Comic-Chronist Aleksandar Zograf: „Unsere Welt hat zu viele Anführer“

Der serbische Künstler ist überzeugt, dass die Proteste in seinem Land viel bewirken können. Ein Gespräch über Widerstand und Comics als Link in die Vergangenheit.

Saša Rakezić alias Aleksandar Zograf ist so etwas wie ein Urgestein der Underground-Comics. Schon als Teenager im ehemaligen Jugoslawien brachte er sein eigenes Fanzine heraus. In den 1990er-Jahren wurde das US-Kultmagazin „Weirdo“ von Comicgroßmeister Robert Crumb sein Sprungbrett zum internationalen Durchbruch. Zografs Comic-Essays und -Reportagen, in denen er immer wieder Weltgeschichte durch seinen ganz persönlichen Blickwinkel destilliert, wurden mittlerweile in zig Sprachen übersetzt, aus seinem Gebursort Pančevo nahe Belgrad zog er aber nie weg. Von dort aus erlebte er die Jugoslawienkriege und die Nato-Bombardierungen 1999 hautnah mit und berichtete darüber in „Life under Sanctions“, „Psychonaut“ und „Regards from Serbia“.

Wie jeder gute politische Kommentator leuchtet er, unter anderem in einem wöchentlichen Strip im serbischen Nachrichtenmagazin „Vreme“, dorthin, wo es wehtut. In der „Vreme“ erschien kürzlich seine Kolumne „The Rabbit’s Scream“ (dt. Der Schrei des Hasen) über die Proteste serbischer Studierender, die sich zu einem Volksaufstand gegen Korruption und Machtmissbrauch der Regierung gewandelt haben. Ich habee Zograf am Rande der Vienna Comix Week getroffen, wo der umtriebige Zeichner mit einer Ausstellung und einem Workshop bei den Wiener Festwochen vertreten war.

Sie begleiten als eine Art Comicreporter schon lange die politischen Entwicklungen in Serbien, zuletzt haben Sie den Comic-Kommentar „The Rabbit’s Scream“ über die aktuellen Studierendenproteste veröffentlicht. Wie erleben Sie die derzeitige Lage?

Die Proteste gehören zu den beeindruckendsten Dingen, die ich miterlebt habe. Sie sind mehr als nur ein lokales Ereignis und könnten auch auf europäischer Ebene eine Veränderung der derzeitigen Situation anstoßen. Die Proteste zeigen, dass wir die aktuellen Krisen, die weltweit sehr beunruhigend sind, anders angehen können. Zurzeit scheint alles blockiert. Unsere Welt wird konservativer, verschlossener und ängstlicher. Viele Dinge funktionieren offensichtlich nicht mehr – sogar die Demokratie scheint nicht mehr zu funktionieren. Wir als Gesellschaften stehen an, wir haben verlernt, wie man ein System verändert, selbst autokratische Systeme, wie es sie auch in Europa gibt. Wenn die Proteste Erfolg haben, wäre es das erste Mal seit Jahren, dass gezeigt wird: Veränderung ist möglich.

Was zeichnet die serbischen Proteste aus im Vergleich zu anderen Bewegungen?

So etwas hat es meines Wissens noch nie gegeben. Die Proteste dauern nun sechs Monate an, Universitäten sind geschlossen, und die Professorenschaft steht hinter den Studierenden. Die Demonstrationen sind vollkommen gewaltfrei, die einzige Gewalt kam von der Regierung, so wie der Einsatz von Schallkanonen am 15. März. Es gibt eine starke Solidarität. Trotz ideologischer Unterschiede werden alle Entscheidungen basisdemokratisch abgestimmt, von Kleingruppen bis zum Mega-Plenum. Das braucht Zeit, aber schafft ein hohes Maß an Konsens. Die Diskussionen sind tiefgehend, abgestimmt wird mit Handzeichen, moderiert von rotierenden Dreierteams – damit es keinen Anführer gibt. Die Studierenden zeigen, dass es möglich ist, ohne Hierarchie zu funktionieren. Unsere Welt hat zu viele Anführer. Wir sollten sie loswerden.

Wir feiern am 8. Mai 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, Ihre Großeltern waren selbst im Widerstand. In „Partisanenpost“ haben Sie Geschichten gesammelt, die einzelne Schicksale und die Schrecken des Krieges zeigen, und widmen sich „Menschen, für die die große Geschichte keine Zeit hat“, wie Sie einmal gesagt haben. Was können diese Menschen erzählen?

Wir können auch heute noch von den Erfahrungen der Menschen aus der Vergangenheit lernen, gerade weil wir in einer Welt leben, die sehr auf das Jetzt fokussiert ist. Das macht uns blind für die Menschen, die vor uns gelebt haben. Der Zweite Weltkrieg war eines der zentralen Themen der Welt und scheint in vielen Ländern nicht aufgearbeitet zu sein. Ich habe mich gefragt, warum das so ist, und versucht, Geschichten sogenannter „kleiner Leute“ zu sammeln – um zu verstehen, was sie in einer solchen Krisensituation getan haben. Wie können Menschen Widerstand leisten, trotz der Gefahren, die vom System ausgehen? Das ist noch nicht vollständig verstanden – meist spricht man nur über herausragende Persönlichkeiten.

