Als die Welt noch erzählbar war – „Frank Cappa“

Manfred Sommers Kriegsreporter Frank Cappa ist ein melancholischer Skeptiker, der Ideologien misstraut. Seine Abenteuer kommen ohne jede Frontromantik aus und sind nun in einer Gesamtausgabe erschienen.

Manfred Sommer (1933 – 2007) war ein spanischer Comic-Künstler, ein wesentlicher Repräsentant des Autorencomics. Seine Episoden um den Kriegsreporter Frank Cappa erschienen in den Jahren 1981 bis 1989 in spanischen Publikationen, bei uns verspätet und verstreut in verschiedenen Magazinen. Neu in die Gesamtausgabe ist nur eine Episode aufgenommen worden, was aber die Relevanz dieser Ausgabe keinesfalls schmälert. Den gesamten „Frank Cappa“-Zyklus in einem Band betrachten zu können, ist extrem sinnvoll, weil Manfred Sommer immer ein bisschen unterschätzt war. Hier sehen wir, warum das dringend korrigiert werden musste.

Frank Cappa, der Kriegsreporter, heißt natürlich nicht umsonst so, die Hommage an den großen Robert Capa, den Mitgründer der Agentur „Magnum“, ist evident, auch wenn Sommer darauf verzichtet, seinem Frank Cappa ähnliche ikonographische Bilder zuzuschreiben, wie sie Capa berühmt gemacht hatten. In einer Episode, „Der Süßwasserhai“, ermutigt er eine Kollegin, die eigentlich den Job als Kriegsreporterin verabscheut und keine Oriana Fallaci werden will, eine Szene aus dem Krieg der Sandinistas gegen die Contras in Nicaragua zu filmen – eine Aufnahme, die die Journalistin weltberühmt machen sollte. Aber wie Capa auch ist Cappa an allen Brennpunkten seiner Zeit anwesend. In Äquatorialafrika (fiktiv), in Vietnam. In Mittelamerika, in Brasilien, Afghanistan – und am Ende in einem fiktiven Barcelona, das gerade von den Sowjets überrannt wird.

Frank Cappa, von markigem Äußeren gezeichnet, ist kein Haudrauf (obwohl er durchaus ruppig werden kann), kein Zyniker, eher ein melancholischer Skeptiker mit leicht misogynen Zügen, der vor allem Ideologien misstraut und trotz seines Berufs durchaus als „medienkritisch“ bezeichnet werden darf. Das ist umso erstaunlicher, als der „Frank Cappa“-Zyklus ein Produkt der Transicíon ff ist, als in Spanien die populären Künste explodierten, endlich von den Zwängen des Franquismo befreit. Die kreative spanische Linke übernahm, zumindest in den 1980ern, die intellektuelle Lufthoheit, inklusive Anti-Kolonialismus, mit einem guten Schuss Anti-Amerikanismus. Man konnte die Gräuel des Vietnam-Krieges offen thematisieren, man war im Nicaragua-Konflikt deutlich Partei – und man pflegte eine Art emanzipatorische Romantik.

Das gilt auch für Manfred Sommer – allerdings mit leichten Verschiebungen. Einerseits – in den Nicaragua-Episoden – ist Frank Cappa vom Mut der Sandinistas im Kampf gegen Somoza beeindruckt, andererseits sieht er auch die Dialektik, die aus diesem Freiheitskampf bald schon ein genauso grausames Regime machen wird, dem zu widerstehen einen Menschen nicht unbedingt zum Contra macht. In den Äquatorialafrika-Episoden, in denen ein fiktiver Diktator die „Moderne“ mit extremer Gewalt gegen die traditionellen Lebensweisen des Landes durchsetzen will, beschäftigt Sommer sich mit der Rolle von europäischen Söldnern, die auf beiden Seiten kämpfen. Moral und Ethik lösen sich in Grauwerten auf, die Verlierer sind aber ganz klar die Menschen, die zwischen die Fronten geraten. Wobei Sommer Frontromantik gar nicht erst zulässt. Wo sie aufscheint, wird sie schnell von den brutalen Realitäten des Krieges konterkariert.

