Avantgarde des Groschenromans – Loustal zeichnet Simenon

Der belgische Autor Georges Simenon ist ein Phänomen der Literatur-Geschichte. Ein Comic, gezeichnet von dem französischen Altmeister Loustal, erzählt die frühen Jahre des Autors. Die Zeit der wilden 1920er in Paris, in denen Simenon Erotik-Storys am laufenden Band produzierte und ein Liebhaber von Josephine Baker war.

Bevor Georges Simenon mit seinem Kommissar Maigret richtig berühmt wurde, war er vor allem berühmt für seine ungeheure Produktivität. Unzählige Storys, veröffentlicht unter unzähligen Autorennamen wie Germain d’Antibes, Aramis, Georges d’Isly, Monsieur le Coq, Plick et Plock, Jean Sandor und vor allem Georges Sim. Simenon schrieb Groschenromane und erotische Geschichten am laufenden Band, allein im Jahr 1928 sollen es 44 Romane gewesen sein. Er floh früh aus der Enge seiner belgischen Heimat Lüttich nach Paris, war dort unter anderem Akkordschreiber für die auflagenstarke Zeitung Le Matin, bei der die große Autorin Colette Literaturredakteurin war.

„Zu literarisch! Immer zu literarisch, Ihre Erzählungen! Aber jetzt sind Sie dabei zu verstehen, dass es darauf ankommt, mit Allerweltsworten zu schreiben – aber so wie niemand sonst.“ Diesen Rat von Colette befolgte George Simenon sein Leben lang. Sein nüchterner Stil beruhte auf einem reduzierten Wortschatz von nur rund 2000 Wörtern, wie Simenon-Forscher ermittelt haben. Ganz im Gegensatz zu dieser bewussten Reduktion steht die wilde Trance, in der Simenon schrieb.

Eruptiv, schnell bis zur totalen Erschöpfung, ohne vorher festgelegte Handlung oder Pointen – mit Geschichten, getrieben von einer inneren Logik seiner Figuren, von der inneren Getriebenheit des Autors, selbst passte Simenon ganz in die 1920er Jahren in Paris. In die Zeit der künstlerischen Experimente, des Jazz, der avantgardistischen Malerei und einer sexuellen Revolution, für die schon klischeehaft die Tänzerin, Sängerin und spätere Résistance-Kämpferin Josephine Baker steht. Über sie schrieb er: „Grimassen schneiden und begehrenswert bleiben. Was sage ich? Grimassen schneiden und umso begehrenswerter sein. Josephine Baker ist ein einziges großes Lachen, von ihrem schelmisch geglätteten Haar bis zu ihren unruhigen Beinen, die ständig in Bewegung sind. Ein intensiv gelebtes Leben, das man nur für einen Moment aufsaugen möchte.“

Privatsekretär und Geliebter von Josephine Baker war Simenon in den rauschhaften 20ern. Eine Zeit lang wollte er sie heiraten. Doch sein Macho-Ehrgeiz ließ ihn fürchten, ein Leben lang „Monsieur Josephine Baker“ zu sein. Dann erfand Simenon Kommissar Maigret, diesen kriminalistischen Kleinbürger mit dem feinen Gespür für die Fatalitäten des Lebens. Ein unverwechselbarer Charakterkopf des Kriminalromans war geboren und brachte Simenon den erhofften Erfolg. „Seine Schultern waren breit, auch sein Brustkorb und sein Gesicht. Er strahlte zugleich eine gewisse ironische Gutmütigkeit und ungewöhnliche Selbstsicherheit aus. ‚Kommissar Maigret‘, sagt er heiter, wie nebenbei.“

Der Comic „Warten auf Maigret“ schildert Simenons Leben vor dem literarischen Durchbruch. Und es war eine gute Wahl der Autoren, zu denen auch Georges Simenons Sohn John gehört, dass der französische Altmeister Loustal Simenons Leben gezeichnet hat. Loustal ist berühmt für seinen expressiv-kantigen Strich und seine expressiven Farben. Der Max Beckmann der Comic-Panels war in früheren Werken deutlich melancholischer und geheimnisvoller als jetzt bei Simenon. Aber gerade die Liebesnächste und Autofahrten ganz in höllischem Rot oder kaltem Nachtblau zeigen die Stärken von Loustal: Sein Stil deutet vieles nur an über die jungen Jahre von Simenon. So wie auch Kommissar Maigrets kriminalistische Rätsel oft nicht vollständig gelöst werden, sondern eine Ahnung von Aufklärung bleiben.

Das Interessanteste an dieser Comic-Biographie ist die Künstlerehe Simenons mit der Malerin Régine Renchon, genannt Tigy. In Loustals Comics spiegeln sich die wichtigen Ereignisse oft in den charaktervollen Gesichtern von Frauen. Und das ist auch hier so. Tigys Gesicht, ihr wissender Blick, ihr ironisches Lächeln stellen eine Frage: War sie es, die als skandalös empfundene Porträts von Prostituierten malte, und die vielleicht Simenon, dem kleinbürgerlichen Poeten des Gewöhnlichen, den freien Geist der Avantgarde vermittelt hat? Sodass ein Werk entstehen konnte, zugleich trivial und von verlockender Eigenwilligkeit.

In den schlichten Worten von Simenon: „Wir sind zu gierig auf das Leben, zu versessen auf unsere Freiheit, um lieben zu können und gemeinsam einen Weg einzuschlagen. Jeder von uns muss dem seinen folgen.“

Jean-Luc Fromental, José-Louis Bocquet, John Simenon (Autoren), Jacques de Loustal (Zeichner): Simenon, Warten auf Maigret • Aus dem Französischen von Christoph Haas • Carlsen, Hamburg 2026 • 128 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro

Max Bauer ist Redakteur in der ARD-Rechtsredaktion und berichtet u.a. vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Außerdem rezensiert er Comics für SWR Kultur.