Durch Raum und Zeit

© Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen, Verlag C.H. Beck

„Willkommen zur neuen Staffel von Evolution, der besten Show der Welt!“ Die sportlich gekleidete Reality-TV-Moderatorin kündigt die nächste Challenge für neun Paare abenteuerlustiger Menschen an: „Verlasst euer Zuhause in Afrika, um neue unerforschte Gebiete zu erobern. Damit ihr das schafft, müsst ihr euch anpassen an ein neues Klima, neue Landschaften, neue Nahrung.“ Wer zwei Millionen Jahre später gewinnen wird, ist bekannt: Homo sapiens, die einzige Art aus der Familie der Hominiden, die diese Challenge überlebt hat.

Doch was wäre, wenn nicht Homo sapiens den Run auf die entlegensten Winkel der Erde geschafft hätte, sondern auch Neandertaler und Denisova? Würden wir uns dann immer noch für etwas Besonderes halten? Und mit welchen Mitteln konnte es den Sapiens, auf Deutsch den „Weisen“, überhaupt gelingen, sich in beispiellos kurzer Zeit zum mächtigsten Tier des Planeten aufzuschwingen?

Yuval Noah Harari (Autor), David Vandermeulen (Szenarist), Daniel Casanave (Zeichner):
„Sapiens Bd. 1: Der Aufstieg“.
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck, München 2021 (2. Aufl.). 248 Seiten. 25 Euro

Diese Fragen hat der israelische Historiker Yuval Noah Harari schon in seinem bekanntesten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (2013) auf eindrucksvolle Weise bearbeitet. Nun ist mit „Sapiens. Der Aufstieg“ der erste Band einer vierteiligen Graphic-Novel-Fassung des Bestsellers erschienen, der mit neuen Blickwinkeln auf die verästelten Tiefen der Menschheitsgeschichte aufwartet.

„Prehistorik Bill“

„Das war das lustigste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe“, sagte Harari bei einer Online-Veranstaltung zu der der im C.-H.-Beck-Verlag erschienen deutschen Übersetzung. Seine Co-Autoren, der belgische Texter David Vandermeulen und der französische Zeichner Daniel Casanave, hätten ihn davon überzeugt, selbst als Comiccharakter aufzutreten – allerdings unter der Bedingung, dass ihm eine Gruppe von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern erklärend zur Seite steht. Darunter befindet sich der britische Psychologe Robin Dunbar, aber auch in einer tragenden Rolle die fiktive Biologin Professor Saraswati.

Hararis Partnerin auf seiner Zeitreise ist seine Nichte Zoe, die nicht nur kluge Fragen beisteuert, sondern auch regelmäßig Ausgaben des Comics „Prehistorik Bill“. Die in die Graphic Novel eingestreuten Seiten in der Optik alter Zeitungscomics, die in Fred-Feuerstein-Manier das Steinzeitleben und die Klischees darüber karikieren, gehören zu den vielen Kunstgriffen, die das Buch so sehens- und lesenswert machen.

Mühelos durch Raum und Zeit

Gespickt mit Referenzen auf Kunst, Popkultur und natürlich Superheldencomics gleitet die Story mühelos durch die afrikanische Savanne, ins moderne New York, nach Frankreich im Jahr 1913, zu den Wildbeutern an der Landbrücke von Sibirien nach Alaska, genauso wie zu einer wissenschaftlichen Konferenz in Rio, wo über Sexualität und Familienstrukturen der Urmenschen debattiert wird.

Seite aus „Sapiens Bd. 1: Der Aufstieg“ (C.H. Beck)

Eine zentrale Rolle nimmt die androgyne schwarze Superheldin Doctor Fiction ein. Im Gespräch mit Armand Peugeot, Gründer der gleichnamigen Automarke, macht sie klar, dass viele unserer Errungenschaften auf einer großen Fiktion beruhen: „Unternehmen werden genauso geschaffen wie Götter – sie erzählen Geschichten und überzeugen alle, daran zu glauben“, bläut Doc Fiction dem verunsicherten Peugeot ein.

Für Harari liegt der Schlüssel des Erfolgs der Sapiens in der kognitiven Revolution vor etwa 70.000 Jahren. Diese Entwicklung in Gedächtnisleistung und Kommunikation ermöglichte es, dass sich Menschen Geschichten erzählten und damit komplexere Gesellschaftsstrukturen entstehen konnten, die durch Mythen, Riten und Gottheiten zusammengehalten wurden. Das Vertrauen gegenüber Fremden und die Kooperation mit ihnen – also das, was Sapiens im Wesentlichen von anderen Tierarten unterscheidet – wurden zum Grundstein der modernen Welt.

Weitreichende Folgen

Die Folgen waren schon damals einschneidend: Sapiens verdrängte andere Hominide und wurde zu einer Gefahr für das Ökosystem, wo auch immer er auftauchte. Und schuf dabei das, was wir heute „Kultur“ nennen. So wild durcheinandergewürfelt die Erzählweise manchmal scheint, Harari und Konsorten schaffen es, stringent und faktenbasiert verständlich zu machen, was sich in der Zeit bis zur landwirtschaftlichen Revolution vor 12.000 Jahren abgespielt haben dürfte (hier endet der erste Teil der Graphic-Novel-Reihe).

Gewohnt brillant stellt Harari große Zusammenhänge her, wo man sie nicht sofort vermuten würde, stellt eingefahrene Denkmuster wie Geschlechtervorstellungen infrage und scheut sich nicht davor, auch Konflikte und weiße Flecken in der Wissenschaft offenzulegen.

Eingebettet in eine kreativ komponierte Comicstory ergibt das eine absolut lehrreiche und unterhaltsame Kombination. „Wir wollten mit neuen Wegen experimentieren, Geschichte zu erzählen, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen“, sagt Harari. Das Experiment ist gelungen. In diesem Jahr soll eine Version für Kinder folgen.

Diese Kritik erschien zuerst am 12.11.2020 auf dem Standard-Comicblog Pictotop.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.

Seite aus „Sapiens Bd. 1: Der Aufstieg“ (C.H. Beck)