WILSON – Daniel Clowes’ Misanthrop ist wieder da

Mit „Wilson“ startet am 29.6.2017 die zweite Verfilmung eines Comics des US-amerikanischen Künstlers Daniel Clowes. Bereits 2001 setzte Terry Zwigoff (dessen Comicaffininät bereits sein Debütfilm, die brillante Künstler-Dokumentation „Crumb“, verbürgte) einen Standard mit Indie-Spirit: „Ghost World“ hatte die jungen Thora Birch, Scarlett Johannson, Steve Buscemi, das script von Clowes selbst sowie als Grundlage eine bizarr-poetische, vielleicht auch etwas manische Coming-of-Age-Erzählung innerhalb aus heutiger Sicht geradezu unbekümmerter Produktionszusammenhänge zu bieten; „Wilson“ schickt 16 Jahre später Woody Harrelson als Hauptfigur, ein weiteres Drehbuch von Daniel Clowes und einen ziemlich gebeutelten Filmbetrieb ins Rennen, den die Figuren aus „Ghost World“ gewiss noch mit allerlei geißelnden Tiraden bedacht hätten. Es wird kein leichtes Unterfangen, zumal die Comicvorlage thematisch ganz und gar im Dienst ihres eigenen Mediums steht.

Wilson“ erschien bereits 2010 bei Eichborn, wird aber nun im Zuge des Kinostarts in einer perfekten Edition vom Reprodukt Verlag neu herausgebracht, der vor 25 Jahren (dazu hier Verlagsinhaber Dirk Rehm im Gespräch) u.a. mit der Veröffentlichung von Clowes Frühwerk „Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ seine Publikationsgeschichte begann und seitdem Clowes’ Meisterwerke ins Deutsche übersetzt.

Clowes präsentiert seinen titelgebenden Antihelden in 70 einseitigen Strips und verweist so auf die Urform und Blütezeit des Comics als Sonntagsbeilage der US-amerikanischen Tagespresse in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum meist doch recht freundlichen Figurenarsenal dieser Zeit ist Wilson allerdings ein misanthropisches Arschloch, das seine Mitmenschen selbstgefällig penetriert, dem Clowes jedoch eine Entwicklung angedeihen lässt. Er bedient sich dazu ganz unterschiedlicher Stile: Stets farbig, mal realistisch gezeichnet, dann wieder in klassischer Cartoongestalt verfremdet, manchmal gar zum Kind rückentwickelt, wird aus der eindimensionalen Figur, die der Serialität des Funny-Prinzips entspricht, peu à peu ein Individuum samt Biographie – die indes Wilsons Dasein nur noch trostloser macht. Von einem Strip zum nächsten können schlagartig Jahre vergehen. Wenn Wilson sich beispielsweise auf die Suche nach einer geschiedenen Frau begibt und dabei eine sehr unangenehme Begegnung mit seiner Tochter hat, füllen die Leerstellen zwischen den Dialogen nur die Leser/innen mit ihrem Vorwissen. Nur uns adressiert Wilson, zu uns spricht er freimütig, während er auf andere Figuren bloß reagiert. Deswegen erscheinen uns die Beziehungen zu ihnen als Katastrophe, die uns umso mehr erschüttert, je mehr wir über die Umstände ihrer Entstehung wissen. Auf diese Weise wird zwar der Wille zum Mitgefühl zum Kraftakt, doch das Arschloch Wilson entwickelt sich zum Symptom einer verkorksten Welt, die ihre Bewohner mit Spott zu ersticken droht. Dass der Autor sie dennoch mit so viel Hingabe in den bizarrsten Ausformungen porträtiert, aber nie der reinen Verachtung preisgibt, weist ihn als empathischen Beobachter aus. Ein Strippenzieher würde sich mit Ressentiment begnügen, allein mit dem Witz Wilsons oder dem Abscheu vor seiner Person hantieren. Daniel Clowes hingegen zertrümmert Wilsons physische Identität und das Erzählprinzip der Zeitungscomics und macht so aus den Pointen eine unangenehme, ganz und gar nicht befreiende Angelegenheit.

Daniel Clowes: Wilson. Aus dem amerikanischen Englisch von Doris Engelke. Reprodukt, Berlin 2017. 80 Seiten. 20 Euro