Mary Shelleys „Frankenstein“ ist heute multimedial omnipräsent, aber selten wurde der Stoff so originell in den Comic übertragen wie in David Salas kürzlich erschienener Adaption. Ein Gespräch über die Angst vor dem Anderen und das Menschliche im Monströsen.
Es hat keinen eigenen Namen, ist aus vielen verschiedenen Körperteilen zusammengesetzt und wandelt in zahlreichen Varianten seit über 200 Jahren durch die Popkultur: Frankensteins Monster. Mary Shelley ist die eigentliche Schöpferin dieser Kreatur. Ihr Roman „Frankenstein“ ist ein literarisches Meisterwerk, das zeitlose Fragen nach Menschlichkeit und Verantwortung stellt.
Das hat auch den französischen Comic-Künstler und Illustrator David Sala begeistert. Er hat „Frankenstein“ zu einem wunderschönen Comic gemacht. Darin folgen wir dem staunenden, beinahe kindlichen Blick der Kreatur auf eine Welt, in der die Menschen die eigentlichen Monster sind. Kristine Harthauer hat mit David Sala über seinen Comic gesprochen.
Kristine Harthauer: Mary Shelleys Roman „Frankensteins“ ist Teil der Popkultur. Jeder hat Boris Karloff als Monster mit den Schrauben im Hals vor Augen. Es gibt viele weitere Verfilmungen und Adaptionen, wie die von Guillermo del Toro für Netflix, „The Bride“ mit Maggie Gyllenhaal und natürlich „Poor Things“ von Yorgos Lanthimos. Was fasziniert Ihrer Meinung nach die Popkultur an Frankensteins Monster?
David Sala: Ich glaube, es ist ein Buch, das nach wie vor aktuell ist. Und es wirft natürlich zahlreiche Fragen auf. Da ist zum Beispiel die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers gegenüber seiner Schöpfung. Als ich das Buch wieder gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass es auch um die Beziehung zum Anderen geht. Die Kreatur verkörpert unsere Angst vor dem Anderen, den wir nicht akzeptieren wollen. Und dieses Thema ist auch heute noch hochaktuell, obwohl das Buch schon über 200 Jahre alt ist. Ich denke, das ist die Stärke dieser Meisterwerke: Sie sind Meisterwerke, weil sie Fragen aufwerfen, die wir noch nicht vollständig beantwortet haben.

Als Sie das Buch von Mary Shelley zum ersten Mal gelesen haben: Erinnern Sie sich daran, welches Bild Sie damals von diesem Monster, von dieser Kreatur vor Augen hatten?
Ich habe das Buch gelesen, als ich sehr jung war, etwa fünfzehn Jahre alt. Ich konnte als Jugendlicher natürlich nicht anders, als dieses Buch durch die Brille all der anderen Bücher zu lesen, die ich damals gelesen habe, also Schauerliteratur, Phantastik und Science-Fiction-Literatur. Und mein Bild war auch stark vom deutschen Expressionismus geprägt und natürlich von der Literatur Edgar Allan Poes, H. P. Lovecrafts oder Bram Stokers. Mary Shelleys Roman war für mich Genreliteratur. Heute entdecke ich darin viel mehr Tiefe. Und ich konnte in meine Comicadaption sehr persönliche Elemente einbringen, die nicht unbedingt im Romanvorkommen. Das ist auch der eigentliche Vorteil einer Adaption: Man kann etwas Persönliches einbringen, und genau das habe ich versucht.
Was haben Sie eingebracht?
Ich habe eine weibliche Figur eingeführt, die im Roman nicht vorkommt: eine junge Frau, mit der ich den Blick auf dieses Wesen ein wenig weite. Im Roman kommt niemand dieser Kreatur zur Hilfe. In meinem Comic hingegen entdeckt das Wesen die Sanftheit dieser jungen Frau [die ihm hilft und ihm einen Mantel näht, Anm. KH]. Es entdeckt eine Menschlichkeit, die es bisher nicht kannte. So konnte ich zeigen, dass das Monster in Wirklichkeit kein Monster ist, sondern ein Kind. Und diese junge Frau behandelt es wie ein Kind, um das sie sich kümmern muss. Natürlich wird diese Menschlichkeit der jungen Frau von den Menschen brutal zerstört werden. Und die Kreatur wird herausfinden, dass – neben der Gewalt seines Schöpfers – die Menschen barbarisch sind. All das kommt im Roman eigentlich nicht vor. Der Mantel, den die junge Frau der Kreatur näht, steht für die Liebe, die sie ihm entgegenbringt. Dieser Mantel wird im ganzen Comic wichtig sein. Bis zur Schlussszene, in der das Geschöpf sich gegenüber seinem Schöpfer erhebt und sich um ihn kümmert. Und all das spielt sich im Roman so nicht ab.

Ich liebe diese Szene mit der jungen Frau und dem Mantel. Denn der Mantel besteht aus Patchwork. Er ist wie die Kreatur aus vielen Teilen zusammengesetzt. In seiner Struktur hat er mich an Gemälde von Gustav Klimt erinnert. Und die Hände und Füße der Kreatur an Bilder von Egon Schiele – sind das beabsichtigte Anspielungen?