Sie haben eine Faszination für Flohmärkte, die auch als Fundgrube für Ihre Geschichten fungieren, und remixen dann Vergangenheit und Gegenwart. Was steckt hinter dieser Leidenschaft für die vergessenen Fragmente der Vergangenheit?

Flohmärkte sind so etwas wie ein Blick ins kollektive Unterbewusstsein. Ein Flohmarkt bietet die Gelegenheit, über andere Menschen nachzudenken und etwas über das menschliche Drama zu lernen, das sich durch die Zeit dehnt. Wir leben in einer Welt, die sehr selbstbezogen ist. Die Menschen sind heute vielleicht effektiver, aber auch eher in ihrer eigenen Situation gefangen. In der Vergangenheit haben die Menschen ihre Probleme geteilt – und auch künstlerische Ausdrucksformen entwickelt, um über das gemeinsame menschliche Schicksal zu sprechen. Deshalb berühren uns heute noch Manuskripte aus dem antiken Griechenland, weil sie viel mit uns zu tun haben.

Eigentlich steckt ein Archäologe in Ihnen. Sie haben gesagt, dass prähistorische Kunst Sie gleichermaßen beeinflusst hat wie Underground-Comics. Was interessiert Sie daran?

Prähistorische Archäologie erzählt von Menschen, deren Erfahrungen sich von unseren unterscheiden, aber trotzdem sind sie Menschen wie wir. In der Nähe von Belgrad liegt Vinča, die Stätte einer bedeutenden prähistorischen Kultur. Die Menschen, die vor mehr als 7000 Jahren hier lebten, nutzten Flüsse als eine Art Kommunikationssystem und bereisten ganz Europa. Wie Ulli Lust in ihrem Buch „Die Frau als Mensch“ darstellt, waren es die Frauen, die tausende plastische Figurinen produziert haben, die sehr viel über ihre Einstellung zur Gesellschaft und zur Natur zum Ausdruck bringen. Sie kannten keinen Krieg. Jede und jeder Einzelne war in der Lage, herzustellen, was nötig war, die Produkte wurden miteinander getauscht. Für die Jungsteinzeit waren die Vinča eine sehr offene Gesellschaft – entspannter als heute, wo Probleme, Ehrgeiz und Krieg vorherrschen.

Inwieweit ist das auch eine Inspiration für Ihre Comics?

Die Beschäftigung mit der Urgeschichte wurde zu meiner Obsession. Ich habe Nachforschungen angestellt, um zu verstehen, wie die Menschen damals lebten. Das taucht in einigen meiner Comics auf, der Prozess des Lernens und Verstehens hat aber auch meine Einstellung dazu beeinflusst, was ich suche und sehe. Außerdem sind auf antiken Töpferwaren und Kunstwerken oft Zeichnungen zu sehen, die an moderne Comics erinnern. Ich setze gewissermaßen diese Linie fort.

Ihr Pseudonym Zograf kommt auch aus der Geschichte. Was hat es damit auf sich?

Das Wort kommt aus dem Griechischen und wurde im östlichen Mittelmeerraum als Namenszusatz verwendet für die Künstler, die Fresken und ikonische Gemälde malten. Ich war immer beeindruckt davon, wie sie mit ihrer Kunst zwischen der Welt der Ideen und der realen Welt vermittelten. Ihre Bilder waren nie realistisch, ebenso wenig, wie ich realistisch sein möchte. Sie wollten etwas ausdrücken, was über das alltägliche Leben hinausgeht. Das war eine Inspiration für mich, als ich jung war und mich entschloss, ein Pseudonym zu verwenden. Es ergab sich zufällig und blieb irgendwie hängen.

Sie haben sich immer wieder mit der Sprache der Comics beschäftigt. Was macht es für Sie aus, diese Kunstform zu nutzen, um sich auszudrücken?

Ich habe mich oft mit der Geschichte und Form von Comics befasst. Die Kombination von Bild und Text ist eine uralte Kunstform. Es ist eine einfache, aber spannende Art, sich auszudrücken. Mittlerweile gibt es viele Universitäten in unterschiedlichen Ländern, an denen Comicforschung betrieben wird, dennoch werden Comics immer noch als eine nicht so wichtige Kunstform betrachtet. Der Vorteil an diesem Außenseiterstatus ist aber, dass das Medium nicht allzu ernst genommen wird – diese Position ist manchmal nicht so schlecht. Man denke an den Blues, eine Musik, die von Außenseitern produziert wurde, mit geringsten Mitteln, aber die Grundlage für unsere heutige Populärkultur wurde. Das ist es auch, was ich mit „The Rabbit’s Scream“ sagen wollte: Wenn Menschen in die Enge getrieben werden und als chancenlos gelten, können sie manchmal die besten Lösungen finden.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 28.06.2025 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.

Aleksandar Zograf: Partisanenpost • Aus dem Serbischen von Ivan Petrovic • Bahoe Books, Wien 2020 • Hardcover • 144 Seiten • 19 Euro