AXEL F., DER HEXER VON BONN – Oder: Wie eine Comic-Serie die Bastei-Chefetage zum Erbeben brachte Teil 1

Seit 1977 schrieb der Schriftsteller und Comicautor Peter Mennigen zunächst deutsche Geschichten für Comicreihen wie „Gespenster Geschichten“, „Spuk Geschichten“, „Conny“, „Biggi“, „Vanessa“, „Felix“, „Lasso“, „Phantom“, „Axel F.“ und zahlreiche weitere Serien des Bastei Verlags. Ab den 90er Jahren arbeitete er für andere Verlage wie Egmont (Disney-Magazine), Panini (Jessy, Sternentänzer, Willi will‘s wissen) und Ravensburger (u.a. Fix und Foxi). In dieser Zeit verfasste er auch internationale Comics: „Lucky Luke“, „Schlümpfe“, „Bessy“ und „Isnogud“. Aktuell arbeitet er zusammen mit Ingo Römling an der Mystery-Steampunk-Serie „Malcolm Max“. Für comic.de blickt er in unregelmäßigen Abständen zurück auf seine Arbeit im deutschen Comicverlagsgeschäft.

Hier findet sich der 2. Teil zu „Axel F.“.

1. Die Entstehung

Die Idee zu „Axel F.“ entstand an einem Freitagabend im Frühjahr 1988. Nachmittags hatte ich mich mit den Redakteuren der Jugendredaktion des Bastei Verlages über verschiedene Comic-Serien ausgetauscht, die ich seinerzeit schrieb. Abends lud mich der Chefredakteur Werner Geismar nach Köln in ein italienisches Restaurant ein. Während des Essens sprachen wir natürlich auch über Comics.

Damals befand sich das Comic Programm der Bastei Jugendredaktion im Umbruch. Serien, die über ein bis zwei Jahrzehnte für den Erfolg gestanden und es zu einigen hundert Ausgaben gebracht hatten, erwiesen sich als nicht mehr zeitgemäß. Einstige Zugpferde wie „Bessy“, „Lasso“ oder „Silberpfeil“ waren aufgrund rückläufiger Auflagenzahlen bereits eingestellt oder ihr Ende war absehbar.
Es war an der Zeit eine neue Richtung einzuschlagen. Weg von den biederen Geschichten über brave Cowboys und Indianer hin zu Storys, die inhaltlich das alte „Bastei“-Schema durchbrachen. Neue Käuferschichten generieren mit – für Bastei-Verhältnisse – ausgereifteren Comic-Geschichten. Storys mit Inhalten für Jugendliche, die den üblichen Bastei Comics entwuchsen. Dreizehn- bis Sechszehnjährige, die sich mehr und mehr für Musik und Mädchen interessierten.

Auf Grundlage dieser Überlegung ließen Werner Geismar und ich an jenem Abend unserer Kreativität freien Lauf. Aus dem Stegreif entwickelten wir einen Comic mit paranormalem Hintergrund, der im Hier und Heute in einem urbanen Umfeld spielte. Mit facettenreichen Protagonisten, ein bisschen Sex und real existierenden Handlungsorten, die der Leser bei Belieben aufsuchen konnte. Nach und nach konkretisierten wir das thematische Umfeld der Serie, arbeiteten Charaktere aus und sponnen Handlungsstränge über Verschwörungen dunkler Mächte.

Als Titel für die neue Serie schlug Werner Geismar „Axel F.“ vor, nach dem damals gerade populären und megaerfolgreichen Soundtrack des Films „Beverly Hills Cop“ von Harold Faltermayer. Handlungsort sollte zunächst Köln sein. Ich bevorzugte allerdings Bonn. Zum einen lag Bonn mit ca. 20 Kilometern viel näher an meinem Wohnort als Köln mit etwa 60 Kilometern. Zum anderen kannte ich mich in Bonn viel besser aus. Was insofern wichtig war, weil die Zeichner mit meinen Skripten auch Fotos von den Handlungsorten der jeweiligen Geschichte bekommen sollten. Es wurde ein langer Abend, an dessen Ende das grobe Konzept von „Axel F.“ stand.

