Im arabischen Märchen beginnt der Spruch des Dschinns aus der Wunderlampe mit „Dein Wunsch ist mir Befehl“ – oder auch „Shubeik Lubeik“. Die ägyptische Comic-Künstlerin Deena Mohamed hat aus der tradierten Wunschkonstellation eine großartige Gesellschaftssatire gezeichnet.
Das Setting hat so gar nichts von einem orientalischen Märchen. Die Wünsche lagern in drei Flaschen in einem verkehrsumtosten Kiosk mitten in der Kairoer Innenstadt. Der Besitzer könnte gutes Geld damit verdienen, aber er ist strenggläubiger Muslim und seine Religion verbietet ihm den Handel mit Wünschen. Und dass Wünsche tatsächlich gottloses Zeug sind, sieht er täglich vor seinem Kiosk, wenn wieder der schimpfende Esel mit seinem Fuhrwerk vorbeizieht. Sein Besitzer hatte sich einen schlauen Esel gewünscht, nun kann der sprechen und analysiert seine unwürdigen Arbeitsbedingungen und schimpft fortwährend darüber.
Es ist nicht leicht, etwas Sinnvolles zu wünschen. Zumal ein Geschäft daraus entstanden ist, aus einem hochwertigen Wunsch viele zweit- und drittklassige Wünsche abzuspalten, die oft nicht im Sinne des Wünschenden agieren. Der Besitzer des Esels hat so einen drittklassigen Wunsch verwendet. Und im Fernsehen warnt eine Regierungskampagne davor, drittklassige Wünsche – die inzwischen verboten sind – überhaupt zu verwenden. Die Wünsche, die der alte Mann an seinem Kiosk verkauft, sind erstklassig. Sie stammen aus einem Grabfund, der noch in der Kolonialzeit von europäischen Archäologen ausgegraben wurde. Hunderte von diesen Flaschen wurden damals nach Europa verschifft. Der Vater des Kioskbesitzers hat dort gearbeitet und nie Geld dafür gesehen. Stattdessen hat er drei der Flaschen bekommen.
Deena Mohamed zeichnet damit einen deutlichen Seitenhieb gegen die Kolonialmächte, die Kulturgüter wie die z. B. Nofretete außer Landes geschafft haben und die Gesetze im besetzten Land so schrieben, dass das rechtens war. Der Comic ist aber auch eine bitterböse Abrechnung mit dem aktuellen autoritären System und der korrupten Bürokratie in Ägypten. Denn den ersten Wunsch kauft Aziza, eine Ägypterin, die in bitterarme Verhältnisse hineingeboren wird und einen Jungen aus der Nachbarschaft heiratet, der sich nichts anderes als einen Mercedes-Benz wünscht und sein letztes Geld für drittklassige Wünsche ausgibt, um an das Auto zu kommen.

Was genau Aziza sich wünscht, erfahren die Leser erst am Ende des ersten Wunsch-Abenteuers. Denn sie gerät in die Fänge der Bürokratie, bei der sie ihren Erste-Klasse-Wunsch registrieren lassen muss. Und weil so ein Erste-Klasse-Wunsch sehr selten ist, weckt der Begehrlichkeiten bei den Beamten, die Aziza immer mehr in die Enge treiben und schließlich ins Gefängnis werfen, damit sie ihnen ihren Wunsch abgibt.
Mit dem Comic „Shubeik Lubeik“ hat Deena Mohamed ein abgründiges Panorama der ägyptischen Gesellschaft gezeichnet, dass immer wieder urkomisch ist. Allein wie Azizas Verlobter immer wieder an dem Mercedes-Wunsch feilt und dann doch nur Spielzeug oder Schrott bekommt, ist ungeheuer lustig. Deena Mohamed zeigt das in schroffen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Armut und Lebenslust in Azizas Viertel großartig verbinden.
Deutlich übersichtlicher und feiner zeichnet Deena Mohamed die wohlhabenden Ägypter. Die zweite Wunschflasche kauft der junge Student Nour, der alles hat und kaufen kann, was er sich nur wünscht, und trotzdem dermaßen antriebslos ist, dass er durch seine Prüfungen rasselt. Seine Familie residiert in einer Gated Community und schaut auf die Neureichen herab, die sich jeden Wunsch leisten können und in ihren Gärten Dinosaurier halten. Nour will alles richtig machen und baut ein großes Theoriegebäude um seinen Wunsch, glücklich zu sein. Das beflügelt ihn – und lässt ihn doch immer wieder abstürzen in hoffnungsloses Selbstmitleid.
Bei allen grotesken Zuspitzungen führt Deena Mohamed ihre Protagonisten aber nie vor, sondern zeichnet an ihrem Beispiel die Bruchlinien der ägyptischen Gesellschaft: zwischen Regierung und Zivilgesellschaft, zwischen den Schichten und auch zwischen den Religionen. Das ist ebenso erhellend wie urkomisch.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 07.08.2025 auf: radio3 rbb
Deena Mohamed: Shubeik Lubeik. Dein Wunsch ist mir Befehl • Schreiber & Leser, Hamburg 2025 • Hardcover • 528 Seiten • 39,80 Euro
Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

