AEROPOSTALE – Die neue Konzeptreihe erinnert an legendäre Piloten

Monströse Urzeitwesen, globale Alieninvasionen, geheime Regierungsexperimente, archaische Götter, die jede naturwissenschaftliche Gewissheit Lügen strafen – das Themenspektrum des französischen Comicszenaristen und –zeichners Christophe Bec (Carthago, Prometheus, Bunker, Heiligtum) ist fest in der Phantastik verankert. Seine Serien neigen zum Epos, oft etabliert der Auftaktband nicht mehr als eine erzählerische Prämisse, und die kontemplative Ästhetik hat viel von den Hollywood-Blockbustern James Camerons gelernt. Bei Bec geben stets die Schauplätze und latent apokalyptisches Unbehagen den Ton an; die Welt könnte leicht aus den Fugen geraten, wenn man nur lange genug das Meer erforscht oder den Himmel beobachtet.

Insofern ist seine neu startende Reihe „Aeropostale“ eine Übung in Selbstbeschränkung. Ganz irdisch sind die Abenteuer, um die es geht, nämlich, wie die Unterzeile annonciert, um „legendäre Piloten“, die sich durch ein verhängnisvolles Manöver in die Geschichte eingeschrieben haben. Kompakt ist zudem der Umfang: Jeder in sich abgeschlossene Band erzählt die mal tragische, mal heldenhafte Geschichte eines Piloten. Den Auftakt macht Henri Guillaumet. Der Luftfahrtpionier und Postpilot der französischen Luftpostgesellschaft Aeropostale stürzte 1930 beim Versuch, die argentinischen Anden zu überfliegen, ab. Sein tagelanger Überlebenskampf ist auch literarisch verbürgt: Antoine de Saint-Exupéry widmet ihm in der Erlebnisberichte-Sammlung „Wind, Sand und Sterne“ eine Episode. In diesem Band tritt er als Guillaumets Freund und Kollege in Erscheinung.

Technikfetischismus und Lobgesänge auf Individualheroismus haben bei Bec keinen Platz. Ihn interessiert die Reaktion seiner Figur auf eine Extremsituation (weswegen die Charakterisierungsversuche des ersten Drittels auch eher leidlich geraten sind). Das führt zur paradoxen Voraussetzung, dass sich seine Fliegergeschichte weniger in der Luft denn auf dem Land abspielt. Gleichfalls bürstet Bec den Konservatismus des Genres gegen den Strich und besetzt ihn mit seinen wohlbekannten Fatalismus. Denn ob sich die Apokalypse als weltweites Inferno ereignet oder sie zum Einzelschicksal inmitten der Naturhölle aus Eis und Fels herunter gebrochen wird, tut der Spannungsfrage keinen Abbruch. Packend liest sich Guillaumets Martyrium allemal. In den bereits angekündigten Folgebänden zu Jean Mermoz und Paul Vachet wird sich zeigen, auf wie viel Programmatik diese Perspektivverschiebung fußt.

Hier gibt es eine Leseprobe.

Christophe Bec, Patrick A. Dumas: Aeropostale – Legendäre Piloten. Band 1: Henri Guillaumet. Splitter, Bielefeld 2015. 56 Seiten. 14,80 Euro