DER RUHM MEINES VATERS – Marcel Pagnols Roman als Comic-Adaption

Nach dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Marcel Pagnol. Wer? Nie gehört? Nun, Marcel Pagnol (1895 – 1974) mag in Frankreich wesentlich berühmter sein als hierzulande. Er machte sich dort als Schriftsteller, Theater- und Drehbuchautor, als Regisseur und Produzent einen Namen (Fun Fact: sein vorletzter Film, „Briefe aus meiner Mühle“, ist gleichzeitig eines der ersten Comics, die Eckart Schott als Verleger veröffentlichte). In erster Linie jedoch haben sich seine Romane im Bewusstsein der Franzosen eingeprägt und hier vor allem die drei- bzw. vierteilige Roman-Reihe, die bei uns als „Eine Kindheit in der Provence“ bekannt ist und in der er seine frühen Erinnerungen aufschrieb, bzw. fantasievoll ausschmückte. Eben das „normale“ Leben mit all mit all seinen Mühen und Freuden. Dies tat er so liebevoll, schmunzelnd und nicht zuletzt heimatverbunden, dass jene Bücher bis heute ungebrochen populär sind und in französischen Schulen als Standard-Lektüre gelten. 1990 wurde „Der Ruhm meines Vaters“ und der Nachfolger, „Das Schloss meiner Mutter“, von Yves Robert erfolgreich verfilmt und nun ist endlich die Zeit gekommen für eine Comic-Adaption, die bei Splitter erscheint.

In „Der Ruhm meines Vaters“ berichtet Pagnol zunächst über den Werdegang seiner Eltern. Der Vater Joseph ein Lehrer, der es schnell zu Ansehen und einem gewissen Einkommen brachte, die Mutter Augustine (eigentlich Pauline) eine Schneiderin. Die Familie lebt um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert, klar) zwar bescheiden, aber nicht wirklich arm in St. Loup, einem Stadtteil von Marseille. Bald wird Marcels jüngerer Bruder Paul geboren und später dann auch seine Schwester Germaine. Enge Freunde der jungen Familie werden Augustines Schwester Rose und deren Mann Jules. Und das, obwohl Jules ein gottesfürchtiger Mann ist, während Joseph von Religion nichts wissen will (wobei man sich freilich auch als Freunde trotzdem weiter vornehm siezt).

Marcels Kindheit verläuft also erfrischend unbeschwert und erlebt ein Highlight in den Ferien, als beide Familien beschließen, erstmals eine alte Villa im Nordosten Marseilles zu mieten, mitten in der Natur, mitten in der Provence, jenes bergigen und zerklüfteten wie trockenen Landstriches. Ein riesiger Abenteuerspielplatz für Marcel und seinen Bruder. Und für die Erwachsenen. Denn während Marcel und Paul, inspiriert von Coopers „Der letzte Mohikaner“, Indianer spielen, bereiten sich die beiden Herren auf ein besonderes Event vor: sie wollen auf die Jagd. Marcel geht ganz selbstverständlich davon aus, dabei zu sein, quasi als mobile Verpflegungsstation. Aber für seinen Vater ist das zu gefährlich, weshalb man sich in aller Frühe alleine aufmacht. Doch Marcel riecht Lunte, heftet sich den Herren an die Fersen und begibt sich dabei in Gefahr. Am Ende geht alles gut und schließlich steht sein Vater als Jagd-Novize als strahlender Sieger da.

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Wie auch die Erzählweise dieses Bandes. Was man nicht mit Langeweile verwechseln darf. Vielmehr wird die Geschichte aus (Kinder-) Sicht von Marcel bedächtig erzählt, nimmt sich viel Zeit für die Personen und für kleine Episoden, die die Handlung zwar nicht unbedingt voranbringen, die aber viel zur Atmosphäre beitragen. Sommer, Ferien, Abenteuer. Im Stile eines Heimatschriftstellers, gekreuzt mit Werken Mark Twains oder Astrid Lindgrens lässt Pagnol sein junges Ich eine unbeschwerte Jugend erleben, die ihren Höhepunkt in den Ferien im Landhaus in der Provence findet. Zwar spielen Marcel und Paul keine Streiche, sie entdecken aber unbeschwert und spielerisch ihre Welt – immer schön aus Kindersicht – was zu amüsant erschrockenen Episoden führt (der Bauchnabel als Knopf für die Entbindung oder diverse „Spielchen“ mit Insekten). Am Ende stiehlt der Vater Joseph seinen Söhnen die Schau, als er sich stolz wie ein Gockel ob seines Jagderfolges im Dorf feiern lässt, ein Erfolg, an dem Marcel entscheidenden Anteil hat.

Viel Lokalkolorit und eine große, liebevolle Hommage an Pagnols Heimat, garniert mit leichtem, fluffig-schelmischem Humor (dass hier irgendetwas Schlimmes passieren könnte, fällt einem im Traum nicht ein) prägen den Band, der die sicher auch verklärt und mit fiktiven Details ausgeschmückte Jugend zeigt und den Vater am Ende in den Fokus rückt. Genauso massentauglich sind die Zeichnungen von Margann Tanco, die die Geschichte bisweilen semirealistisch, mit großen Kinderaugen, erzählt und die auch farblich sommerlich daherkommen. Ein kleines Dossier über Marcel Pagnol mit zahlreichen Bildern rundet den Band ab. Der Nachfolger, der sich dann mehr mit Marcels Mutter beschäftigt und der vom gleichen „Adaptions-Team“ in Szene gesetzt wird, steht bereits in den Startlöchern und wird als „Das Schloss meiner Mutter“ im Oktober bei Splitter erscheinen.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Serge Scotto, Éric Stoffel, nach Marcel Pagnol: Der Ruhm meines Vaters. Splitter Verlag, Bielefeld 2017. 96 Seiten, 19,80 Euro