So werden Stars geboren – „Von Gir zu Moebius“

Bereits lange zu Lebzeiten bewunderten Fans und Kritiker gleichermaßen jenen Mann, dem zwei völlig unterschiedliche Zeichnerpersönlichkeiten innezuwohnen schienen. Als Gir signierte Jean Giraud die Abenteuer des Leutnant Blueberry, anfangs noch ganz im Stile seines Mentors und Lehrmeisters Jijé im klassischen, realistischen franko-belgischen Stil gehalten. Und als Moebius erschienen teils überdrehte, verwirrende, weil neuartige Science-Fiction-Geschichten, wahlweise dem Stil der Klaren Linie verbunden oder eher skizzenhaft, beinahe cartoonartig und satirisch. Zu Moebius‘ Hauptwerken zählen „Die hermetische Garage“ und später natürlich „John Difool“, gemeinsam mit Alejandro Jodorowsky entstanden, nachdem dessen „Dune“-Projekt grandios gescheitert war. Aber gab es auch etwas dazwischen? Wie entwickelte sich der 2012 verstorbene Zeichner und Autor zu dem unangefochtenen Star der Szene, der später sogar gemeinsam mit Stan Lee und Jiro Taniguchi über Comic-Kulturen hinweg zusammenarbeiten sollte?

Moebius/Jean Giraud (Autor und Zeichner): „Von Gir zu Moebius“.
Aus dem Französischen von Harald Sachse. Splitter Verlag, Bielefeld 2020. 144 Seiten. 25 Euro

Der Band, der sich als eine kleine Werkschau versteht, abseits der großen und bekannten Comics, beinhaltet Kurzgeschichten aus den ersten 20 Jahren des Schaffens Jean Girauds. Er beginnt mit den ersten Schritten/Strichen, mit dem ersten veröffentlichten Comic „Frank et Jérémie“, ein Funny-Western, der 1956 entstand, als Giraud gerade mal 17 Jahre alt war. Mit Hauptfiguren, die an Lucky Luke und Jerry Springs Sidekick Pancho erinnern. Bald lernt der junge Giraud Jean-Claude Mézières kennen, einen Weggefährten, ebenfalls wie er Jahrgang 1938, und schließlich begegnet er Jijé, dem großen Comic-Altmeister, der sein Mentor werden sollte. Giraud nimmt dessen Stil an, was in diversen Western-Kurzgeschichten gut zu erkennen ist. 1962 assistiert er Jijé bei der „Jerry Spring“-Episode „Der Weg nach Coronado“ (in Band 3 der Ehapa-Gesamtausgabe enthalten). Später sollte sich Jijé revanchieren, als er Teile des Albums „Das Halbblut“ zeichnete (in Band 2 der aktuellen Collector’s Edition), während Giraud in Mexiko weilte.

Doch überraschen die frühen Arbeiten immer wieder. Mit ihrer Ausführung, ihrem Stil, in dem Giraud extrem variabel war. Offenbar probierte er alles aus. Vom Funny bis zum Realismus. Selbst ein Fotocomic ist darunter. Die titelgebende Episode zeigt dann bereits einen reiferen, eigenen Stil. Von Anfang an legt er eine enorme, interessierte Vielseitigkeit an den Tag, aus der sich schließlich sein Alter Ego kanalisiert. Gir und Moebius entstanden also überraschend parallel und inspirierten sich dann gegenseitig. Der Weg von Gir zu Moebius ist daher nur in den ganz frühen Jahren nachvollziehbar. Die einzelnen Geschichten stehen zuerst unkommentiert da und konfrontieren den Leser ohne Hintergrundwissen, sind lediglich chronologisch sortiert. Erst das ungemein informative Nachwort des Science-Fiction-Autors Claude Ecken setzt die Storys in einen Kontext, erklärt Verbindungen zu Girauds Leben und Werdegang. Die letzten hier enthaltenen Arbeiten sind von 1979. Da war „Blueberry“ längst etabliert, Les Humanoïdes Associés bereits gegründet und John Difool noch nicht erschienen. Folglich ist der Rest – wie man so schön sagt – Geschichte.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.

Seite aus „Von Gir zu Moebius“ (Splitter Verlag)