Nicht bewusst. Als ich mir diesen Mantel zum ersten Mal vorstellte, war es Patchwork, eigentlich war es auch wie bei einem Harlekin, das war die Idee dahinter. Als ich ihn dann zeichnete, hatte er natürlich eine gewisse Eleganz, die an Klimt erinnert, aber ursprünglich war das nicht die Idee. Es ging mir darum, wie kleidet man ein Wesen, das 2,40 Meter groß ist? Und wie Sie sagen, die Kreatur besteht sozusagen aus menschlichen Fetzen, und der Mantel besteht aus Stofffetzen. Mir ging es auch darum, eine Verbindung zu zeigen, zwischen der Art, wie die Kreatur sich kleidet, und der Art, wie sie erschaffen wurde. Aber als ich dann später den Mantel koloriert habe, hat er stark an Klimt erinnert. Ich bin ein Bewunderer von Klimt. Meine Idee war aber auch, ihm mit den großen Ärmeln einen etwas eleganten, leicht japanisch anmutenden Touch zu verleihen, denn der Mantel hat auch etwas von einem Kimono. Aber später dachte ich schon, ja, stimmt, das sieht auch nach Klimt aus. Aber das war nicht die ursprüngliche Intention.
Sowohl der Mantel als auch die Kreatur sind in bunten Farben gemalt, die leuchtend und kräftig sind. Welche Bedeutung steckt hinter diesen Farben?
Sie stehen für Menschlichkeit. Der Mantel spiegelt wider, was die Kreatur ist, nämlich ein reines Wesen, ein Wesen, das, wie ich bereits sagte, im Grunde ein Kind ist und dazu in der Lage ist, die Schönheit der Welt zu bestaunen. Ich wollte einen Mantel entwerfen, der zu ihm passt. Ich wollte das Monster nicht als monströs darstellen – wie in manchen Filmen oder Büchern, wo es fast wie ein Untoter wirkt, fast wie ein Zombie. Ich wollte dem Geschöpf einen Anflug von Schönheit verleihen, denn dadurch wirkt die Ablehnung gegen ihn viel härter. Man lehnt den anderen nicht ab, nur weil er ein Monster ist, sondern weil er uns nicht gleicht. Die bloße Tatsache, anders zu sein, reicht aus, um abgelehnt zu werden.

Die Frage nach der Menschlichkeit steht im Mittelpunkt Ihres Comics. Und Sie haben es bereits angesprochen: Ich habe auch den Eindruck, dass diese Kreatur menschlicher ist als die Menschen selbst.
Hier gibt es natürlich eine Verbindung zwischen diesem Buch und meinen früheren Werken. Ich habe mich mit der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig beschäftigt und auch meinen Comic „Das Gewicht der Helden“ überarbeitet, in dem es um meine Großeltern geht – um Menschen, die Ausgrenzung und ideologische Brutalität erlebt haben. Die bloße Tatsache, anders zu sein, anders zu denken, reichte manchen schon aus, um sie vernichten zu wollen.
So kam ich zu der jungen Frau in meiner „Frankenstein“-Adaption, die gelyncht und misshandelt wird. Es steht auch für das, was in unserer Geschichte tatsächlich geschehen ist, wo manche Menschen ebenfalls schnell und willkürlich von Menschen verurteilt wurden, die glaubten, die Wahrheit zu kennen. Und ich habe den Eindruck, dass wir in einer Welt leben, in der bestimmte Ideen leider wieder auftauchen. Man sieht das in den Vereinigten Staaten: Dort ist man in der Lage, Menschen auf der Straße zu jagen – die Fiktion verschmilzt mit der Realität. All das haben wir schon mal erlebt, und es fällt uns immer noch sehr schwer, Unterschiede zu akzeptieren, andere Sichtweisen zu akzeptieren. In „Frankenstein“ kommen diese Themen zusammen, und am Ende ist es schwierig, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, denn auch die Kreatur tötet. Es ist eine Erzählung, die meiner Meinung nach viele Fragen aufwirft. Es gibt viele Grauzonen, es gibt nicht die eine Wahrheit.
Wenn wir über das Thema Menschlichkeit sprechen, muss ich auch an Augen denken, die in Ihrem Comic eine zentrale Rolle spielen. Die Kreatur hat zwei unterschiedliche Augen, die Menschen hingegen besitzen sehr große Puppenaugen. Der französische Philosoph Jacques Lacan unterscheidet zwischen dem Blick und dem Auge. Und ich habe mich gefragt, welche Rolle für Sie der Blick spielt, den die Kreatur auf die Welt wirft, und der, den die Welt auf die Kreatur wirft?
