Spitze Nippel, lila Kühe

© Lucky Productions 2021, Egmont Publishing

Wie ist die Schokolade in den wilden Westen gekommen? Bei Ralf König war es ein Schweizer Unternehmer, der das Schokoladenrezept in seinem Gepäck hat – und außerdem ein paar original lila Kühe aus der Schweiz, die allein die richtige Milch für seine Schokolade geben können. Als eine Handvoll Cowboys seine Schokolade probieren, sind sie so hingerissen, dass es schon fast etwas Erotisches hat, wenn sie die Schokolade lutschen. Die Schweizer Kühe jedenfalls sind so wertvoll, dass es nur folgerichtig ist, dass Lucky Luke die beim Weiden beaufsichtigt, zusammen mit einem Schwulen – denn die zarteste Versuchung bleibt bei Ralf König auch in diesem Comic ein Mann.

Ralf König: „Lucky Luke: Zarter Schmelz“.
Egmont, Berlin 2021. 56 Seiten. 8,99 Euro

Seit mehr als 40 Jahren gilt Ralf König als Meister des schwulen Comics, der das Begehren in seinen komischsten Ausprägungen zeichnet. Und genau das macht auch in seinem Lucky Luke den Reiz aus. Denn der Cowboy Bud, der ihn begleitet, hatte eine wilde Affäre mit dem Cowboy Terence, der sich in der heteronormativen Prärie geniert, einen Mann zu lieben. Die Anspielung auf das Kinotraumpaar Bud Spencer und Terrence Hill unterstreicht Ralf König auch durch den Körperbau der beiden Liebenden. Und entwickelt aus dem Stoff eine romantische Screwball-Komödie, in der Bud und Terence einige Verwicklungen durchleben müssen, bevor beide begreifen, dass sie füreinander bestimmt sind.

Der „Lucky Luke“-Band „Zarter Schmelz“ ist damit ein typischer Ralf König Comic – und zugleich eine echte Hommage. Ralf König spielt mit den Motiven, die Lucky Luke zur Ikone gemacht haben: Kaut der einst rauchende Lucky Luke heutzutage gesundheitsbewusst auf einem Grashalm rum, hat er sich bei Ralf König sogar das abgewöhnt. Und auch Calamity Jane – der Lieblingsband des jungen Ralf König – bekommt einen Gastauftritt. Bei dem verjagt sie nicht wie im Lucky Luke Band von 1965 Apachen, sondern lässt sich, sichtlich gealtert, von der Indianerin Buffalo Butch den Rücken behandeln.

Ralf König spielt mit homosexuellen Andeutungen. Selbst seine Figur des einsamen Cowboys hat erotische Merkmale, auf die die anderen Cowboys stehen: spitze Brustwarzen, ein herausragendes Geschlecht, das die Unterhose ausbeult. Schwul darf Lucky Luke aber nicht sein, so war die Vereinbarung mit den belgischen Lizenzgebern der Comicreihe. Schwul sein ist eben doch noch nicht so normal, dass das als eine Variation der Identität von Lucky Luke durchgehen kann. Stattdessen hat Ralf König einen urkomischen schwulen Mainstream-Band gezeichnet, zumindest für Westeuropa. Ob „Zarter Schmelz“ in Ungarn mit seinen homofeindlichen Gesetzen herauskommen darf, ist noch nicht klar.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 01.07.2021 auf: kulturradio rbb

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

Szene aus Ralf Königs „Lucky Luke: Zarter Schmelz“ (© Lucky Productions 2021, Egmont Publishing)