Entführt, um Godzilla zu übertrumpfen – „Der Diktator und der Plastikdrache“

In den 70ern wurden die berühmte südkoreanische Schauspielerin Choi Eun-hee und ihr Ex-Mann, der Filmregisseur Shin Sang-ok, nach Nordkorea entführt. Als Gefangene des Regimes sollen sie aus der dortigen Filmindustrie wieder ein Erfolgsgeschäft machen, was sogar gelingen wird. „Der Diktator und der Plastikdrache“ erzählt keine Räuberpistole, sondern fast vergessene Filmgeschichte.

Hongkong, 1978. Shin Sang-ok ist einer der profiliertesten Filmregisseure Südkoreas. Nun reist er überstürzt in die britische Kronkolonie, weil seine Ex-Frau Choi Eun-hee, eine berühmte Schauspielerin, spurlos verschwunden ist. Erfolglos klappert er die Filmstudios und Filmsets nach Hinweisen auf ihren Verbleib ab. Auch die Polizei ist ratlos. Dann trifft sein Fahrer einen Informanten, der angeblich weiß, wo Choi Eun-hee steckt. Eine Finte, denn Shin Sang-ok wird entführt und wie seine Ex-Frau heimlich nach Nordkorea gebracht. Dort trifft er nicht nur seine Ex-Frau wieder, sondern auch den Diktator in spe Kim Jong-il, der seinem Vater Kim Il-sung immer mehr „Regierungsgeschäfte“ abnimmt. Kim Jong-il, ein großer Filmfan, erklärt dem verdutzten Paar, dass er mit ihrer Hilfe die nordkoreanische Filmindustrie reorganisieren und erfolgreiche Filme drehen will. Und in der Tat werden sich ihre nordkoreanischen Kinofilme als Kassenschlager erweisen. Zugleich bleiben die beiden, die auch privat wieder zueinander gefunden haben, Gefangene des Regimes.

Der Witz an der Sache: Die abenteuerliche Geschichte, die Autor Fabien Tillon und Zeichnerin Fréwé (d. i. Frédérique Rich) in „Der Diktator und der Plastikdrache“ erzählen, ist wahr. (Das Thema wurde übrigens bereits von Sheree Domingo und Patrick Spät in ihrer 2022 erschienen Graphic Novel „Madame Choi und die Monster“ aufgegriffen.)Tatsächlich wurde das prominente Filmpaar seinerzeit nach Nordkorea entführt, drehte dort über mehrere Jahre erfolgreich Filme, natürlich allesamt im geforderten patriotischen Duktus, gewann dadurch immer mehr Freiheiten, bis schließlich 1986 in Wien die spektakuläre Flucht in die US-amerikanische Botschaft gelang. Kurios: Unter den Filmen, deren Thematik der kettenrauchende Kim Jong-il oft selbst vorgab, war mit „Pulgasari“ ein Godzilla-Klon (der Plastikdrache des Titels), basierend auf einer nordkoreanischen Legende, der sogar mit Unterstützung von Mitarbeitern des japanischen Toho-Studios entstand und auch im (nicht kommunistischen) Ausland gezeigt wurde.

So beschreibt die Erzählung weniger den nordkoreanischen Alltag, sondern das vergleichsweise privilegierte Leben des Kinopaars in einem goldenen Käfig, mit Kim Jong-il als einer Art Protegé. Shin Sang-ok diskutiert mit dem zukünftigen Diktator über Filmtheorien und lässt sich von ihm seine gewaltige Filmsammlung zeigen. Die Freiheit ersetzt das freilich nicht, auch wenn er und seine Frau sich bei der Arbeit in gewisser Weise verwirklichen können. Aber nicht nur der erstaunliche Lebensweg des Paares (Shin Sang-ok hätte in den USA fast „Rambo“ gedreht) oder der seltene Blick auf Nordkoreas Filmindustrie fasziniert. Im ersten Teil des Plots nehmen uns die Autoren auch mit auf einen Streifzug durch das in seiner Blüte stehende Hongkong-Kino – so trifft sich Shin Sang-ok mit Tsui Hark, der gerade an einem seiner ersten Filme arbeitet.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Fabien Tillon (Autor), Fréwé (Zeichnerin): Der Diktator und der Plastikdrache • Aus dem Französischen von Katharina Kral • Bahoe Books, Wien 2025 • Hardcover • 160 Seiten • 26,00 Euro

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.