Keine Entschuldigungen – „Irmina“

Nach „Gift“, einer Comicerzählung über den berühmten Fall der Serienmörderin Gesche Gottfried, widmet sich Barbara Yelin erneut einem historischen Thema, nicht nur als Zeichnerin, sondern diesmal auch als Autorin. Und abermals verkörpert eine weibliche Protagonistin gesellschaftliche Entwicklungen. Bei des Deutschen Lieblingsthema Nationalsozialismus – Motto: Schuld sind immer die anderen – ist die Fallhöhe erfahrungsgemäß riesig, aber Yelins Graphic Novel ist für derlei Schwachsinn viel zu klug.

Barbara Yelin (Autorin und Zeichnerin): „Irmina – Taschenbuch“.
Reprodukt, Berlin 2020. 288 Seiten. 14,90 Euro

Irmina – an Yelins Großmutter angelehnt, ohne dass die Erzählung eine Biographie sein soll – durchwandert drei Stationen: 1934 kommt sie in London an, wo sie eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin absolviert und sich in den schwarzen Oxford-Studenten Howard Green verliebt. Weil das Geld aus Deutschland versiegt, zieht sie 1935 nach Berlin und arbeitet im Reichkriegsministerium. Als ihre Briefe an Howard unbeantwortet zurückkommen, heiratet sie den karrieristischen Architekten, Albert-Speer-Bewunderer und SS-Angehörigen Gregor Meinrich und bemitleidet sich in ihrem stagnierenden Mutterdasein, während um sie herum Juden verprügelt, enteignet, verhaftet und ermordet werden. 1983 erreicht sie in Stuttgart von Howard, mittlerweile ein erfolgreicher Gouverneur, eine Einladung in seine Heimat Barbados.

Das Wiedersehen gerät zur Retrospektive ungenutzter Wahlmöglichkeiten. Howard verehrt nach wie vor Irminas widerständiges Wesen, wie er es in England erlebte; in seiner Familie gilt sie als Legende. In der Kriegerwitwe (als ihr Mann zu ihr sagte: „Irmina, wenn der Krieg gewonnen ist, wird man fragen, wo meine Orden sind“, erwiderte sie: „Du hast recht. Keine Schwäche.“) hingegen rumort, dass sie sich aus opportunistischen Gründen in die Arme der Nazi-Elite schmiegte. Nie würde sie an sich selbst zweifeln, das ahnt sie ebenso wie die Leser*innen, wenn der Krieg einen für die Deutschen annehmlichen Ausgang genommen hätte.

Yelin nutzt keinen Entschuldigungsdiskurs, sondern entwickelt eine intensiv recherchierte, brillant gezeichnete und komponierte Miniaturstudie darüber, wie Mitläufertum ohne ideologische Überzeugung funktioniert. Die Konsequenz: Eine vom Tagesspiegel zusammengestellte Jury kürte „Irmina“ zum Comic des Jahres 2014, 2016 wurde Yelin auf dem Comic-Salon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis als „Beste deutschsprachige Künstlerin“ ausgezeichnet.

Neben der Hardcover-Edition ist nun auch eine günstigere Taschenbuch-Ausgabe erschienen.

Diese Kritik erschien zuerst in: KONKRET

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur und Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de, schreibt für KONKRET, Tagesspiegel, Neues Deutschland und Junge Welt. Beiträge u. a. in Taz, TITANIC, Jungle World, Der Schnitt, Pony, Das Viertel, Testcard, kino-zeit.de sowie für zahlreiche Buch- und Comicpublikationen und DVD-Mediabooks.

Seite aus „Irmina“ (Reprodukt)