„Ich möchte nicht zur Elitenbildung beitragen“

Wuppertal ist Engels-Stadt, und Wuppertal ist Karikatur- und Satire-Stadt. Einige bekannte Künstler dieses Genres leben und arbeiten hier; Friedrich Engels selbst hat Karikaturen gezeichnet. Da versteht es sich, dass zu seinem 200. Geburtstag eine satirische Buch-Publikation mit Cartoons und kritisch-komischen Texten aus dieser Stadt kommen muss.

Der Band „Engels-Gesichter“ vereint komisch-satirische Bilder und Texte, die sich auf Friedrich Engels und seine Arbeiten beziehen. Herausgegeben wird der Band von dem Wuppertaler Cartoonisten André POLOczek bei der Edition 52 und die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die an dem Buch mitwirken, kann sich sehen lassen.

Michael Hüster: Hallo, André. Wie entstand die Verbindung zur Edition 52?
André POLOczek: Ich kenne die Edition 52 schon sehr lange, weil ich jahrelang als Comic-Fachjournalist gearbeitet habe. In dem 2007 erschienenen Bergischen Cartoon-Sampler „Aus dem Tal hat man ein Gelächter gehört“, der ja in diesem Verlag erschienen ist, bin ich auch als Cartoonist vertreten. Von daher war der Kontakt zur Edition 52 sehr naheliegend.

André POLOczek (Hrsg.): „Engels-Gesichter“.
Editon 52, Wuppertal 2019. 120 Seiten. 22 Euro

Wer hatte die Idee zu „Engels-Gesichter“?
Die Idee, mich als „Komischen Künstler“ zu fragen, ob ich nicht etwas zu Engels machen wolle, kam von der Stadt Wuppertal. Wenn du den Titel als solchen meinst, dann war das Max Christian Graeff, ein „Hans Dampf in allen Gassen“, der in der Frühphase des Buches wichtige Arbeit geleistet hat.

Wie entstand dann die Idee, daraus einen Themenband zu machen, an dem viele Künstler mitwirken?
Das war von Anfang an klar. Ich habe 2016 einen Bild- und Textsatire-Band zum Thema Bier im Lappan Verlag herausgegeben: „Prost – das Buch zum Bier“. Damals feierte das Deutsche Bier-Reinheitsgebot sein 500. Jubiläum. Und das „Prost“-Konzept hat sich bewährt: Cartoons, Fotos, komische Dichtung, Vorlesetexte, einfach alle Genres und viele Künstler, die sich für eine Themen-Anthologie anbieten. So kriegt man dann das Beste vom Feinen.

Wie muss ich mir das Entstehen vorstellen? Wurden den Mitwirkenden konkrete Ideen vorgegeben, oder war der große Rahmen einfach Engels und alle hatten freien Gestaltungsspielraum?
Ideen vorgeben? Nee! In meiner Anfrage-E-Mail an die Autorinnen und Autoren hatte ich einige Stichworte genannt, um das Themenfeld – allerdings recht weiträumig – abzustecken. Dass es um Friedrich Engels, Kommunismus, Dialektik, Sozialismus, Kapitalismus und Kapitalismuskritik, Kommunismus als Staatsideologie (DDR, UdSSR, China, Kuba…), Arbeit, Proletariat, neue Linke und alte Linke ginge.

Welche Engels-Themen wurden im Buch beispielsweise in Wort und Bild umgesetzt?
Es war dann schon so, dass sich die Autorinnen und Autoren an den von mir vorgegebenen Themen orientiert haben. Das hat bei der Zusammenstellung der Beiträge sehr geholfen. Interessant war aber, dass sich – ich nenne sie einmal Themenblöcke – gebildet haben, die ich gar nicht genannt hatte, etwa „Miete und Obdachlosigkeit“, „Banken“, aber auch „Bärte“ – junge wie alte. Dazu habe ich jeweils einige sehr treffende Cartoons und Texte bekommen. Das Buch hat keine Kapitel im engeren Sinn, aber was inhaltlich zusammengehört, steht auch beieinander.