Ich habe vorhin von der Wahrheit gesprochen und davon, dass die Wahrheit in Wirklichkeit oft eine Frage der Sichtweise und des Blickwinkels ist – es geht darum, wie man den anderen betrachtet. Man kann ihn sehen, wie man ihn sehen will: Der Anblick dieses Wesens ändert sich nicht. Die junge Frau beschließt, in ihm ein reines Wesen zu sehen, und andere beschließen, es als Feind zu betrachten. Natürlich ist alles, was uns umgibt, und alles, was wir erleben, nur eine Frage der Haltung und der Sichtweise. Wenn man beschließt, die Welt positiv zu sehen, wird man erkennen, dass es in Wirklichkeit viele schöne Dinge gibt, dass es viele außergewöhnliche Menschen gibt. Man muss sich nur darauf einlassen, den Blick zu öffnen – der Blick ist ein Teil der Seele, und kann alles ändern. Aber wenn man beschließt, nicht hinzuschauen, wird man es natürlich nie erfahren.

Ihr „Frankenstein“-Comic kommt mit sehr wenig Text aus. Sie erzählen die Geschichte fast nur über Bilder. Trotzdem handelt es sich ja um eine Adaption des Romans von Mary Shelley. Welche Freiheit bietet Ihnen der Comic, dass Sie mit Bildern erzählen können und fast keinen Text benötigen?
Der ist Comic ist ein äußerst facettenreiches Medium, und je mehr ich damit arbeite, desto mehr stelle ich fest, dass es eine außergewöhnliche Art des Erzählens ist. Es ähnelt weder Romanen noch dem Kino, es hat eine ganz eigene Sprache. Das Buch von Mary Shelley ist außergewöhnlich, und es braucht mich eigentlich gar nicht. Wenn ich mich entscheide, es zu adaptieren, dann tue ich das, weil ich die Möglichkeit habe, die Geschichte auf meine eigene Art und damit auch anders zu erzählen. Manchmal brauche ich den Text, und manchmal ist der Text nicht notwendig. Für mich dreht sich im Comic alles um die Emotion, und alles trägt zur Erzählung bei – das kann ein Bildausschnitt sein, das kann eine Abfolge von Panels sein, die Sinn ergibt. Es ist die Art und Weise, wie man eine bestimmte Farbe einsetzt, die ein Gefühl ausdrückt. Und natürlich erlaube ich mir grafische Freiheiten, die nur der Comic bieten kann. Etwa einen fast surrealistischen Wald zu zeichnen. Und die junge Frau, die der Kreatur hilft, ist stumm. Meine Idee dahinter war: Ich erzähle die Geschichte aus der Perspektive dieses Wesens, und dieses Wesen beherrscht die Sprache nicht. Also kann es nicht verstehen, was mit ihm geschieht, daher muss diese Szene stumm sein. Indem ich auf Text verzichte, verleihe ich der Szene eine eigene Bedeutung. Ich verwende also Worte erst dann, wenn ich keine anderen Mittel habe.
Und ich hoffe natürlich, dass die Leser in jedes Bild eintauchen. Gerade, wenn kein Text vorhanden ist, hoffe ich, dass der Leser im Bild verweilt und versucht die Emotion zu spüren, die ich vermitteln möchte. So liest man Mary Shelleys Roman auf eine andere Art. Im Comic gibt es eben Passagen, in denen die Farbe mehr erzählt als die Figuren. All das versuche ich zu nutzen – alle Möglichkeiten, die mir der Comic bietet.
War es das erste Mal, dass Sie die Gouache-Technik verwendet haben?
Es war auf jeden Fall das erste Mal, dass ich diese Technik für einen kompletten Comic verwendet habe. Ich habe mit Gouache schon in „Das Gewicht der Helden“ gearbeitet. Und zwar in allen Szenen, die entweder im Konzentrationslager oder im Krieg spielen. Alle Rückblenden wurden mit Gouache gemalt. Normalerweise verwende ich in jedem Comic eine eigene Technik. Und diesmal habe ich gemerkt, dass mir Aquarell oder Tusche nicht genug Substanz gibt. Ich habe Substanz in der Illustration gebraucht. Wenn ich Kinderbücher illustriere, verwende ich Ölfarbe, aber im Comic ist das weniger geeignet – es trocknet zu langsam. Deshalb brauchte ich etwas anderes. Und Gouache war perfekt. Dadurch konnte ich sogar Werkzeuge benutzen, die im Comicbereich selten zum Einsatz kommen, wie etwa ein Messer. Das Messer ist eine Art Spachtel, mit dem man diese Farbaufträge und eine stärkere Textur erzielen kann. Ich versuche bei jedem Comic, ein Werkzeug zu finden, das mir das Maximum an Ausdruckskraft bietet, um das, was ich erzählen möchte, so treffend wie möglich darzustellen.
David Sala: Frankenstein • Aus dem Französischen von Katharina Kral • Bahoe Books, Wien 2026 • Hardcover • 236 Seiten • 32,00 Euro
Kristine Harthauer ist Kulturjournalistin und moderiert bei SWR2 die Sendungen „Kultur Aktuell“, das „Journal am Mittag“ und das „SWR Kultur Gespräch“, außerdem den Podcast „Was geht, was bleibt“. Wenn sie nicht moderiert, rezensiert sie Comics, Romane und Sachbücher und ist für alles zu begeistern, was zum Nachdenken anregt, Debatten auslöst und neue Welten öffnet.

