Waldsterben, Künstliche Intelligenz und Menopause: Fünf neue Graphic Novels

Was für Missstände herrschen in den Wäldern Europas? Kann man nach dem Tod als KI weiterleben? Und was machen eigentlich die Wechseljahre mit einem? Diese Comic-Neuerscheinungen geben Antworten.

Wunderwerk Wald – „Wald ohne Bäume“

Cladoxylopsida waren die frühesten baumähnlichen Wuchsformen. Zu ihnen gesellten sich Siegel- und Schuppenbäume, Bärlappgewächse – eine bedeutende Stufe in der Evolution von Zellen zu dem, was heute Lebensgrundlage auf unserem Planeten ist: Wälder. Ihre Überreste bildeten die Grundlage für Öl und Gas – deren Nutzung sie heute zerstört. Was Bäume ausmacht und welche Rolle sie spielen, visualisiert die deutsche Comicautorin Hanna Harms auf einzigartige Art und Weise.

Mit reduzierten Zeichnungen, die sich zwischen Grafik, Plakatkunst, Piktogrammen und Illustration bewegen, zeigt der Sachcomic, wie Bäume den Wasser- und Kohlenstoffkreislauf antreiben, von der molekularen Ebene bis zur Atmosphärik, von den Wurzeln bis zu den Samen. Der Auftritt des Menschen zerbricht das über Jahrtausende ausgefeilte Gefüge. Mit einer stoischen Ruhe veranschaulicht das Buch, was das bedeutet, lässt Fakten in klare Bilder fließen, begleitet von Textbausteinen, die Informationen in eine Art Poesie verwandeln.

Hanna Harms: Wald ohne Bäume • Carlsen, Hamburg 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

Liebe in Zeiten der Kriegswirren – „Sudetenlove“

Mehr als 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es immer noch weiße Flecken in der Geschichtsaufarbeitung: Einer davon ist das Schicksal der Sudetendeutschen, jener deutschsprachigen Minderheit, die in den tschechisch-slowakisch-polnischen Sudetengebieten lebte, zwischen die Fronten geriet und nach Kriegsende vertrieben wurde. Inspiriert von einer wahren Begebenheit, bettet der tschechische Illustrator Filip Raif in „Sudetenlove“ eine Liebes- in die Weltgeschichte. Als Hedwig, eine junge Deutsche, und Fritz, der aus einer deutsch-tschechischen Familie stammt, 1938 ihren ersten Sommer miteinander verbringen, braut sich bereits die Katastrophe des Krieges zusammen, der die beiden rasch auseinanderreißt.

Mit dem Fahrrad macht sich Fritz auf den Weg durch Europa, um Hedwig zu suchen. Es folgt eine Odyssee durch die Kriegswirren, samt Gefängnis, Desertation, Deportation. Mit zarten pastell-erdigen Farben, monochromen Flächen und klaren Linien, die an Plakatkunst erinnern, wirft Raif Schlaglichter auf den allzu oft widersprüchlichen Alltag unter einer Schreckensherrschaft – erfrischend unaufgeregt und mit einer einnehmenden Schlichtheit.

Filip Raif: Sudetenlove • Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer • Helvetiq Verlag, Basel 2026 • 240 Seiten • 22 Euro

Der Vampir und der Wohnungsmarkt – „Blutsauger“

Eine Wiener Altbauwohnung in einem Gründerzeithaus in guter Lage und das mit einem alten Mietvertrag – Hannah hat mit der Wohnung ihrer Oma richtig Glück. Bloß: Es scheint nicht mit rechten Dingen zuzugehen in dem schon ziemlich baufälligen Haus. Eine Nachbarin verstirbt plötzlich, auf dem Dach treibt sich eine seltsame Gestalt herum, und der Bewohner der Wohnung nebenan zeigt äußerst beunruhigende Anwandlungen: Herr Fürst trägt einen schwarzen Umhang, lässt sich nur nachts blicken und ähnelt auch sonst irgendwie einem Vampir wie aus dem Bilderbuch.

Zu allem Überfluss stehen ständig Vertreter einer Immobilienfirma vor Hannahs Tür, die sie mit allerlei fragwürdigen Mitteln hinausekeln und überreden wollen, ihre Wohnung aufzugeben. Der deutsche Comicautor und Wahlwiener André Breinbauer entfaltet mit „Blutsauger“ eine Gruselkomödie, in der sich der Horror der Immobilienhaie mit Bram Stokers Dracula und Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu verflechtet, soziale Ungleichheit auf schwarzen Humor und Wiener Lokalkolorit trifft.

André Breinbauer: Blutsauger • Carlsen, Hamburg 2026 • 248 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro

Fatale Bewusstseinsübertragung – „Die Summe seiner Teile“

Was bleibt vom Menschen, wenn nur noch sein Bewusstsein übrig ist? Diese Frage stellt sich der Science-Fiction-Comic „Die Summe seiner Teile“. Ein schwerer Autounfall ihrer großen Liebe Joshua reißt der Tänzerin Mara den Boden unter den Füßen weg. Da kommt das Angebot eines Forschungsteams, an einer streng geheimen Studie teilzunehmen. Während Joshua, er war Psychologe und Musiker, im Koma liegt, wird sein Bewusstsein gescannt. Nachdem die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt sind, folgt eine Art Auferstehung als KI. Per App auf einem Tablet kann Mara wieder mit ihrem Geliebten beziehungsweise einer Version davon kommunizieren.

Julia Zejn und Matthias Lehmann plotten in „Black Mirror“-Manier eine realitätsnahe Zukunft, in der sich bald die Abgründe der vermeintlichen Unsterblichkeit auftun. Gezeichnet in dynamischen Strichen, durchtränkt von Graustufen, stellt der Comic tiefgreifende Fragen nach Körperlich- und Menschlichkeit in Zeiten überbordender Digitalisierung – ein Gedankenexperiment, das aktuelle Longevity- und Transhumanismus-Trends auf den Boden holt.

Julia Zejn (Autorin), Matthias Lehmann (Zeichner): Die Summe meiner Teile • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 128 Seiten • 20,00 Euro

Auf der Hormonachterbahn – „Peri Meno“

Erst ist es nur eine Wolke, die sich immer wieder in den Bildern breitmacht. Bis sich schließlich ein großes, dunkles Gewitter zusammenbraut über dem Kopf der Protagonistin von „Peri Meno“ – ein treffendes Symbol für die Stimmungsschwankungen, mit denen Rinah Lang zu kämpfen hat. Mit knapp 50 Jahren findet sich die Berliner Illustratorin auf der Hormonachterbahn der Wechseljahre wieder. Was genau sich im Körper abspielt und welche Herausforderungen die Perimenopause, die Zeit vor der eigentlichen Menopause, tatsächlich mit sich bringt, erfährt man in diesem Sachcomic aus erster Hand.

Zugleich dröselt Lang auf, mit welchen Wissenslücken, gesellschaftlichen Erwartungen und Diskriminierungen der Umbau des weiblichen Körpers noch immer behaftet ist. Die launige, persönliche Erzählung schafft ideale Anknüpfungspunkte, unterfüttert mit medizinischen Fakten und Statements von Fachleuten. Ein Plädoyer für Gendermedizin – und eine Reise, die einiges an erhellenden Momenten bereithält.

Rinah Lang: Peri Meno • Carlsen, Hamburg 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

Dieser Beitrag erschien zuerst am 08.08.2026 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.