Seite aus „Engels-Gesichter“ (Edition 52)

Hast du eine Deadline gesetzt, bis wann jeder seine Beiträge abliefern musste?
Na klar! Ohne Terminierung kannst Du so ein Buchprojekt wie „Engels-Gesichter“ gar nicht machen. Dennoch gab es ein paar Ausnahmefälle, die „out of the deadline“ lagen. Dann nämlich, wenn ich auf Cartoons aufmerksam wurde, die ich gerne im Buch haben würde. Da habe ich dann – da hat mein Netzwerk super funktioniert – Zeichnerinnen und Zeichner einfach gefragt, ob sie mir ihren Cartoon für die Anthologie zu Verfügung stellen würden – und ich habe ausschließlich Zusagen bekommen.

Wer gehörte zum illustren Kreis der „Engels-Gesichter“-Zeichner, und wie hast du diese „ins Boot geholt“?
Eine gewissenhafte und detaillierte Antwort auf deine mehrteilige Frage würde Seiten füllen. Aber ich will mich um eine Antwort nicht herumdrücken.

Ich möchte nicht zur „Elitenbildung“ beitragen. Ich selbst fühle mich immer vernachlässigt, wenn bei der Vorstellung von Cartoon-Anthologien nur der Promi-Teil der Autorenschaft genannt wird, die, die für die auflagenstarken Zeitungen und Magazine arbeiten. Ich würde einer Promigeilheit erliegen, wenn ich hier nur ein paar der bekanntesten Zeichnerinnen und Zeichner nennen würde. Eine Ausnahme will ich machen. Der Zeichner der absolut herausragenden Titel-Karikatur ist Frank Hoppmann, Sieger beim Deutschen Karikaturenpreis 2017. Das war einer der Ersten, die zugesagt haben, und er hat mir vier exklusiv entstandene Porträtkarikaturen zukommen lassen. Aber ich habe mich natürlich über alle Beiträge gefreut. Wer sich für die Namen interessiert, muss hinten im Buch anfangen; da finden sich auf den Seiten 116 bis 118 alle 43 Beitragenden mit einer Kurzbiografie.

Seite aus „Engels-Gesichter“ (Edition 52)

Die deutschsprachige Cartoon-Szene ist überschaubar und gut miteinander vernetzt, und es war toll, dieses feine Netzwerk nutzen zu können. Ich könnte gar keinen Bild-Textsatire-Band zu einem Thema herausgegeben, das mich nicht interessiert. Und zu Themen, die mich interessieren, habe ich natürlich auch schon gearbeitet. Da war es selbstverständlich, dass ich auch als Bild- und Textautor auftauche. Es gibt ein lustiges vierzeiliges Gedicht, Cartoons, ‘ne Collage… und ich habe sogar eine Engels-Geburtstags-Briefmarke gestaltet, weil die Post das versäumt hat.

Ist auch eine Ausstellung mit euren Werken zum 199. Geburtstag von Engels geplant, und wenn ja: wo und ab wann?
Ja, so ist das. Das Buch wird am 28.11. – also in diesem Jahr – in der Stadtbibliothek in Wuppertal vorgestellt. Gleichzeitig wird es dort eine Ausstellungseröffnung mit Cartoons aus „Engels-Gesichter“ geben, dazu Lesungen und natürlich die Gelegenheit, das Buch zu kaufen und auch signieren zu lassen.

Parallel gibt es dort eine Ausstellung mit dem Titel „Mensch Engels“. Dass es diese Ausstellung geben würde, stand schon länger fest; da werden Skizzen, Zeichnungen und Karikaturen von Engels, also auch solche, die er selbst gezeichnet hat, zu sehen sein. Das ist sozusagen die Eröffnungsausstellung zum Engels-Jahr 2020, das in Wuppertal ziemlich groß gefeiert wird. Das Programmheft dazu listet über 200 Veranstaltungen auf. Und dann ist eben das ganze darauffolgende Jahr ein „Engels-Jahr 2020“.

Warum wurde eigentlich nicht der 200. Geburtstag in 2020 zum Anlass genommen? Wart ihr zu schnell?
Ja, wir waren schnell, aber nicht zu schnell. So nämlich kann unsere komisch satirische Würdigung, die auch buchgestalterisch und von der Ausstattung das Zeug zum schönen Geschenkbuch hat, all die geplanten Veranstaltungen im nächsten Jahr begleiten.