Auf dessen Basis arbeitete ich übers Wochenende zunächst die einzelnen Charaktere aus. Protagonist war der Student Axel F., der in einer Dachgeschosswohnung in der Bonner Innenstadt wohnte. Sein soziales Umfeld bestand aus einem überkorrekten Kommilitonen, seiner Hausmeisterin und seiner hinreißenden Freundin Nicole. Nicht nur, dass Axel F. in einer Walpurgisnacht zur Welt kam, in seinen Adern floss auch das Blut einer Hexe. Diese ominöse Vorfahrin fungierte ab und an als Menetekel aus dem Jenseits, indem sie ihrem Nachfahren als Geist erschien und vor möglichen Gefahren warnte. Als kleine Reminiszenz an den „Geburtsort“ der Serie bekam auch Giovana, die attraktive Besitzerin des italienischen Restaurants in Köln, eine feste Rolle als Verbündete des Helden.

Nachdem der Cast feststand, schrieb ich den Plot für die Pilot-Geschichte und schickte alles montags zum Verlag. Werner Geismar ergänzte das Ensemble noch um einen Onkel Ludwig und dessen Haushälterin Ännchen als Axels Widersacher, denen er regelmäßig ihre sinisteren Pläne durchkreuzen konnte. Axels netter Kommilitone wurde zu Freddy, einem windigen Typen aus Bonns schillernder Halbwelt. Nachdem ich das Exposé und – nach positivem Feedback – das Skript geschrieben hatte, machte ich in Bonn zahlreiche Fotos von den Handlungsorten für die Zeichner:

FULGENCI CABRERIZO, von ihm stammen die meisten „Axel F.“-Geschichten. Im Lauf seiner Karriere setzte er neben „Tarzan“ und „Korak“ auch zahlreiche meiner Skripte für „Gespenster Geschichten“ und „Arsat der Magier von Venedig“ zeichnerisch um.

JAIME BROCAL REMOHI
Außer „Axel F.“ zeichnete der 1936 in Valencia geborene Spanier etliche meiner „Gespenster Geschichten“ Szenarios. International bekannt wurde er durch seine Serien „Kronan“ und „Tarzan“. Dazu kamen Arbeiten für die amerikanischen Magazine „Heavy Metal“, „Eerie“ und „Creepy“. Am 29. Juni 2002 verstarb Jaime Brocal Remohí in Valencia, Spanien.

„Axel F.“ fiel nicht allein wegen seines Inhalts aus dem üblichen „Bastei-Rahmen“. Auch das Überformat mit den grandios gemalten Covern trug seinen Anteil bei. Die Titelbilder stammten von Ugurcan Yüce, der auch viele Umschlag-Illustrationen für die „Geister Geschichten“ und „Manos der Dämonenjäger“ anfertigte.

UGURCAN YÜCE wurde 1947 in Istanbul geboren und lebte ab 1980 in Deutschland. Er verstarb im Februar 2015 in Stuttgart.

Der „Axel F.“-Comic hatte 24 Seiten Umfang. Hinzu kamen auf 20 bis 21 Seiten mehrere inhaltlich ziemlich abgefahrene Science Fiction/Horror Comics vom englischen Verlag „Fleetway“. Heft #1 kam im Juni 1988 auf den Markt. Die Verkaufszahlen gingen zwar nicht durch die Decke, waren aber gut. Die VK-Auflage von Heft #2 blieb auf diesem Niveau. Den Lesern von Heft 1 gefiel also die Serie. Auch bei den folgenden Ausgaben waren die Verkaufszahlen stabil, die Serie hatte sich etabliert. Eigentlich ein Grund zur Zufriedenheit. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nichts von den dunklen Wolken, die sich über „Axel F.“ zusammenbrauten. Und zwar aus einer Richtung, die keiner erwartet hatte.

Fortsetzung folgt…