die vermischt sie mit Szenen aus der Popkultur und vor allem mit Kuriositäten aus den sozialen Medien. Zum Beispiel mit Bildern von Kim Kardashian, die sich in aufreizenden Posen präsentiert und damit sehr viel Geld verdient hat.

Liv Strömquist macht das mit dem gewohnt derben Strich und schreibt dazu Sätze wie „Kim Kardashian hat sich die Fähigkeit angewöhnt, sich selbst mit dem gleichen geilen Blick zu betrachten wie ein Lustmolch.“ Das sitzt. Und es sitzt auch deshalb so gut, weil Liv Strömquist den Text so zeichnet, als wäre jeder Buchstabe ein Ausrufezeichen. Besonders wichtig sind Liv Strömquist beim aktuellen Comic aber die Bilder, die in den sozialen Medien verbreitet werden, denn die förderten nach ihrer Auffassung die Fokussierung auf Äußerlichkeiten.

Damit allein könne man aber noch nicht erklären, dass heute Menschen, die nicht ganz dem Schönheitsideal entsprechen, befürchten, Nachteile bei der Partner*innenwahl oder in der Karriere zu haben sowie an ihrer Lebensqualität zweifeln. Dafür macht Liv Strömquist auch die Mechanismen des Kapitalismus verantwortlich: Das werde durch die spätkapitalistische Gesellschaft befördert, durch ihren Hang, immer weiter zu wachsen und Dinge zu verkaufen. Und das führe dazu, dass Menschen immer neue Bedürfnisse entwickeln, Gegenstände zu kaufen oder ihr Erscheinungsbild zu verändern, anstatt glücklich darüber zu sein, was sie haben oder wie sie aussehen. Es ist nicht leicht, sich von den Selbstoptimierungsmechanismen unserer Gesellschaft zu befreien, weder für Frauen noch für Männer! Das macht der Comic deutlich.

„Im Spiegelsaal“ kommt deutlich leiser daher als für Liv Strömquist üblich. Der krachende Humor, mit dem sie immer wieder Promis aufs Korn nimmt, fehlt hier fast vollständig. Stattdessen zeichnet Strömquist nachdenkliche Interviews mit älteren Frauen, deren Leben sich verändert, weil ihre Schönheit verblasst – oder weil sie nicht mehr das Gefühl haben, dem Ideal entsprechen zu müssen.

Typisch Liv Strömquist ist aber, dass sie in ihren Arbeiten immer wieder die toxischen Mechanismen unserer Gesellschaft seziert. „Im Spiegelsaal“ ist vielleicht nicht so unterhaltsam wie viele andere ihrer Comics. Trotzdem bleibt Strömquist die beste feministische Analytikerin der Comicwelt.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 03.11.2021 auf: kulturradio rbb

Hier gibt es eine weitere Kritik zu „Im Spiegelsaal“ und ein Interview mit Liv Strömquist.

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

Seite aus „Im Spiegelsaal“ (Avant-Verlag)