Nur in einer Episode, „Jamada“, sie spielt in Brasilien und ist wie alle Brasilien-Episoden koloriert, erlaubt er sich eine Art romantisierende Kontrafaktur von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Ein alter Fischer geht über Bord, wird vom Hai gefressen und kehrt (womöglich) als benevolente Möwe zurück. „Carnaval“ hingegen ist eine herzzerreißende Liebesgeschichte mit viel Tristeza, während „La Caza“ (= Die Jagd) einen bösartigen Kontrapunkt setzt. Da bekommt es Cappa mit einem abscheulichen Mafioso zu tun, der im Regenwald just for fun auf Menschenjagd geht (angesichts der Mordtouristen von Sarajewo, die gerade medial aktuell sind, kein allzu überraschendes Szenario). Leider übernimmt diese an sich sehr gelungen Episode das koloniale Vorurteil, indigene Stämme im Amazonas praktizierten gewohnheitsmäßig Kannibalismus, was auch längst widerlegt war. Apropos Rassismus: Leider habe ich das spanische Original nicht zur Hand – aber zumindest die Übersetzung lässt einen Vertreter der traditionellen Lebensweise in der Afrika-Episode diesen gewissen infantilen „Eingeborenen-Sprech“ stammeln, was eigentlich unter tempi passati fallen sollte – da wäre eine etwas inspiriertere Lösung vielleicht sinnvoller gewesen.

Spannend auch die Episoden, die in Cappas Heimat Kanada spielen. Da weicht er sogar in einem Fall vom Abenteuer-und-Kriegs-Genre ab und präsentiert einen klassischen Whodunit mit bitter ironischer Brechung. Und wir erfahren, dass Cappa bei schwarzen Pflegeeltern aufgewachsen ist, die er über alles liebt, und die ihrerseits eine üble rassistische Gewaltgeschichte über Generationen hinweg bis heute zu ertragen hatte. Von seinem Ziehvater lernt Cappa das Fotografieren, dessen Perspektive auf die Welt prägt auch die seine, was ein deutliches politisches Statement ist.

Die große Qualität von Manfred Sommers Geschichten liegt im perfekten Zusammenspiel von Story und den ausdrucksvollen, klaren Bildern, die oft wie Storyboards anmuten. Nahaufnahmen, Totale, Tableaus, Inserts, kaum eine Technik, die Sommer nicht beherrscht. Immer im Dienst der Geschichten, die sorgfältig komponiert, oft eine grimmige bis schwarzhumorige Komik haben, aber auf jeden Fall immer auch eine Pointe. Für Manfred Sommer ist die Welt noch erzählbar, bei aller Komplexität. Vor allem aber imponiert der Mut und das Risiko zum genauen Blick, auch wenn der an manchen Stellen unbequem sein mag. Einerseits voll im Zeitgeist, andererseits diesem Zeitgeist skeptisch gegenüber, auch voller Idiosynkrasien und dennoch fest auf die Conditio humana gerichtet und dieser verpflichtet. Deswegen zu Recht ein absoluter Klassiker mit Dauerhaltbarkeit.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 01.12.2025 auf: CulturMag

Manfred Sommer: Frank Cappa. Gesamtausgabe • Aus dem Spanischen von Maximilian Lenz • Avant-Verlag, Berlin 2025 • 362 Seiten • Hardcover • 50,00 Euro

Thomas Wörtche, geboren 1954. Kritiker, Publizist, Literaturwissenschaftler. Beschäftigt sich für Print, Online und Radio mit Büchern, Bildern und Musik, schwerpunktmäßig mit internationaler crime fiction in allen medialen Formen, und mit Literatur aus Lateinamerika, Asien, Afrika und Australien/Ozeanien. Mitglied der Jury des „Weltempfängers“ und anderer Jurys. Er gibt zurzeit das Online-Feuilleton CULTURMAG/CrimeMag und ein eigenes Krimi-Programm bei Suhrkamp heraus. Lebt und arbeitet in Berlin.