Wo der Selbsthass wohnt – „Bei mir zuhause“

„Es geht natürlich um mich“, erklärt Paulina auf den Stufen vor der Oetinger Villa in Darmstadt einer Bekannten. „Ist aber keine Autobiografie. Fiktion aber auch nicht.“ Das Gespräch dreht sich um den Entstehungsprozess des 600-seitigen Werks „Bei mir zuhause“, das soeben nach sechs Jahren Arbeit erschienen ist. Eine Graphic Novel zwischen Fiktion und Autobiografie von Paulina Stulin, über das „Zuhausesein. Um Rausch. Und ums Dreißigwerden.“

Paulina Stulin (Autorin und Zeichnerin): „Bei mir zuhause“.
Jaja Verlag, Berlin 2020. 612 Seiten. 35 Euro

Egal ob fiktiv oder autobiografisch ist „Bei mir zuhause“ ein Buch über den Blick der Protagonistin Paulina auf die Welt und auf sich selbst. In fast allen Panels der am Computer gezeichneten Graphic Novel ist die Protagonistin zu sehen, durch das Brennglas ihrer Zeichnerin: Mal ist sie dick, mal dünn, detailverliebt oder verschwommen und verzerrt, auf Drogen mit sich auflösenden Konturen, so wie man sich eben selbst immer wieder anderes wahrnimmt, je nachdem, welche anderen Faktoren wirksam sind, Stimmungen, Blicke, Gespräche…

Die Idee von „Zuhause“ wird im Comic in vielfacher Weise durchgespielt. Da ist zunächst einmal die eigene Wohnung in Darmstadt, seit 13 Jahren das gleiche Dachgeschosszimmer, das sich allerdings „die ganze Zeit mit mir verändert“ hat. In den im Comic erzählten Monaten ist die Wohnung Zufluchts- und Ruheort, kann sich aber schnell in ein Gefängnis transformieren, wenn die Stimmung der Protagonistin zu düster wird, sich vor dem Dachfenster die grauen Wolken sammeln und die Kacheln im Bad die Form eines Gitters annehmen.

„Zuhause“ ist aber auch der eigene Körper, in dem sich Paulina mal mehr und mal weniger wohl fühlt. Sie reflektiert über die gesellschaftlichen Projektionen auf Frauenkörper, auf die Zuschreibungen, unter denen sie leidet. Ihre Versuche, sich der ein oder anderen Erwartung zu entziehen — sich nicht mehr zu rasieren oder das eigene Körpergewicht zu ignorieren —, werden im Comic ebenso inszeniert wie die Schwierigkeiten und das Scheitern. Und ein „Zuhause“ ist die Stadt von Paulina Stulin: Darmstadt. „Bei mir zuhause“ ist eine Hommage an die mittelgroßen Städte wie Darmstadt, an die Vertrautheit und Enge, die gewachsenen sozialen Strukturen, eine intakte Subkultur und die Bedeutung von Orten wie dem Kulturzentrum Oetinger Villa. Orte, an denen man sich kreativ ausleben kann, Party und philosophisches Gespräch nebeneinander möglich sind, Politik und Hedonismus friedlich koexistieren können. Und wo über sechs Jahre hinweg ein Comic wie „Bei mir zuhause“ reifen kann.

Hier gibt es ein Interview mit Paulina Stulin.

Dieser Text erschien zuerst in: Stadtrevue 11/2020

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins.

Seite aus „Bei mir zuhause“ (Jaja Verlag)